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Duisburg: Loveparade-Prozess: Landgericht schlägt Einstellung des Verfahrens vor

Bei der Loveparade im Juli 2010 starben in Duisburg 21 Menschen im Gedränge. Der Prozess gegen Beteiligte begann erst spät – im Dezember 2017. Nach mehr als 180 Verhandlungstagen könnte jetzt die Coronakrise das Aus für den Prozess bedeuten.

Menschen stehen an der Unglücksstelle der Loveparade 2010

Menschen stehen an der Unglücksstelle der Loveparade 2010

DPA

Das Landgericht Duisburg hat wegen der Coronakrise die Einstellung des Loveparade-Strafprozesses vorgeschlagen. Damit würde der Prozess ohne Urteil beendet. Die Verfahrensbeteiligten sollen bis zum 20. April Stellung nehmen. Aufgrund der dynamischen Entwicklung der Corona-Pandemie sei nicht absehbar, wann und wie die derzeit unterbrochene Verhandlung fortgesetzt werden könne, teilte das Gericht am Dienstag mit. Auch bestehe aufgrund der pandemiebedingten Prozesseinschränkungen nur noch "eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, den angeklagten Sachverhalt verurteilungsreif aufzuklären". 

Spätestens am 27. Juli 2020 Verjährung bei fahrlässiger Tötung

Bei der Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg gab es am einzigen Zu- und Abgang zum Veranstaltungsgelände ein so großes Gedränge, dass 21 Menschen erdrückt und mindestens 652 verletzt wurden. Angeklagt sind drei Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Gegen sieben weitere Angeklagte hatte die Duisburger Strafkammer das Verfahren im Februar 2019 wegen geringer Schuld eingestellt.

Die Duisburger Kammer verwies laut einem Gerichtssprecher in ihrem Einstellungsvorschlag unter anderem darauf, dass das "im Verfahren gründlich aufgeklärte, multikausale Geschehen" bei der Loveparade bereits fast zehn Jahre zurückliege. Spätestens am 27. Juli 2020 dürfte demnach hinsichtlich des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung die absolute Verjährung eintreten.

Die Düsseldorfer Kanzlei Baum Reiter & Collegen, die in dem Prozess zu den Nebenklagevertretern zählt, äußerte die Erwartung, dass die Staatsanwaltschaft und die Angeklagten der Einstellung zustimmen werden. "Wir bedauern, dass der Loveparade-Prozess nach nunmehr fast zehn Jahren Bearbeitung durch Polizei und Justiz ohne ein Gerichtsurteil enden wird", erklärte die Kanzlei. Die Geschädigten und die Angehörigen der Todesopfer seien "maßlos enttäuscht". 

Loveparade-Gründer Dr. Motte lehnt über einem Miniatur-Model der Loveparade

Unklar, ob Termin am 21 April stattfinden kann

Die Hauptverhandlung hatte im Dezember 2017 begonnen. Zuletzt wurde am 4. März 2020 verhandelt. Es war der 183. Verhandlungstag. Erst vergangene Woche hatte das Gericht wegen der Corona-Krise eine Unterbrechung unbestimmter Dauer mitgeteilt. Einige Angeklagte sowie Schöffen und Ergänzungsschöffen gehörten zu Risikogruppen, begründete das Landgericht Duisburg am Donnerstag seine Entscheidung. Zahlreiche Verfahrensbeteiligte reisten jeweils aus verschiedenen Bundesländern an. Auch seien durchschnittlich etwa 60 Personen in dem fensterlosen, klimatisierten Sitzungssaal über einen langen Zeitraum anwesend.

Im Fall einer Einstellung will die Kammer ihre Erkenntnisse zu den Geschehnissen um die Loveparade 2010 in einem schriftlichen Beschluss zusammenfassen und dessen Inhalt im Rahmen einer zeitlich begrenzten Hauptverhandlung vortragen. Der nächste Sitzungstermin ist auf den 21. April 2020 bestimmt. Ob er stattfinden kann, ist wegen der Pandemie noch unklar.

Die Duisburger Staatsanwaltschaft kündigte am Dienstag an, sie werde den Vorschlag und die Argumentation der Kammer sorgfältig prüfen. Danach werde die Anklagebehörde "innerhalb der eingeräumten Frist entscheiden, ob die Einstellung des Verfahrens in Betracht kommen könnte", erklärte eine Sprecherin.

rw / DPA / AFP