Mafiamord von Duisburg Grüße aus San Luca


Nach dem Blutbad von Duisburg, bei dem sechs junge Männer im Kugelhagel starben, ist deutlich geworden: Die italienische Mafia lebt längst in unserer Nachbarschaft. Und konnte so einen alten Krieg zweier Clans aus Kalabrien ins Ruhrgebiet tragen.

Der Pater spricht von Vergebung. Er spricht zu den Frauen. Die Frauen tragen Schwarz, sie tragen Trauer, und sie tragen Wut. Es sind auch Männer in die Kirche gekommen. Aber die Männer sind verloren an die Rache, das weiß der Pater. Auch jene, die hier auf den hölzernen Bänken sitzen, die sich in diesen Tagen nicht versteckt haben, in unterirdischen Gängen und Höhlen, irgendwo zwischen den bizarren Felsgebilden, dichten Wäldern und engen Tälern des Aspromonte-Gebirges, hier in Kalabrien, an der Spitze des Stiefels, wo den Söhnen in alten Wiegenliedern vom Vater gesungen wird, dessen Tod zu rächen sei. "Löst euch von der Rache!", donnert der Pater vorn vorm Altar. - "Santa Maria, Mutter Gottes, bete für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes", murmeln die Frauen auf den hölzernen Bänken der Wallfahrtskirche der heiligen Maria der Berge von Polsi, nahe San Luca.

Duisburg, Mülheimer Straße, gleich neben dem Hauptbahnhof. Das Sonnenlicht spiegelt sich in den geputzten Fenstern des Telekom-Gebäudes. Auf dem Asphalt liegt ein Zettel. "Lieber Tommaso, Wieso Du?" steht darauf. Daneben Kerzen und Rosen, gelbe, weiße, rote. Hier standen die beiden Autos, die man am Mittwochmorgen fand, nachdem Schüsse durch die Duisburger Nacht gerattert waren. Sonderbar verkeilt die Wagen, in dem einen lag Tommaso Venturi, den Leib voller Kugeln. Mehr als 70 Schüsse aus Maschinenpistolen der Marke Uzi hatten die Attentäter auf ihre sechs Opfer abgefeuert. Als Tommaso und seine Freunde schon in den Sitzen hingen und bluteten, gaben sie jedem noch einen Fangschuss in den Kopf. Sechs Tote, sechs Männer aus Kalabrien. Es war Tommasos 18. Geburtstag, der 15. August, der Tag von Mariä Himmelfahrt. San Luca ist nach Duisburg gekommen.

Weihnacht in San Luca

, das Jahr 2006 atmet seine letzten Züge, und die Stadt liegt im Schweigen, als plötzlich ein lautes Knattern von den heruntergekommenen Steinfassaden widerhallt. Zwei Motorräder rasen über die Landstraße an den Balkonen vorbei, auf denen die Wäsche flattert. Sie halten vor einem Haus. Die Männer tragen Helme, sie ziehen ihre Waffen, sie schießen sofort auf die Menschen vor dem Haus. Eine Frau wirft sich schützend vor ihren fünfjährigen Neffen, das Kind wird nur verletzt, so wie zwei Männer, die dabeistehen. Die Frau aber stirbt.

Sie ist die erste Frau, die in San Luca im Krieg zwischen den Clans der Strangio- Nirta und der Vottari-Pelle-Romeo erschossen wird: Maria, Ehefrau von Giovanni Nirta, dem Boss des Strangio-Nirta-Clans. An diesem Tag wird ein verdächtiges Auto vor dem Haus des Chefs des Vottari-Pelle-Romeo-Clans gesehen. Das Auto gehört einem Mann namens Marco Marmo.

