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Krötenwanderung: Sex bitte nur im Sperrgebiet

Geile Lurche und schlanke Molche: stern-Autor Kester Schlenz will Frosch und Kröten zu ihrem Nachwuchs verhelfen. Dazu zieht er nachts mit Stirnlampe und Sammeleimer durch die Provinz.

Von Kester Schlenz

Manchmal brauchen die kleinen hüpfenden Gesellen unsere Hilfe. Dank Krötentunnel und freiwilligen Helfern erreichen sie sicher ihr Ziel.

Manchmal brauchen die kleinen hüpfenden Gesellen unsere Hilfe. Dank Krötentunnel und freiwilligen Helfern erreichen sie sicher ihr Ziel.

Eine Erdkröte uriniert entschlossen auf meine Hand. Egal! Ein Kollateralschaden. Was zählt, ist Leben retten. Es muss weitergehen. Immer weitergehen. Zwanzig Kröten, Frösche und Molche haben wir heute schon gefangen. Sie sollen umgesiedelt werden. Gegen ihren Willen. So etwas ist nie schön. Aber es muss sein. Es ist 22 Uhr. Eine der ersten wärmeren Nächte im März. Sexuell erregte Lurche wühlen sich aus ihren Winterverstecken, wollen im Wohltorfer Tonteich poppen und dann ablaichen. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden. Doch das ist in diesem Jahr anders. Die Amphibien dürfen sich nicht paaren. Und ich bin einer derjenigen, der sie daran hindern soll.

Und das kam so: Wohltorf ist eine kleine, feine Gemeinde in Schleswig-Holstein, nicht weit von Hamburg. Es wohnen eine Menge sehr reicher Leute dort, aber auch normale wie ich. Schmuckstück des Dorfes ist ein wunderschöner See: der Tonteich. Der dient den Bewohnern seit 1951 als Badeanstalt. Doch der wird nun mittels eines komplizierten Absaug- und Reinigungsvorganges entschlammt. Dadurch wird sich der PH-Wert des Gewässers so verändern, dass der Laich aller Amphibien absterben würde. Eine ganze Generation Kröten, Frösche und Molche würde nie geboren werden. Hier musste gehandelt werden.

Froschrettung ist Chefsache

Im monatlichen Gemeindeblatt mit dem etwas prahlerischen Titel "Aktuell" wurden Bürger aufgerufen, sich freiwillig zu melden. Die Aufgabe: Alle Amphibien, die aus den umliegenden Waldgebieten den Weg in den Teich suchen, zu fangen und kurz zu kasernieren, um sie dann Mitarbeitern des Tonteiches zur Übersiedlung in "Ersatz-Laichteich-Gewässer" zu übergeben.

Ich habe mich freiwillig gemeldet. Ich mag Frösche. War schon immer so. "Großartig", ruft Bernd Wyrwinski ins Telefon, als ich ihn anrufe. Er ist der Geschäftsführer des "Sachenwaldbades Tonteich e.V." "Wir brauchen jeden Mann und jede Frau", ruft er. Kurz habe ich die Vision, dass ich gerade einem Freiwilligen-Batallion beigetreten bin, das den Tonteich gegen Fremdbader verteidigen soll, so martialisch und entschlossen klingt Herr Wyrwisnki. Am Schluss unseres Gespräches lädt er mich zur ersten Einweisung der Krötenretter an einem Samstagmorgen ein.

Rund zwanzig Leute stehen da und warten, dass es losgeht. Ältere, Jüngere, auch eine Familie mit kleinen Kindern. Sogar der Bürgermeister ist zum Mutmachen erschienen. Froschrettung ist Chefsache. Drei Biologen eines Planungsbüro für Naturschutz- und Gewässerökologie namens "Planula" sind auch da. Sie sollen im Auftrag des Vereins dafür sorgen, dass das Ganze professionell abläuft. Erst einmal wird erklärt, wie man die Tiere anfasst ("Nicht an den Beinen hochzerren").

"Sollen wir die auch noch mit Namen ansprechen?"

Im Hintergrund beobachtet eine etwas skeptisch dreinblickende Dame aufmerksam das Geschehen. Sie heißt Torkeler und ist von der "Unteren Naturschutzbehörde" des Kreises. Frau Torkeler muss die Planungen abnicken. Sie ist sich nicht sicher, dass die Wohltorfer das mit den Fröschen und Kröten waidgerecht hinkriegen. Überhaupt ist sie von der ganzen Schlammschlacht nicht begeistert, und man muss auch ihre Sichtweise verstehen. Für sie ist das ganze wüste Abgesauge ein Eingriff in ein funktionierendes Biotop.

