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Demoskopie Irren die Umfragen auch bei der Bundestagswahl? Worauf Sie achten müssen

Wahlplakate
Olaf, Armin oder Annalena? Die letzte Entscheidung fällt nicht in Umfragen sondern am 26. September. 
© Annette Riedl / DPA
Die Umfragen für die Union und Armin Laschet sehen nicht gut aus. Dennoch kann sich der Spitzenmann Hoffnung machen: Denn der Vorsprung der SPD liegt im Bereich der Fehlertoleranz. Dieser und weitere Punkte über das Kreuz mit der Wahlforschung. 

Als der Kandidat am Abend des 22. September vor die Kameras trat, tat er das mit dem Lächeln des Siegers: "Die Union – wir haben die Wahl gewonnen. Die große Partei der Mitte ist wieder da", sagte Edmund Stoiber verzagt triumphierend. Hinter der Freude versteckte sich auch eine gute Portion Überraschung, denn kaum eines der großen Umfrageinstitute hatte den Erfolg von CDU/CSU vorhergesehen. Bis auf Allensbach sahen die Demoskopen damals 2002 Rot/Grün vorne – und sie sollten Recht behalten. Als gegen Mitternacht der Großteil der Stimmen ausgezählt war, deutete sich an, dass der vermeintliche Sieger Edmund Stoiber nicht Bundeskanzler werden würde.

SPD mit 6000 Stimmen mehr als die Union

Gerade einmal 6000 Stimmen trennten am Ende die SPD von der Union, das entsprach einem Plus von 0,01 Prozent – Forsa, Insa und Co. hatten den Vorsprung der damaligen Regierungspartei deutlich größer taxiert. Am 26. September 2021 wird wieder ein neuer Bundestag gewählt und das Szenario von vor 19 Jahren könnte sich wiederholen. Zwar sind die beiden großen Parteien weit entfernt von den 38,5 Prozent Stimmanteilen von damals, aber dass Union und Sozialdemokraten gleichauf die Ziellinie erreichen, ist nicht so unwahrscheinlich.

In den aktuellen Umfragen zur Sonntagsfrage liegt die SPD durchgehend in Führung. Sechs Prozentpunkte im besten Fall (Emnid), zwei im schlechtesten (Allensbach, GMS), im Schnitt sind es 3,87 Prozentpunkte. Das klingt eindeutiger als es tatsächlich ist. Denn Umfragen werden immer wackeliger, je enger das Rennen ist – wie etwa bei der Brexit-Abstimmung 2016 oder der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten wenig später. Die Klage über angeblich "falsche" Umfragen gehört seitdem zur Routine fast jeder Wahlnachberichterstattung. Wie zuletzt bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wo eine große Lücke zwischen Demoskopie und Realität klaffte.

Ein paar Punkte helfen, die Aussagekraft von Umfragen besser einzuschätzen:

Zunächst: Umfragen sind weder Prognosen oder Wahlen, sondern immer nur Momentaufnahmen einer Stimmungslage. Dabei werden nicht einmal zwingend alle Bevölkerungsgruppen befragt und zudem weisen sie eine Fehlertoleranz auf. Sprich: Die Neigung von Journalisten, eine Schlagzeile aus dem Ergebnis einer aktuellen, aber nur einer einzigen Befragung zu formulieren, kann ein schiefes Bild erzeugen. Dazu kommt, dass die meisten großen Medien mit einem Umfrageinstitut zusammenarbeiten und dessen Ergebnisse bevorzugen: So kooperieren RTL/n-tv (die wie der stern zu Bertelsmann gehören) mit Forsa, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" mit Allensbach, das ZDF mit der Forschungsgruppe Wahlen und die "Bild"-Zeitung mit Insa.