Marco Marmo ist der Mann, der den Krieg aus San Luca nach Duisburg bringen wird. Eine halbe Million Einwohner hat Duisburg, aus dessen Hochöfen etwa die Hälfte des deutschen Roheisens stammt. 4000 Einwohner hat San Luca, 2143 Kilometer entfernt, mitten in Kalabrien, von wo aus ein großer Teil des weltweiten Kokainumsatzes gesteuert wird. Wo die Männer der 'Ndrangheta herrschen und in den vergangenen 16 Jahren mehr als ein Dutzend Bewohner aus San Luca erschossen wurden.

"Wir sind Lebende, die als Tote leben", sagt Don Pino. Er steht vor seiner Kirche im Wallfahrtsort Polsi bei San Luca, die Messe ist vorbei. Die Gäste fahren wieder hinaus aus dem Tal über die Holperpiste im ausgetrockneten Flussbett des "Bonamico". Auch dieses Jahr werden die Bosse der 'Ndrangheta am 2. September, am Fest der Madonna von Polsi, hierher pilgern, aber Don Pino weiß, dass sie eine eigene Religion haben, dass sie ein zweites Mal getauft sind, sich zum Eid ein Kreuz in den Daumen ritzten und ihr Blut auf ein Bild des Erzengels träufeln ließen. So ist es seit hundert Jahren Brauch der 'Ndrangheta. Er weiß, dass er sie nicht erreichen wird. "Die Männer tragen die Vendetta in sich", sagt er. Darum predigt er immer wieder: Mütter, lehrt eure Kinder zu vergeben. Lasst sie zu Männern werden, die nicht mehr morden. Vielleicht können ja die Frauen etwas ändern, vielleicht.

In den Dörfern aber singen die Mütter:

"Höre gut zu, mein kleiner Sohn, was ich dir sage: Du musst groß werden, schnell musst du wachsen, die Kunst der Pistole und des Messers musst du erlernen." Seit über 150 Jahren regiert die 'Ndrangheta in Kalabrien. Eingeschworene Familienclans, in denen die Blutsverwandtschaft mehr zählt als in der Camorra oder Cosa Nostra. Früher waren ihre Geschäfte Raub, Erpressung, Entführung. Mehr als 500 Menschen wurden in diese Berge verschleppt. Paul Getty junior wurde in San Luca das halbe Ohr abgeschnitten, als Beweis für seinen Vater, den Ölmilliardär, dass es sich noch lohnt, 2,9 Millionen Dollar zu zahlen. 1983 konnte der entführte Industrielle De Feo aus seinem Verließ in den Bergen Kalabriens entwischen, er floh in ein Dorf, in dem nur Frauen und Kinder waren. Sie hielten ihn fest, bis seine Entführer ihn abholten. Es ist eine der alten Geschichten aus den Bergen um San Luca.

Die neuen handeln vom weltweiten Kokainhandel, der von den Männern aus diesen Dörfchen gesteuert wird, fast die Hälfte des Kokains, das aus Lateinamerika nach Europa kommt, dirigieren die 'Ndranghetisti, so steht es in einem vertraulichen Bericht des Bundesnachrichtendienstes aus dem Jahr 2006. Jahresdrogenumsatz: 22 Milliarden Euro. Sie sollen eigene Felder in Bolivien und Peru besitzen, um nicht von den Kolumbianern abhängig zu sein, mit denen sie genauso zusammenarbeiten wie mit den Albanern, den Rumänen oder den Russen. Sie dealen mit Atommüll und EUFördergeldern, sie schicken ihre Kinder auf die besten Schulen, damit sie als Anwälte, Richter und hohe Staatsbeamte ihren Familien dienen können.

Und doch wiederholen sich die alten Geschichten seit mehr als hundert Jahren bis heute. Am Mittwoch voriger Woche stand Don Pino in seiner Kirche in Polsi und hielt Chorunterricht. Die Kinder sangen, Elisa Giorgi begleitete sie an der Orgel, als ein Anruf von Elisas Vater kam. Es gab eine Nachricht aus Duisburg. Ihr Bruder. Im Fernsehen werden sie in den nächsten Tagen auch hier in San Luca deutsche Politiker sehen, die bisher nicht wussten, wo San Luca lag. In San Luca wissen alle, wo Duisburg liegt. In San Luca sprechen viele Menschen Deutsch, und einige fahren Autos mit deutschen Kennzeichen, Bochum, Duisburg, wo sie gearbeitet haben.

