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Mutter Teresa: "Engel der Armen"

Mutter Teresa wird nur sechs Jahre nach ihrem Tod 1997 vom Papst selig gesprochen. Die katholische Nonne, die 1979 den Friedensnobelpreis erhielt, gilt als Sinnbild selbstloser Hilfe für die Ärmsten der Armen.

Schon drei Mal haben sie gedacht, der abgemagerte Mann mit den grauen Stoppelhaaren werde die nächsten Stunden nicht überleben - doch jedes Mal bäumte sich der von Tuberkulose geplagte 65-Jährige wieder gegen den Tod auf. Vielleicht ist es das regelmäßige Essen, vielleicht die Fürsorge der "Missionarinnen der Nächstenliebe", die ihm Kraft zum Überleben geben - jetzt, da er nicht mehr in den Gossen Kalkuttas liegt, sondern im Sterbehaus "Nirmal Hriday", dem "Reinen Herzen". Mehr als 78.000 der "Ärmsten der Armen" fanden hier ihre oft letzte Zuflucht, seit Mutter Teresa das Haus 1952 gründete. Am 19. Oktober, gut sechs Jahre nach dem Tod des "Engels der Armen", will der Papst Mutter Teresa selig sprechen.

Resolute Nonne

Als die resolute Nonne die "Missionarinnen der Nächstenliebe" 1950 gegen den Widerstand des Vatikans ins Leben rief, hat wohl niemand geahnt, wie ungeheuer beliebt und erfolgreich sie und ihr Orden werden würden. Dem Orden gehören inzwischen mehr als 4500 Schwestern an, in 133 Ländern unterhält er insgesamt 710 Häuser - darunter Heime für Sterbende, Lepra- oder Aidskranke, Obdachlose und Kinder. Wer dachte, der Tod der ebenso charismatischen wie resoluten Ordensgründerin am 5. September 1997 werde das langsame Ende ihres Lebenswerkes einläuten, hat sich getäuscht.

Stattdessen wächst der Orden immer weiter. 11 Länder und 116 Häuser sind seit dem Tod der Gründerin dazugekommen, Bischöfe aus zahlreichen Ländern laden die Schwestern ein, auch dort für die Ärmsten der Armen zu arbeiten. Ein "Imperium der Barmherzigkeit", wie "Die Zeit" schon 1992 schrieb, das Schwester Nirmala, Nachfolgerin der Ordensgründerin, mit geradezu beängstigend einfachen Mitteln leitet. Die modernste Anschaffung im Mutterhaus, der Zentrale der globalen Wohltätigkeitsorganisation, ist ein Faxgerät, Computer gibt es nicht. Selbst Ventilatoren gelten den Schwestern als Luxus, von Klimaanlagen ganz zu schweigen.

"Berufung in der Berufung"

Mutter Teresa wurde 1910 in Skopje im heutigen Mazedonien als Agnes Gonxha Bojaxhiu geboren. Nach einem Aufenthalt in Irland kam sie 1929 nach Kalkutta, wo sie 10 Jahre später ihr Gelübde als voll ordinierte Nonne ablegte; die frühere Hauptstadt Britisch-Indiens wurde zu ihrer neuen Heimat. Als Lehrerin arbeitete sie dort zunächst an der St. Mary School, einer grünen Oase in der staubigen Innenstadt - bis sie 1946 auf einer Zugfahrt das ereilte, was sie später die "Berufung in der Berufung" nannte. Danach widmete sie ihr Leben dem Dienst an den Ärmsten der Armen - dieser Dienst "aus ganzem Herzen und ohne Gegenleistung", Armut, Keuschheit und Gehorsam sind die vier Gelübde ihrer "Missionarinnen der Nächstenliebe".

Die deutsche Schwester Andrea stieß 1959 als erste Ausländerin zum Orden Mutter Teresas. Bis zum Tod der Ordensgründerin arbeitete die Deutsche mit ihr zusammen. "Wie ein Wirbelwind" sei sie gewesen. "Wenn sie überzeugt war, dass es Gottes Wille ist, dann hat sie das auch durchgesetzt", sagt Schwester Andrea - und was Schwester Andrea anging, war Mutter Teresa überzeugt: Die Deutsche ist heute eine der vier Ärztinnen des Ordens in Kalkutta, obwohl sie auf keinen Fall Ärztin werden wollte.

Die langjährige Freundin der Ordensgründerin Sunita Kumar, Autorin des Buches "Mutter Teresa von Kalkutta", wundert sich nicht über die schnelle Seligsprechung Mutter Teresas. Nach all den gemeinsamen Jahren Dienst erinnert sie sich besonders an ihr warmes Lächeln - und an noch etwas: "Ich habe sie nie weinen sehen."

Friedensnobelpreises 1979

Spätestens mit der Verleihung des Friedensnobelpreises 1979 an Mutter Teresa wurden sie und ihr Orden weltweit bekannt. Sie verzichtete auf das obligatorische Festbankett - stattdessen veranstaltete sie von dem gesparten Geld eine Weihnachtsfeier für 2000 Arme. Das brachte ihr neben einer Sympathiewelle auch 50.000 Dollar an spontanen Spenden ein. Doch mit ihrer Rede anlässlich der Preisverleihung machte sie sich auch Feinde. Abtreibung sei die größte Bedrohung des Friedens, sagte sie damals. Trotz Aids und Bevölkerungsexplosion verurteilte sie auch Verhütungsmittel Zeit ihres Lebens aufs Schärfste

Als die Ordensgründerin 1997 im Alter von 87 Jahren starb, richtete die indische Regierung entgegen der Gepflogenheiten des Protokolls einen Staatsakt für ihre Beerdigung aus. Auch Jahre nach ihrem Tod ist sie in der Erinnerung der Menschen noch lebendig, in ihren Häusern in Kalkutta ist sie allgegenwärtig.

"Mother Teresa in"

"Mother Teresa in", Mutter Teresa anwesend, steht auf dem Schild neben der Tür des Mutterhauses in Kalkutta, in dem die Ordensgründerin in einem mit Blumen geschmückten Grabmal ihre letzte Ruhestätte fand - nach dem Gebet berühren die Nonnen es kurz mit ihrer Stirn. Auf "out", abwesend, haben die Schwestern das Schild am Eingang seit Mutter Teresas Tod nicht mehr gestellt. Warum auch, sagen sie - schließlich liege nicht nur Mutter Teresas Körper in dem Grabmal im Haus, sondern auch ihr Geist sei immer bei ihnen.

Can Merey / DPA
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