Es hilft hier jetzt nicht, dass ein Scherzbold unter den froschaffinen Bürgern ist. Der kommentiert die Bitte der Biologen, man möge auf Zetteln notieren, welche Art Tiere man aufgreift, mit den Worten "Sollen wir die auch noch mit dem Vornamen ansprechen?" So geht das nicht. Herr Wyrwinski – ein Mann mit natürlicher Autorität - guckt böse. Der Scherzbold schweigt, während sein kleiner Hund das dürre Beinchen hebt und einer anderen Bürgerin an den Stiefel driedelt.

Frau Torkeler sieht immer noch skeptisch aus. Bleibt sie es, droht der Einsatz professioneller Froschretter, was Vereins- sowie Gemeindekasse mit 60.000 Euro belasten würde. Doch die Wohltorfer – ein stolzes Volk - wollen das selber schaffen. Und – dies sei schon jetzt gesagt - sie kriegen es letztendlich auch hin.

Jetzt geht es erst einmal an den See. Wir sehen nun, wie man die Frösche, Kröten und Molche fangen will. Ein über tausend Meter langer Zaun am Boden hindert sie am Weg ins Wasser. Die Tiere kriechen am Zaun entlang und fallen in Eimer, die in regelmäßigen Abständen in den Boden eingegraben wurden. Unsere Aufgabe ist es, morgens und nachts diese Eimer zu leeren. Die beiden Schwimmmeister des Tonteichs werden die Amphibien dann in die Ausgleichsteiche bringen, wo sie erneut Zäune an der Flucht hindern. Sex nur im Sperrgebiet, ihr kleinen, geilen Hüpfer!

Geschlechtsbestimmung unter der Stirnlampe

In Zweier-Teams werden wir fortan bis Ende April ausschwärmen. Sieben Tage die Woche. Einer – so der Plan - leuchtet, der andere holt die Zielobjekte aus den Erd-Eimern und füllt sie in andere um. Der Leuchtende soll dann Anzahl, Art und Geschlecht der Gefangenen eintragen. Diese Aufgabe führt zu Irritationen. Wer jemals nachts oder frühmorgens versucht hat, das Geschlecht einer Erdkröte im Licht einer Stirnlampe zu bestimmen, weiß, wovon ich rede. Bei Teichmolchen ist es auch nicht leicht.

Dass die Männchen schöner und farbenprächtiger sind, mag man als Mann auch nicht laut sagen. Aber die Biologen wollen irre gern wissen, wen wir da retten. Übrigens darf hier nicht unerwähnt bleiben, dass sich männliche Erdkröten häufig von ihren Weibchen auf deren Rücken ins Laichgewässer tragen lassen. Das sieht aus, als ob die Herren zu besoffen sind, um noch den Weg ins Schlafzimmer zu finden. Gesättigt mit Informationen gehen alle nach Hause. "Sie hören von uns", droht Herr Wyrwinski. Wir wissen nun: Sobald es etwa neun Grad warm ist und dann noch regnerisch, werden zunächst die Molche und Kröten kommen. Niemand weiß, wie viele. Hunderte? Tausende?

Operation Umsiedlung läuft

Am 7. März kommt die Rundmail an den Verteiler. Operation Umsiedlung läuft an. Ich habe meinen ersten Einsatz frühmorgens an einem Mittwoch. Es ist kalt und ich frage mich, wie die Amphibien bei einem solchen Sauwetter an Sex denken können. Na, ja vier Molche und ein Grasfrosch haben sich denn heute auch nur aufgerafft.

Aber jede Woche retten wir mehr Tiere. Bis Mitte April werden rund 5000 Erdkröten, über tausend Molche und 156 Grasfrösche umgesiedelt. Das Ganze läuft alles in allem sehr professionell, auch wenn sich einmal ein besonders dicker Lurch aus meiner Umklammerung wühlt und entwischt. "Man sieht sich immer zweimal im Leben, du Luder", gröle ich dem Dicken hinterher.

In der Nacht macht der Einsatz am meisten Spaß. Es quakt und raschelt in der Dunkelheit. Auf dem See kreischen Vögel. Irgendwo gluckert es. Eine ganz besondere Atmosphäre. Fast wie in einem Edgar Wallace-Film. "Der Frosch von Blackwood-Castle".

Ich checke den nächsten Eimer, ergreife einen sehr großen, männlichen Teichmolch und betrachte ihn versonnen. Er hat einen wunderschönen, farbigen Kamm. "Was hast du da?" fragt mein Mitsammler André. Ich antworte: "Germany´s next Top-Molch".