Sie werden nicht überrascht sein, dass etwas passiert ist, auch nicht darüber, dass es Duisburg war. Auch werden sie nicht lange fragen, wer die Täter waren und warum sie zuschlugen. Sie kennen die Geschichte. Sie beginnt am 10. Februar 1991, es ist Karneval, und in eine Bar fliegen Eier. Jugendliche aus dem Strangio-Nirta-Clan haben sie in den Laden des gegnerischen Vottari-Pelle-Romeo-Clans geworfen, es ist ein Teenagerstreich. Vier Tage darauf rennen Francesco Strangio, 20, und Domenico Nirta, 19, maskiert in die Bar, um den Wirt zu erschrecken, ein weiterer kleiner Scherz in San Luca. Keine Stunde danach sitzen sie auf einer Mauer und lachen noch darüber, als Antonio Vottari vorbeikommt und sie erschießt. Er ist 24 und aus dem Vottari-Pelle- Romeo-Clan. Auch er wird nicht mehr lange leben. Im Juli 1992 jagen Unbekannte zwölf Kugeln in sein Gesicht, für jede Familie ihres Clans eine. Im Jahr darauf werden vier Männer erschossen, zwei aus jedem Clan, zwei am Tag, zwei am Abend. Es wird dank einer Waffenruhe zwölf Jahre dauern, bis der nächste stirbt, und dann nur neun Monate, bis die Rache folgt.

Es tobt ein Krieg, bei dem es in Wahrheit nicht nur um Ehre oder Kinderscherze geht, sondern vor allem um die Herrschaft im Kokaingeschäft. Und so rasen an jenem Weihnachtsfeiertag die Motorräder zum Haus des Nirta-Strangio-Bosses, am Tag, an dem zugleich das Auto von Marco Marmo vor dem Haus des feindlichen Clanchefs gesehen wird.

Alle Männer, die mit den Clans zu tun haben, verschwinden bald darauf aus dem Dorf. Nur Marco Marmo bleibt, Marmo, der dicke Schwätzer, der gern einen ausgibt, auch wenn er doch offiziell nur in einer Fensterfabrik arbeitet. Er ist erst 25, aber einer, der aufsteigen will im Clan der Vottari- Pelle-Romeo, und er ist schon weit gekommen, das weiß man hier, selbst die Polizei weiß es, und darum überwacht sie ihn. Anfang August verschwindet auch Marmo aus San Luca, nachdem innerhalb von drei Monaten drei weitere Männer erschossen worden waren. Aber Marco Marmo flieht nicht in die Berge.

Am Mittwochabend, Mariä Himmelfahrt, sitzt Heinz Sprenger, Hauptkommissar der Mordkommission in seinem Büro in der Düsseldorfer Straße in Duisburg und wartet auf zwei Männer. Sie kommen aus Kalabrien, Fahnder der Squadra Mobile, des mobilen Einsatzkommandos des Innenministeriums. Fünf weitere Fahnder werden in den nächsten Tagen nach Duisburg reisen. Mehr als 50 Beamte arbeiten in der Mordkommission "Mülheimer Straße", die größte SoKo, die es je in Duisburg gab. Sie hat eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Die Deutschen werden Zeit brauchen, die Zusammenhänge zu verstehen und die Namen zu unterscheiden. Manche der nicht gern entschuldigt. Ein Charmeur, der mit seinem weißen Opel-Kastenwagen zum Metro fährt und an der Kasse der Verkäuferin mit flinker Klinge eine Rose aus Roter Bete schnitzt.

