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Jahresrückblick 2007: Wenn Bush an der Ostsee radelt

Der G8-Gipfel im Juni war globales Kino. Viel Sicherheitstamtam, leidenschaftliche, bisweilen gewalttätige Demonstrationen und der Anschein großer Politik. stern.de-Redakteur Florian Güßgen ist vor allem das Vieh des Bauern Lampen in Erinnerung geblieben - und die Erkenntnis, was Polizisten machen, wenn ein Präsident Fahrrad fahren möchte.

Das wirklich Wichtige kam erst raus, als das große Gipfel-Tamtam vorbei, die Weltenlenker zu Hause, die Rostocker Bürgersteige repariert und die Zeltdörfer verwaist waren. Erst dann nämlich war aus zuverlässiger Quelle zu erfahren, wie es zugeht, wenn George W. Bush, mithin weltwichtigster Herrscher, vermeint, an der Ostsee radeln zu müssen. Es ist nämlich bush-psychologisch so, dass der US-Präsident an der körperlichen Ertüchtigung und der Schönheit der Natur so gar keinen Gefallen finden mag, wenn er das Gefühl hat, in seinem Bewegungsradius von schnöden Polizisten und Sicherheitskräften eingeschränkt zu werden. Weil man den bikenden Potentaten selbst auf dem Gelände des edlen Kempinski-Hotels in Heiligendamm aber schlecht unbewacht lassen konnte, blieb, so behaupteten zuverlässige Quellen später, nur eine Lösung: Die deutschen Polizisten, die das Wäldchen zwischen Schutzzaun und Hotel bewachten, mussten sich hinter Bäumen verstecken, ducken, schlank machen. Sie mussten stillhalten und durften dem Präsidenten bei der entspannten Leibesübung zusehen. Ja, so war das auf dem G8-Gipfel.

Der G8-Gipfel Anfang Juni 2007 im beschaulichen Mecklenburg-Vorpommern war das politische Großereignis in Deutschland im Jahr 2008. Das schöne, weiße Luxushotel, 16.000 Polizisten, ausgerüstet mit allem drum und dran, sogar mit Bundeswehr-Tornados, der berüchtigte, martialischen 12-Kilometer-Zaun, 2,50 Meter hoch, mit Stacheldraht oben drauf, Kosten in Höhe von insgesamt rund 92 Millionen Euro. Der ganze Riesenaufwand dafür, dass die Welt für einen kurzen Moment nach Deutschland, nach MeckPomm, auf Angela Merkel guckte. Die ganze Welt. Noch viel mehr Menschen als bei der berüchtigten deutsch-amerikanischen Grillparty von Trinwillershagen.

Eine Inszenierung globaler Politik

Sicher. Es war ja auch wichtig, was dort politisch geschah, zumindest innenpolitisch. Denn die deutsche Außenkanzlerin Angela Merkel bewies in den Hallen und Fluren des Kempinski einmal mehr, wie sicher sie in der internationalen Politik zu navigieren vermag, wie gut sie ist im Taktieren, im kühlen Kalkulieren, im Bezähmen mächtiger Alphamännchen. Es war eine Leistung der Kanzlerin, dem widerspenstigen US-Präsidenten für die Schlusserklärung den Satz abzuringen, man zöge "ernsthaft in Betracht", den weltweiten Ausstoß von Kohlenstoffdioxid bis 2050 um 50 Prozent zu senken - und die Erkenntnisse des Weltklimarates zu akzeptieren - auch wenn sich der gute Wille nun, am Jahresende, bei der Verhandlung der konkreten Emissionsziele in Bali nicht in konkreten, verbindlichen Zielen niederschlägt.

Jenseits der bescheidenen inhaltlichen Erfolge jedoch diente Heiligendamm in erster Linie nicht der Politik selbst, sondern der Inszenierung globaler Politik, die wie von einem anderen Stern anmutete. Der G8-Gipfel fand in einem Panzerglas-Aquarium statt, Journalisten, Demonstranten und der Rest der Welt hatten ihre Nasen an die Scheiben gepresst und durften den Mächtigen beim Posieren und beim Winken und beim vermeintlichen Weltenlenken zugucken - nur Anfassen, das gab's natürlich nicht. Unterhaltsam war das, weil man dicke, bunte Fische betrachten konnte: Den schillernden Super-Sarko aus Frankreich, der erstmals auf großer Bühne erschien, den scheidenden Tony Blair, Angela und George W. beim Flanieren, die ganze Kombo auf dem malerischen Steg oder im riesigen Strandkorb. Schöne Bilder waren das. Ohne Ton. Denn Zuhören, gar wenn's wichtig wurde, durften die Gaffer, die man auch kritische Weltöffentlichkeit nennen könnte, nicht. Zwar wurden Journalisten bisweilen mit der Schmalspurbahn, dem Molli, aus dem Kühlungsborner Pressezentrum jenseits des Zauns in die nähe des Kempinskis gekarrt. Aber so wenig erfahren wie bei diesem Gipfel hat man selten. Die Scheiben des Aquariums hielten stand. Und so hätte das Pressezentrum gut und gerne auch in Timbuktu stehen können - die Berichterstattung wäre die gleiche gewesen.

