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Menschen, die Mut machen: Als Nonne zwischen den Fronten

In der Adventszeit stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, den sein Engagement für andere oder der Umgang mit dem eigenen Schicksal auszeichnet. Heute: Die Nonne Lorraine Garasu. Bei der Beendigung der blutigen Rebellion auf der Pazifikinsel Bougainville spielte sie eine zentrale Rolle.

Von Kirsten Wörnle

Dicke Tropfen trommeln aufs Hausdach, es ist eine schwarze Urwaldnacht, da knallt es plötzlich, dumpf und blechern. Sister Lorraine knipst die Taschenlampe an, herausgerissen aus einem unruhigen Schlaf, läuft durch ihr Haus. Was war das? Ein Mensch? Ein Tier? Soll sie die Polizei rufen? Tausend Töne hat sie nachts schon gehört, tausend Mal ist sie schon aufgeschreckt. Nachts liegen die Nerven blank. Da steigen Erinnerungen an den Krieg auf.

Bougainville, eine Insel im Pazifik, gehört zu Papua Neuguinea. Hier liegt die Panguna-Kupfermine, in den siebziger und achtziger Jahren eine der größten Tagebauminen der Welt. Ein australischer Bergbaukonzern und der Staatshaushalt von Papua Neuguinea profitierten davon, doch Bougainville bleibt vor allem zerstörtes Land. Forderungen nach Entschädigung wurden abgelehnt, schließlich legten junge Einheimische die Mine durch Sabotageakte mehrfach lahm. Die Zentralregierung schickte eine Polizeieinheit, dann das Militär, der Konflikt eskalierte. Die Bevölkerung von Bougainville gründete ihre eigene Armee, die Bougainville Revolution Army (BRA), 1988 kam es zum Krieg. Nachdem die Regierung Papua Neuguineas mit einem schnellen Schlag gegen die BRA gescheitert war, schnitt sie die Insel einfach von der Versorgung ab. Es fehlte an Medizin, Kleidung, Mitteln des täglichen Bedarfs. Tausende Menschen starben wegen des Embargos.

Medizin durch den Urwald geschmuggelt

Mitten drin stand eine Nonne: Lorraine Garasu. Als junge Frau war sie den Schwestern von Nazareth beigetreten, einem Orden, der sich insbesondere für die Rechte der Frauen einsetzt. Sister Lorraine litt unter der tiefen Ungerechtigkeit des Kriegs. Gemeinsam mit Frauen aus anderen Kirchen gründete sie das überkonfessionelle Frauenforum "Bougainville Inter-Church Women's Forum". Sie und ihre Mitstreiterinnen schmuggelten Medizin durch den Urwald, organisierten Schulunterricht und verhandelten unermüdlich mit Regierungstruppen und Rebellen, um für Frieden zu werben.

1996 berief sie mit ein paar Mitstreiterinnen ein Friedensforum ein, bei dem sich 700 Frauen trafen. Kritisch beäugt von bewaffneten Soldaten redeten die Teilnehmerinnen über ihre Ängste und Wünsche und über Lösungsvorschläge für den Konflikt. "Manchmal war die Stimmung so angespannt, dass wir gesungen haben", erzählt Sister Lorraine. Nach einer Woche hatten die Frauen des Forums einen Aktionsplan für Frieden und Versöhnung erarbeitet.

Die Menschen brauchen Perspektiven

Ein Jahr später nahm Sister Lorraine an den Friedensverhandlungen für Bougainville auf Neuseeland teil. Dass sie zuvor kein Risiko scheute, sich für Frieden einzusetzen, wurde ihr schon damals hoch angerechnet: "Wir waren in Höhlen und Wäldern versteckt, aber Sister Lorraine stand auf freiem Feld", sagte Joseph Kabui, der erste Präsident des autonomen Bougainville, kurz vor seinem Tod im Juni 2008.

1998 einigten sich Armee und Rebellen auf einen Waffenstillstand, 2001 wurde ein Friedensvertrag unterschrieben, seit 2005 ist die Insel autonom. Jetzt gilt es, ein Land aufzubauen. Eine ganze Generation hat nicht die Schule besucht. Das "Bougainville Inter-Church Women's Forum" bildet Lehrer für Alphabetisierung aus, kauft Bücher und richtet Schreib- und Lesekurse ein. "Wir wollten, dass die Menschen den Friedensprozess verstehen", sagt Sister Lorraine. "Die Menschen brauchen eine Perspektive", sagt sie. Nur dann kann es gelingen, dass sie ruhiger werden. Dass in der Nacht die Nerven nicht mehr blank liegen und sie bei jedem Geräusch aufschrecken und an Gewehre denken.