  • Statische Fehlertoleranz: Bei jeder Befragung schleichen sich Fehler ein, die je nach Parteigröße unterschiedlich ausfallen. Vereinfacht gesagt liegt die statistische Fehlertoleranz bei größeren  Parteien zwischen 2,5 und 3 Prozentpunkten, bei kleineren zwischen 1,5 und 2 Prozentpunkten. Konkret: Der tatsächliche Vorsprung der SPD auf die Union könnte möglicherweise nur rund ein Prozent betragen.
  • Art der Umfragen: Im Wesentlichen gibt es drei Methoden, um das Wahlverhalten der Menschen zu ermitteln: telefonisch, persönliche Befragung und online. Jede Variante hat Schwächen, weswegen manche Institute die Methoden kombinieren. Im US-Wahlkampf hat sich gezeigt, dass Befragungen übers Internet am ungenauesten sind, weil ein Klick schnell gemacht ist, aber die soziale Interaktion fehlt. Direkte Gespräche, etwa übers Telefon, sind meist präziser, allerdings lassen sich manche Bevölkerungsgruppen (weniger gut Gebildete, Nur-Mobiltelefonbesitzer, "Medienskeptiker") auf diese Weise nicht oder nur schlecht erreichen.
  • Repräsentanz: Die meisten Umfrageinstitute versehen ihre Ergebnisse mit der Fußnote: "repräsentative Umfrage". Klingt gut, sagt aber nicht unbedingt etwas aus. Denn der Begriff "repräsentativ" ist nicht klar definiert und hat auch nur bedingt etwas mit der Menge an Befragten zu tun. Generell gilt zwar: Je mehr Teilnehmer, desto genauer, das aber auch nur dann, wenn die Befragten im besten Fall im gleichen Verhältnis zu den Bevölkerungsgruppen ausgewählt werden. Schwierigkeiten macht etwa, dass über die immer noch vorherrschenden Festnetz-Umfragen überdurchschnittlich viele ältere Menschen erreicht werden und manche Leute überhaupt nicht an Umfragen teilnehmen. Im Schnitt macht gerade einmal jeder fünfte kontaktierte Wähler bei der Befragung mit.
  • Art der Antworten: Nicht jeder mag es, über seine Parteivorlieben oder sein Wahlverhalten Auskunft zu geben, wiederum andere haben sich noch keine genauen Gedanken über ihre Kreuzchen gemacht – dennoch nehmen sie an Umfragen teil und verzerren durch ihre (falschen) Antworten das Ergebnis. In diesem Zusammenhang ist manchmal die Rede von "sozial erwünschten" Angaben, meist im Zusammenhang mit der Wahl von extremen Parteien wie der AfD. Die Umfrageergebnisse der Rechtspopulisten weichen besonders auffällig oft vom tatsächlichen Abschneiden ab. AfD-Anhänger würden Demoskopen gegenüber nur ungern zugeben, die Rechtspopulisten wählen zu wollen, lautet eine beliebte These dazu. Ob die stimmt, ist noch nicht abschließend geklärt. Sicher ist dagegen, dass für die AfD als relativ junge Partei langfristige Vergleichsdaten fehlen, mit deren Hilfe die Aussagen besser gewichtet und so präzisiert werden können.
  • Besonderheiten wie die Briefwahl: Noch offen ist, ob die immer beliebter werdende Briefwahl Einfluss auf die Qualität der Umfragen hat. Das Institut Forsa streitet sich derzeit mit dem Bundeswahlleiter über die Veröffentlichung des Wahlverhaltens von Briefwählern. Forsa fragt bei seinen Umfragen auch, ob jemand schon per Brief gewählt hat und wenn ja, wen. Die Antworten fließen in die Umfrageergebnisse ein, werden aber nicht getrennt ausgewiesen. Aus Sicht des Bundeswahlleiters stellt die Veröffentlichung einen Verstoß gegen das Bundeswahlgesetz dar, "wenn Briefwählerinnen und Briefwählern nicht nur nach ihrer Wahlabsicht, sondern nach ihrer Wahlentscheidung gefragt werden". Der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel wird noch vor der Bundestagswahl über die Klage entscheiden.
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Demoskopen, die immer richtig liegen

Es gibt übrigens Forscher, die mit ihrer Arbeit tatsächlich das Ergebnis von Wahlen präzise vorhersagen können. Zumindest in den USA. Der Washingtoner Historiker Allen Lichtman hat den Ausgang aller Präsidentschaftswahlen seit den 1980 Jahren richtig prophezeit. Seine Methode unterscheidet sich von der anderer Demoskopen: Lichtman fragt anhand eines standardisierten Katalogs die allgemeine Stimmungslage ab, seine 14 Fragen haben sich als äußerst wirksames Instrument erwiesen. Ähnlich arbeitet auch David Lauter von der University of Southern California. Er fragt über Jahre nach Stimmung in einer festen Teilnehmergruppe – und sagte auf diese Weise ziemlich exakt den Sieg Donald Trumps 2016 voraus. Als einer der ganz wenigen Demoskopen damals.

Quellen: "New York Magazine", "Fivethirtyeight", "Frankfurter Allgemeine", Deutschlandfunk, Marktforschung.de, DPA, AFP


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