Ein Mann sitzt um vier Uhr früh in einem Auto und sagt: "Ich kannte Sebastiano." Mariä Himmelfahrt ist jetzt zwei Tage her, und vom Wirt Sebastiano muss man jetzt in der Vergangenheit reden. Der Mann im Auto hat Angst, er ist Italiener, er will sich nicht in der Öffentlichkeit treffen. "Nennen Sie ja nicht meinen Namen!", sagt er. Er könne nichts Schlechtes über Sebastiano sagen, ein Freund, nett, fleißig. Nein, Sebastiano habe das nicht verdient. Aber dann spricht der Mann über die Mafia, über die anderen, die er auch alle kennt, aber nicht etwa, dass Sebastiano Strangio irgendwelche Geschäfte für sie gemacht hätte und er selbst selbstverständlich auch nicht.

Er erzählt zum Beispiel von dem anderen Sebastiano, dem Sebastiano R., der an zwei Morden beteiligt gewesen sein soll und in einem Laden in Essen als Kellner gearbeitet habe. Er berichtet von Francesco C., der wegen eines Raubüberfalls auf ein Warenhaus gesucht wurde. Und er wisse da jemanden, der sich auch auskenne, ein Mann, bei dem man vorsichtig sein müsse, auch ein Wirt, unter anderem. "Nein, nein, Sebastiano hat keine dunklen Geschäfte gemacht", sagt der Wirt in einem italienischen Restaurant im Ruhrpott, eine kleine Pizzeria, wie es viele gibt in Deutschland, mit Wirten, wie es sie vielleicht viel häufiger gibt, als man bisher glauben wollte. "Sebastiano starb nur, weil er zufällig dabei war. Er war kein Männer, mit denen sie sich jetzt beschäftigen, haben den gleichen Nachnamen, viele denselben Vornamen, und fast alle kommen sie aus San Luca.

Und einige waren einmal im Restaurant Da Bruno in Duisburg. Der Wirt, Sebastiano Strangio, ist ein netter Kerl, sagen alle, die ihn kennen. Er ist ein Mann aus Kalabrien, und er trägt einen Familiennamen aus dem Strangio-Nirta-Clan, doch tatsächlich verwandt ist er mit deren Feinden, den Vottari-Pelle-Romeos. Basti, wie ihn Freunde nennen, ist ein wirklicher Signore, der lächelt, der Komplimente macht. Er führt das Da Bruno gemeinsam mit seinen Brüdern, Giovanni und Giuseppe. Eine Trattoria für 100 Gäste, mit Stoffservietten auf den Tischen und leeren Weinflaschen als Dekoration und einem Raum für besondere Gäste und Anlässe hinten.

Seine Stammkunden begrüßt er mit Handschlag. Sind Prominente in der Stadt, schauen manche auch bei Sebastiano vorbei. Thomas Gottschalk, als "Wetten, dass . .?" nach Duisburg kommt, Fritz Egner, Zucchero und Roberto Blanco sollen da gewesen sein. Sebastiano lässt sich mit ihnen fotografieren, aber stellt sich nicht in die Mitte, wie das aufdringliche Wirte gern machen. Sebastiano hat Stil.

Er ist ein Koch, der darauf achtet, dass keine Tomatensauce auf seiner Schürze klebt, einer, den Freunde als typischen Kalabreser beschreiben, stolz, dickköpfig und gläubig, einer, der nicht oft flucht und sich 'Ndranghetista. Im Gegenteil, er hatte Geldprobleme, 50.000 Euro Schulden bei seinen Lieferanten", sagt er. Am nächsten Morgen ruft der Wirt noch einmal an. Er wolle auf keinen Fall erwähnt werden, spricht er mit rauchiger Stimme und scharrendem "R": "Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich habe große Sorge." Es klingt, als sei das nicht nur die Beschreibung seines Gemütszustandes, sondern eine Botschaft. Er hat seine Gründe. Er war einst selbst gesucht worden wegen Mordes, wegen Drogenhandels, die Polizei weiß womöglich gar nicht, dass er wieder in der Stadt ist.

