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Sticheleien in der Union Laschet, der gescheiterte Kandidat – eine Demontage in Zitaten

Armin Laschet, CDU-Bundesvorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen
Armin Laschet, CDU-Bundesvorsitzender und Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, kommt zu Sondierungsgesprächen zwischen der CDU und Bündnis 90/Die Grünen
© Michael Kappeler/ / Picture Alliance
Laschets letzte Chance ist eine Jamaika-Bündnis mit FDP und Grünen. Doch schon vor den ersten Sondierungsgesprächen wird der CDU-Parteichef und Würde-gern-Kanzler der Union öffentlich demontiert – von den eigenen Leuten. 

War es eine Bitte, ein Gesuch, ein Appell? Vielleicht war es auch ein Hilferuf. Wie auch immer: Der sollte sich in den kommenden Tagen ohnehin nur zu einem stummen Schrei ausdehnen.   

Es ist Freitagabend, eigentlich wollte die Union feiern. Geladen wurde zur Geburtstagsparty des früheren CSU-Chefs Edmund Stoiber, doch gern hätten CDU und CSU auch auf ihren gemeinsamen Kanzlerkandidaten angestoßen. Auf einen Wahlsieg, einen Erfolg.

Stattdessen setzte, wenige Tage nach der Bundestagswahl, ein historischer Wahlverlierer zur Rede an. Armin Laschet beschwor in seiner Laudatio den Zusammenhalt der oftmals zerstrittenen Schwestern, die sich immer wieder zusammengerauft hätten, eine unkaputtbare Union, die vor allem in turbulenten Zeiten geschlossen zusammenstehe. Schließlich, sagte der CDU-Parteichef auf der Familienfeier: "Das wäre eine gute Tugend für heute auch: Loyalität, Kritik nach innen."

Doch von Loyalität haben sich einige in der Union schon losgesagt und Kritik wird unlängst nach außen geübt. Ausgerechnet adressiert an den Mann, der trotz Wahlschlappe eine Koalition schmieden soll, um CDU/CSU noch ins Kanzleramt zu retten.

Das sorgt mitunter für Kopfschütteln bei jenen Parteien, auf deren Unterstützung Laschet nun angewiesen wäre. Noch vor dem ersten Abtasten an diesem Dienstag stellte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt mit Blick "auf den Zustand der CDU" infrage, ob die Union überhaupt bereit für Sondierungsgespräche sei. Auch FDP-Chef Christian Lindner geriet schon vor dem Gesprächsauftakt zwischen Liberalen und Union ins Staunen. "CDU und CSU müssen klären, ob sie wirklich eine Regierung führen wollen", sagte er der "Bild am Sonntag". Die FDP sei "zu ernsthaften Gesprächen mit der Union bereit", doch umgekehrt erhoffe man sich dasselbe.

"Da wäre ein Wahlsieg schon ein kleines Wunder gewesen"

Wirklich belastbar scheint nur, dass die Union in einer Krise um ihren künftigen Kurs und ihre Führung steckt. Und die liest sich so: 

Dass im Wahlkampf Fehler passiert sind und unser Spitzenkandidat nicht richtig gezogen hat, kann niemand leugnen. Allein das hat viele Prozente gekostet. (...) Die nächste Generation nach Angela Merkel muss jetzt stärker sichtbar werden, in Positionen und in Verantwortung kommen. 

... sagte Bundesgesundheitsminister und CDU-Vize Jens Spahn der "Welt am Sonntag", der einst im Tandem mit Laschet für dessen Bewerbung als CDU-Vorsitzenden die Werbetrommel gerührt hatte. Er warb für einen Bundesparteitag "spätestens" im Januar. "Jetzt geht es um die Aufstellung für die Zukunft, einfach so weitermachen ist keine Option", sagte er.

In der CDU darf jetzt kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Wir müssen uns inhaltlich und personell neu ausrichten.

... sagte Tilman Kuban, Chef der Jungen Union, zur "Welt am Sonntag". Es sei "Zeit für junge Köpfe" – und es ist nicht davon auszugehen, dass sich Laschet damit angesprochen fühlen sollte.

Der Erneuerungsprozess muss umfassend sein: Partei, Fraktion, Inhalte, Kommunikation, Personal. Und dieser Prozess muss stattfinden unabhängig davon, ob wir Regierung werden oder in die Opposition gehen. Wenn das klar ist, müssen wir auch über eine personelle Neuaufstellung sprechen.

