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J. Engelmann: "Jede Woche, Baby!": Über die Zeit

Auf jede Nacht folgt wieder ein Tag, so viel ist sicher. Ansonsten kenne ich meine Zukunft nicht allzu konkret. Warum ich dennoch plane, als wüsste ich genau, was kommt.

Was bringt die Zukunft? Julia Engelmann über die Zeit

Keiner weiß, was die Zukunft bringt. Und trotzdem planen wir munter drauf los

Eines der merkwürdigsten Dinge im menschlichen Dasein ist aus meiner Sicht das Konstrukt der Zeit. Zeit ist so etwas Unbegreifliches. Sie ist so willkürlich, manchmal kommen mir Tage unendlich vor und ich kann gar nicht fassen, wie viel passiert, während ich sie erlebe und rückblickend scheinen sie rasend schnell gewesen zu sein. Und manchmal fühlt sich eine Woche an, wie ein Puzzle aus langsamen Ewigkeiten.

Ich finde die Vorstellung so absurd, dass sich bis hier alles angefühlt hat wie ein fortwährender, konstanter Moment und dass gleichzeitig 23 Jahre vergangen sein sollen. Vor allem aber finde ich die Vorstellung absurd, dass es jetzt grade noch keine Zukunft gibt, ich aber schon damit plane. Ich bin ständig dabei, meine noch nicht eingetretene nahe und auch ferne Zukunft zu planen.

Zukunft als Wahrscheinlichkeitsrechnung

Ich mache mir Hoffnungen, setze mir Ziele, habe Erwartungen und Vorfreude. Ich verabrede mich für nächste Woche, setze mir Deadlines, stelle meinen Wecker für morgen früh, kaufe Müsli für den nächsten Tag ein, sage Termine und Verabredungen fest zu. Manchmal habe ich vielleicht auch Unbehagen vor der Ungewissheit, will mich nicht festlegen oder stelle mir unglaublich viele Fragen, wie alles werden könnte und male mir die verschiedensten Szenarien aus. Aber meistens plane ich einfach so, als könnte ich sicher sagen, was passiert.

Dabei stimmt das ja eigentlich nicht. Zu denken, ich weiß sicher, dass es Zukunft gibt und was sie mir bringt (bringen könnte/bringen sollte), ist eigentlich einigermaßen Humbug. Ich kann nicht sicher sagen, was passiert. Aber ich tue so, als ob. Denn in der Vergangenheit haben meine Vorhaben und Pläne schon sehr, sehr oft mit der dann eintreffenden Realität zusammengepasst, und ich habe 23 Jahre lang jeden Tag die Erfahrung gemacht, dass immer ein neuer Tag kommt, nach jeder einzelnen Nacht, und dass auf jedes Weihnachten ein weiteres Weihnachten folgt und so weiter. Und daher entwickele ich eine gewisse Sicherheit, meine Erfahrung nehme ich als Beweis für die Zukunft. Dabei ist das eigentlich nur eine tollkühne Prognose, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Aber ich fühle mich auch sicher damit, obwohl es keine absolute Gewissheit gibt. Das finde ich eine ganz schon kopfzerbrechende Gratwanderung.

Denn einerseits braucht jedes Leben die Vorstellung von Zeit und Zukunft, so auch meins. Egal wie Zen und im hier-und-jetzt-lebend ich auch wäre – ohne die Idee von der Zukunft wären mir einige Sachen gar nicht möglich, viele sogar, alle vielleicht. Ich brauche diese Gewissheit vermutlich zum Überleben.

Und auf der anderen Seite braucht jedes Leben vielleicht auch die Akzeptanz dessen, dass nichts sicher ist und dass es tatsächlich komplett unmöglich ist, zu sagen, was als nächstes passiert und welche Rolle man selbst darin spielt.

Und aus dieser kompletten Ahnungslosigkeit über jede Form von Zukunftsmomenten gibt es aus meiner Sicht zwei mögliche Schlussfolgerungsgrundgefühle. Mögliches Grundgefühl 1: Trauer aufgrund von Unsicherheit und Vergänglichkeit. Angst vor Schicksalsschlägen und Pechsträhnen. Und mögliches Grundgefühl 2: Vorfreude, Optimismus und Offenheit. Denn bei allen unerwarteten Dingen, die uns passieren können haben wir immer noch die positive Überraschung auf unserer Seite.

Positive Überraschungen

Ich habe schon so oft gedacht: Besser kann es nicht werden. Und dann wurde es besser. Ich habe schon so oft gedacht, ich wüsste, was als nächstes passiert und dann ist alles anders geworden. Viele der schönsten Dinge, die mir passiert sind, waren völlig unabsehbar und haben mich positiv überrascht. Und auch, wenn ich nicht sicher damit rechnen kann, freue ich mich schon auf die nächsten unverhofften schönen Dinge, die vielleicht noch auf mich zukommen.

Ich habe im Zug neulich für eine Stunde lang neben einer reizenden 83-jährigen Frau gesessen, die ihren Mann mit 78 Jahren beim Raketen-Müll-Weg-Fegen am Neujahrsmorgen auf der Straße kennengelernt hat. Sie hatte auch nicht damit gerechnet, dass sie noch mal auf diese Art und Wiese so ein großes Glück finden würde. Das Blatt kann sich jederzeit wenden. Wir wissen nie, was auf uns zukommt. Und wir haben immer noch die positive Überraschung auf unserer Seite.

Mein Soundtrack zum Text: „OM“ – Bilderbuch

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