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Julia Engelmann: "Jede Woche, Baby!": Viel zu verkopft - Weisheiten von Papa

stern-Stimme Julia Engelmann lässt sich von ihrem Vater von der Liebe erzählen: Sie funktioniert nicht wie ein Autokauf. Optik, Sicherheit, Preis-Leistung - bei der Partnersuche täuschen wir uns in unseren Gefühlen.

Von Julia Engelmann

Julia Engelmann über Partnersuchel und Autokauf

stern-Stimme Julia Engelmann vergleicht die Partnersuche mit einem Autokauf

Normalerweise bin ich inhaltlich ziemlich inspiriert von diversen Gesprächen, die ich mit meiner Mutter führe und im Laufe der Zeit schon geführt habe. (Offizielles Danke an dieser Stelle dafür an dich!) Diese Textidee stammt allerdings aus einem Gespräch mit meinem Papa.

Mein Papa hat sich nämlich gerade und schon seit einer ganzen Weile mit dem Autokauf beschäftigt. Warum, ist irrelevant, wichtig ist nur, dass er eines kaufen wollte. So hat er sich im Zuge dessen ein paar verschiedene Modelle angeschaut und einige Fakten abgewogen.

Und in unserem Gespräch meinte er etwas, das mich sehr beschäftigt. Er meinte, dass es ganz schön verrückt ist, dass wir Menschen im Allgemeinen bei Gefühlsfragen oft so tun würden, als seien sie Autokaufentscheidungen. Im Speziellen meinte er die Suche nach der Liebe.


Wer sich ein Auto kauft, der hat ein paar Kriterien, auf die er besonders achtet, ein paar Features, die ihm besonders wichtig sind. Wer sich einen Partner sucht, auch. Von so einem neuen Auto hat der Besitzer in spe schon so einige Vorstellungen und Erwartungen. Das Auto sollte nicht zu teuer sein, eben fair im Preis-Leistungsverhältnis. Es sollte so gut ausgestattet sein wie möglich. Heißt: komfortable, weiche Sitze, vielleicht automatisch verstellbar, bequem zum einsteigen, ein Rückspiegel auf Augenhöhe. Heißt auch Technik: guter Sound, zielstrebiges Navi, Klimaanlage. Heißt auch Sicherheit: Erste-Hilfe-Kasten, Airbags und alles, was man braucht, falls etwas ungeplantes passiert.

Es sollte eine lange Lebensdauer haben, da stellt sich immer die Frage: Wie lange werde ich es fahren bzw. fahren wollen? Wie viel ist es schon gefahren, ist es für lange Strecken geeignet? Werde ich bald ein Neues wollen? Dann kann ich vielleicht ein Günstigeres nehmen, ein etwas Schlechteres nehmen.

Es sollte vielleicht schön sein, da gibt es natürlich ein ganzes Spektrum an Geschmack, Relevanz und Status. Das eigene Auto sollte vielleicht wirkungstechnisch in keine Richtung übertrieben von der eigenen Person abweichen, also weder deutlich verlebter aussehen als man selbst, noch so viel zu fancy sein, dass man damit verkleidet und albern aussieht.

Neben all diesen Hoffnungen und Fragen, ist am Ende vor allem eines wichtig: Dass es einen dahin fährt, wo man hinwill. Und dass es sich gut anfühlt.

Sollte man sein Traumauto im Blick haben, sollte es natürlich möglichst verfügbar sein, wer würde sich über die Maßen für ein bereits verkauftes Auto begeistern?!

Man weiß nicht, worauf man sich einlässt, aber durch genaues Überlegen und das checken aller Unterlagen, kann man bei einem Autokauf die Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Erwartungen erfüllt werden, erhöhen.

Soweit, so gut. Aber bei der Partnersuche ist das anders. Teilweise wirkt es vielleicht ähnlich, aber es ist gleichzeitig auch komplett anders. Denn wir überschätzen die Kontrollierbarkeit und die Logik unserer Gefühle, sagt mein Papa. Wir tun so, als müssten wir nur den Menschen unserer Vorstellung finden. Die richtige Optik, die richtige Sicherheit, faires Preis-Leistungs-Verhältnis, einen Menschen, der uns genau dahin bringt, wo wir hinwollen.

Aber wir können nicht wissen, welcher Mensch das ist. Das ist keine einseitige Entscheidung, das hat nicht immer was mit Logik oder Verfügbarkeit zu tun. Vielleicht finden wir einen Menschen, ohne ihn zu suchen, von dem wir nicht wussten, dass er das gleiche Ziel hat wie wir, weil wir uns über unser Ziel gar nicht klar waren. Vielleicht finden wir einen Menschen, der nicht auf den ersten Blick zu uns passt, mit dem wir uns aber wohlfühlen. Vielleicht wollen wir plötzlich Kompromisse machen, vor denen jeder Außenstehende uns warnen würde. Wir können überrascht werden. Wir können uns ausmalen, wie etwas wird, aber wir wissen es nicht. Reine Fakten helfen da wirklich nicht viel. (Selbst beim Autokauf übrigens, helfen dem Kunden zur „richtigen“ Entscheidung nur eine begrenzte Menge an Fakten, dazu gibt es Studien, ich weiß grade aber keine Namen!)

Und es stimmt! Mein Papa hat Recht. Irgendwie ist das merkwürdig, dass wir so tun, als sei die Liebe wie ein rationales Geschäft. Doch das ist sie nicht. Auf der einen Seite wünschte ich, das alles wäre so einfach wie ein Autokauf. Denn wer wirklich ein Auto haben will, der wird vermutlich auch bald eins bekommen, egal wo oder welches. Andererseits bin ich froh, so wie es ist. Ich bin froh, dass ich das nicht komplett kontrollieren kann. Alles andere wäre irgendwie vom Zauber befreit. Und dann würde es auch viel mehr Lyrik, Popsongs und Filme über Autokäufe geben, die ich bis jetzt nicht vermisse.

Mein Soundtrack zum Text: Tracy Chapman - "Fast Car"

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