... sagte CDU-Präsidiumsmitglied Norbert Röttgen dem "Tagesspiegel", der einst im Rennen um den Parteivorsitz gegen Laschet unterlag – und kurz darauf im TV-Talk bei "Anne Will" nicht vermochte, die Frage zu bejahen: Wollen Sie, dass Armin Laschet Kanzler wird?

Man sieht, mancher macht die Fehler immer wieder

... sagte CSU-Chef Markus Söder auf Stoibers Geburtstagsparty, wie die "Bild" und "Süddeutsche Zeitung" berichteten. Ein Satz, der ihm als Seitenhieb gegen Laschet ausgelegt wurde: Söder gab den CDU-Granden Wolfgang Schäuble die Schuld an Stoibers Wahlniederlage 2002, weil der die Union seinerzeit auf ein "Ja" zum Irakkrieg eingeschworen habe. Nun war Schäuble maßgeblich daran beteiligt, dass Laschet die Kanzlerkandidatur der Union übernahm – und nicht Söder, der sich für den besseren Kandidaten hielt.

Wir hatten einen Kandidaten mit sehr niedrigen Zustimmungswerten in der Bevölkerung. Da wäre ein Wahlsieg schon ein kleines Wunder gewesen. 

... sagte Friedrich Merz den Zeitungen der Funke Mediengruppe, der schon zwei Mal zum CDU-Chef gewählt werden wollte (und nun wohl ein drittes Mal). Später meldete er sich via Twitter zu Wort – mit einer eher pflichtschuldigen Solidaritätsbekundung: "Wir haben einen gewählten Vorsitzenden und ich unterstütze ihn bei seinen Bemühungen, eine Koalition mit FDP und Grünen aufzustellen. Alle anderen Fragen stellen sich derzeit nicht."

Fragt sich nur: Wie lange noch?

Die Wortmeldungen sind unmissverständlich, auch wenn sie nur zum Teil direkt an Laschet adressiert sind: Wenn es ihm nicht gelingt, ein Jamaika-Bündnis mit FDP und Grünen zu schmieden, ist seine Zeit als CDU-Vorsitzender gezählt. Seine Ablösung wird offenbar vorbereitet, "Putschpläne in der CDU" geschmiedet, wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" mit Blick auf die aktuelle Gemengelage, kursierenden Gerüchte und Wortmeldungen schrieb.

"Regnet", sagt Armin Laschet

Leicht wird es Laschet jedenfalls nicht gemacht, im Gegenteil. Die Nachwahl-Analysen vieler Unionspolitiker lesen sich wie eine Demontage des CDU-Chefs, der in diesen Tagen das scheinbar Unmögliche möglich machen soll, indem er FDP und Grüne für eine Koalition gewinnt. 

Fast neun Prozentpunkte hat die Union bei der Bundestagswahl eingebüßt, damit eine historische Niederlage eingefahren. Der Spitzenkandidat ist damit ohnehin angezählt und geht mit einem zweifelhaften Führungsanspruch in die ersten Sondierungsgespräche, die seine letzte Kanzlerchance darstellen. Zeitgleich entsteht der Eindruck, dass die Union schon eine Debatte darüber austrägt, wie die Zeit nach ihm aussehen könnte. Hängen bleibt das Bild eines Parteichefs, der auf Abruf steht – und damit wahrscheinlich vor dem Ende seiner politischen Karriere. 

Dass Laschet den Wind noch drehen kann, ist nicht ausgeschlossen. Es wäre nicht das erste Mal. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Noch am Tag der ersten Annäherungen zwischen den Jamaika-Parteien wird vor allem über deren zunehmende Distanz berichtet: Auch die Grünen werfen der Union nun mangelnde Diskretion vor, nachdem Informationen aus vertraulichen Gesprächen mit der FDP nach außen drangen. Das weckt Erinnerungen an das Jamaika-Desaster von 2017, als entsprechende Sondierungen scheiterten – wohl auch wegen regelmäßiger Durchstechereien.  

Wohl demonstrativ schmallippig traf der CDU-Vorsitzende daher nun zu den Gesprächen mit den Grünen ein. Es war Stillschweigen vereinbart worden. Laschet sagte auf die Frage nach seiner Stimmung lediglich: "Regnet." 

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