"Es gibt innerhalb der deutschen Polizei eine irritierende Informationspolitik. In einzelnen Landeskriminalämtern wird betont, dass es in ihren Ländern keine italienische Mafia gebe, und dann finden wir in internen Lagebildern von BND und BKA genau das Gegenteil", kritisiert Mafia-Experte Jürgen Roth. Dabei war dem BKA schon 2000 bekannt, dass allein aus den Clans von San Luca 50 Personen in Deutschland lebten, dass sie Anfang der Neunziger gerade in Duisburg Pizzerien und Diskotheken eröffneten, um Geld zu waschen, mit Filialen vor allem in Ostdeutschland.

Doch dann kam der 11. September 2001, die Terrorangst und Umstrukturierungen der Polizei. "Wenn heute jemand ein Lagebild anfordert, kriegt er statistische Daten mit Leserbrief-Charakter", sagt Wilfried Albishausen vom Bund Deutscher Kriminalbeamten. Bis Mitte der 1990er Jahre gab es in Nordrhein-Westfalen noch die "erkennende Fahndung": Kommissare gingen nachts in Kneipen, zu Boxkämpfen, in Bordelle, um sich umzusehen, man kannte das Milieu und wusste, wer sich dort bewegte.

Sebastiano Strangio ist 1987 nach Deutschland gekommen, es sind viele Leute aus Kalabrien hier, vor allem aus San Luca. Er findet schnell Arbeit, als Koch in Duisburg im Restaurant von Antonio M., auch ein Verwandter aus San Luca. Der ist seit den Achtzigern im Ruhrgebiet, aber hat seine Wurzeln nicht vergessen. 1982 wird er wegen eines Überfalls auf einen Supermarkt gesucht, Anfang der Neunziger wegen Rauschgifthandels. Die Italiener suchen ihn 1994 wegen Mordes an zwei Carabinieri. In einem vertraulichen Papier aus dem Jahr 2000 bezeichnet ihn das BKA als Kopf des Vottari-Pelle-Romeo-Clans in Deutschland.

Später kocht Sebastiano bei Domenico G., auch aus San Luca, der mit seinen Brüdern als enger Vertrauter von Antonio M. gilt und sein Ristorante erwarb, indem er, damals angeblich Aushilfskellner, 250.000 Mark in bar auf den Tisch legte. Auch Sebastianos Kollegen im neuen Restaurant sind durchaus ehrenwert. Im Frühjahr 1991 stürmt ein SEK der Polizei die Gaststätte, um Antonio G. zu verhaften. Er wird in Italien wegen Totschlags gesucht. Schließlich macht Sebastiano sich mit seinen Brüdern selbstständig und übernimmt das Da Bruno. Sebastiano sammelt wenig Einträge bei der deutschen Polizei, wenn man davon absieht, dass 1998 seine Nummer auf dem Mobiltelefon eines Mafia- Opfers aus Borgia in Kalabrien gefunden worden sein soll.

Aber man muss aufpassen mit dem Namen Sebastiano Strangio. Ein im Oktober 2005 von der holländischen Polizei in Amsterdam verhafteter Drogenhändler trägt denselben Namen wie er, ist aber, anders als viele Zeitungen meldeten, ein Chef aus dem Strangio-Clan, dem Clan der Feinde. Sebastiano ist ein strenger, aber netter Boss. Das schätzen die Pergola-Brüder Francesco, 21, und Marco, 19, die aus der Gegend von Siderno stammen, 20 Kilometer von San Luca entfernt. 18 Stunden am Tag arbeiten sie im Da Bruno. Auch das Geburtstagskind Tommaso Venturi ist kalabrischer Herkunft.