Entscheidend war, was jenseits des Zauns gschah

Und so waren es nicht die Ereignisse innerhalb des Zauns, die diesen Gipfel prägten. Entscheidend war alles, was jenseits dieser symbolträchtigen Grenze geschah. Zunächst waren das Demonstrationen in Rostock, am Wochenende vor dem ganz ganz großen Bohei in Heiligendamm, die gewaltsamen Ausschreitungen. Erschreckend war dort die dumme Gewaltbereitschaft der Hooligans des so genannten Schwarzen Blocks, erschreckend aber auch die ungeschickte Gegenstrategie der Einsatzleitung der Polizei - und noch erschreckender der Umgang der Einsatzkräfte mit jenen, die sie kurzzeitig festnahmen. Der 2. Juni, jener Samstag, an dem in der Rostocker Innenstadt die Läden mit Holzdielen verrammelt waren, an dem friedliche Demonstranten durch die City zogen, an dem aber auch besagte Hooligans sich am Hafengelände mit der Polizei eine Schlacht lieferten, ist der unrühmlichste Tag des gesamten Gipfel-Zinnobers gewesen. Das konnte am Abend auch das Konzert der deutschen Jung-Pop-Elite, darunter auch die Band "Wir sind Helden" nicht kaschieren. Viel erfolgreicher waren dagegen die Demonstrationen unter der Woche. In mehreren Camps, einen kurzen, strammen Marsch vom Zaun entfernt, lebten Tausende Gipfelgegner - und organisierten erfolgreiche, friedliche Demonstrationen. So gelang es ihnen, mit Hilfe einer trickreichen Angriffstaktik, eine der Zufahrtsstraßen zu dem Kempinski-Areal zu besetzen, die Allee von Bad Doberan nach Heiligendamm. Es war ein brütend heißer Tag, die Polizisten schwitzten finster in ihren Kampfmonturen mit Helmen und Plastikschildern, aber die Demonstranten blieben und blockierten. Und sie blieben friedlich. Den hervorragenden gipfelkritischen Organisatoren gelang es, eine erneute Eskalation der Gewalt zu verhindern, Provokateure, angeblich auch von der Polizei selbst, einzuhegen - und so zumindest einen bunten, grellen Schriftzug auf die Scheiben des Aquariums zu malen: Ihr seid nicht alleine. Moralisch war das ein Sieg, zumal die Sicherheitskräfte sich zu allem Überfluss auch noch die Blöße gaben und völlig unverhältnismäßig Tornado-Aufklärungsflugzeuge wie in Afghanistan einsetzten, um die Lager der Demonstranten zu fotografieren.

Die aufgewühlten Kühe des Bauern Lampen

Physisch und psychisch gelitten dürften unter den Demonstranten lediglich die Kühe und die zehn Ochsen des Bauern Johannes Lampen gelitten haben. Die waren arg aufgewühlt, als eine bunte Horde zumeist junger Menschen, manche mit Peace-Fahnen, manche mit Clownskostümen über ihre Koppel zogen. Es gehörte zu den seltsamsten Momenten dieses Gipfels, als Bauer Lampen wütend vor dem Gipfelzaun stand, zwischen der Mauer der schwitzenden Polizisten und der Wand der vom Erfolg fiebrigen Demonstranten, und schimpfte, dass die Querfeldein-Strategie der Gipfelgegner seinen Äckern schade und sein Vieh verwirre. Eine absurde, wunderbare Szene war das im Ringen um globale Gerechtigkeit. Fast schon so absurd wie die Tatsache, dass ein paar hundert Meter hinter besagtem Zaun ein US-Präsident gleichzeitig das Mountain-Bike-Fahren übte - und die armen Kollegen der schwitzenden Polizisten vor dem Zaun, sich ebenso schwitzend hinter dem Zaun in voller Kampfmontur hinter den Bäumen schlank machen mussten, um dem Weltenlenker die Lust an der Ostsee-Natur nicht zu vergällen. Der Heiligendamm-Gipfel im schönen Mecklenburg-Vorpommern dürfte bei manchem einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.