Aber eigentlich ein Duisburger, die Heimat seiner Eltern kennt er nur aus dem Urlaub. Er wird später das einzige Opfer in den Wagen sein, um das nicht sofort Mafia-Gerüchte kursieren. Drei Wochen Praktikum hat er bei Sebastiano absolviert, nun darf er mit Weste und Fliege Teller an der glänzenden Messingtheke des Da Bruno vorbeibalancieren, das früher eine richtig feine Adresse war, als nebenan noch die Banker arbeiteten. Jetzt sitzt dort ein Metallhandel, und Sebastiano hat Pizza und Mittagsmenü eingeführt.

März 2007, San Luca.

Die Carabinieri entdecken auf einem Anwesen einen unterirdischen Bunker mit einer Geheimtür, dahinter vier Betten, ein Gerät zum Abhören des Polizeifunks, eine "Skorpion"-Maschinenpistole mit abgekratzter Seriennummer, eine Beretta 92, 230 Patronen, eine Sturmhaube - und die Visitenkarte einer Trattoria in Duisburg: Da Bruno. Das Anwesen gehört dem Vottari-Pelle-Romeo- Clan, Sebastianos Verwandtschaft. Mai 2007, San Luca. Die italienische Polizei hört das Telefon von Marco Marmo ab: Er will nach Deutschland reisen. Er will dort vollautomatische Waffen besorgen. Anfang August 2007, San Luca. Die Polizei verliert Marmo aus den Augen. Marco Marmo mietet sich in Pforzheim einen schwarzen VW-Golf und fährt damit nach Duisburg. Angeblich hat er erfahren, dass die italienische Polizei ihn des Mordes an Maria Nirta Strangio verdächtigt.

Mitte August 2007, Duisburg. Sechs Männer sitzen in der Nacht zu Mariä Himmelfahrt nach Lokalschluss noch bei Sebastiano im Da Bruno, um Tommasos Geburtstag zu feiern. Tommaso ist ein Gutmütiger, Beliebter, einer, der früher in der Hauptschule den anderen bei den Mathe-Hausaufgaben half, ein ehrgeiziger Kerl, der unbedingt einen guten Abschluss wollte, um eine Lehrstelle zu bekommen.

Sebastiano sitzt am Tisch, seine Kellner Francesco und Marco und noch zwei Männer aus San Luca. Einer davon sehr jung, Francesco Giorgi, er ist der Jüngste der Runde, 16, geboren im Jahr 1991, als die Eier flogen und die Strangio- Nirta-Jungs den Scherz in der Bar von Pelle machten. Er träumt wie Tommaso von einer Zukunft in der Gastronomie, und die sollte in jenem San Luca sein, in dem er immer die Mofas seiner Freunde repariert. Nicht in jenem San Luca, in dem es keine Arbeit gibt und Geld nur der hat, der zur 'Ndrangheta gehört. Darum jobbte er in den Ferien bei seinem Onkel Sebastiano in Duisburg. Und so sitzt er jetzt hier am Tisch, im Da Bruno, wo irgendwo ein M-16-Maschinengewehr versteckt liegt, das die Polizei später entdecken wird.

Der sechste Mann am Tisch im Da Bruno ist ein etwas fülliger Bekannter von Sebastiano. Das Geburtstagskind kennt ihn kaum. Er ist 25, kommt aus San Luca, ein lauter Kerl mit Doppelkinn, er hat Sebastiano schon öfter besucht. Sein Mietwagen, ein schwarzer VW-Golf, steht draußen vor der Tür. Die sechs Männer trinken ihr letztes Glas. Um 2.10 Uhr telefoniert Sebastiano wie immer mit dem Sicherheitsdienst des Gebäudes, in dem das Da Bruno liegt, und sagt, dass er Feierabend macht. Dann gehen die sechs raus zu ihren Autos.

Gerald Drißner, Bernd Volland; Albert Eikenaar, Frank Gerstenberg, Nadine Jansen, Kuno Kruse, Julia Laermann, Werner Mathes, Rainer Nübel, Christian Parth, Mario Pelizzoli, Kety Quadrino, Regina Weitz

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