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Nichtrauchergesetz Revolution auf Samtpfoten


Noch greift das Gesetz zum Schutze der Nichtraucher nicht, in der Silvesternacht wurde in Hamburg gequalmt wie eh und je. Doch bald geht's den Rauchern an den Kragen, dann können Lungenzüge bis zu 500 Euro kosten. Das ist wirklich so, auch wenn viele Nikotinfreunde es immer noch nicht glauben können.
Von Tonio Postel

Die Revolution des Hamburger Nachtlebens kommt auf Samtpfoten daher, noch ist sie still und unsichtbar. "Ich scheiße auf das Rauchverbot", sagt etwa Franziska Würth (Name geändert), eine 31-jährige Pädagogin, die in der kleinen Bar "Le Fonque" in Hamburg-Eimsbüttel an einem Barhocker lehnt und genüsslich ihren Teil zum Atemnot bescherenden Luftgemisch des von Kerzenlicht erleuchteten Raums beiträgt. "Ich möchte nicht, dass ein Gesetz mich beherrscht. Eigentlich plane ich, mit dem Rauchen aufzuhören, aber ich will es mir nicht vorschreiben lassen", sagt die Frau mit den langen blonden Haaren und dem kampfeslustigen Blick. Da kann Nachtgenossin Nadia, die an der Bar sitzt und ab und zu nach Luft schnappt, nur mit dem Kopf schütteln. Die 31-Jährige leidet seit Jahren an Asthma und freut sich schon sehr auf die rauchfreie Zeit: "Wenn ich weggehe, muss ich nachher für Wochen zu Hause im Bett bleiben, im vergangenen Jahr war ich deshalb 80 Prozent krank!", sagt die Frau mit den dunklen Haaren und dem freundlichen Lächeln. Nur an Tagen wie Silvester zieht es sie doch mal auf die Piste - trotz der Nebenwirkungen. Geschäftsführer Jens bleibt trotz Verbots und der Angst vor dem finanziellen Zusammenbruch - 80 Prozent seiner Gäste seien Raucher - recht entspannt. "Ab morgen stellen wir anstatt der Aschenbecher Untertassen auf, damit die Kippen nicht in den Kerzen landen", sagt Jens und lächelt ohnmächtig.

Dass in der Hansestadt seit Mitternacht formal das so genannte Passivraucherschutzgesetz gilt und nur noch dort geraucht werden darf, wo es einen abgetrennten Raucherraum gibt, ist den neujahrstrunkenen Bürgern dieser Stadt gleich. Sie lassen sich ihre Kippen jedenfalls nach wie vor auch in einräumigen Bars und Cafés schmecken - es hindert sie aber auch niemand daran. Doch bald wird Ignoranz teuer werden: Bis zu 500 Euro reicht der vom Gesundheitsamt erstellte und von Kontrolleuren der Bezirksämter überwachte Bußgeldkatalog, dessen Umsetzung jedoch noch nicht für die Silvesternacht gilt, und selbst bis Ende Februar sollen Wirte wie Raucher straffrei bleiben.

Der Streit hält an

Ein paar Häuser weiter, auf der zentralen Partymeile im Schanzenviertel, dem Schulterblatt, liegt das "Bedford Café". Hinter großen Fensterfronten frönen Männer und Frauen auch hier ungeniert dem verbotenen Laster. Die Luft in der Kneipe ist wie eine Wand, die man überwinden muss. "Ich finde das Rauchverbot zum Kotzen, weil die Gemütlichkeit verloren geht", sagt Milda Bartels und nimmt einen tiefen Zug. Die schlanke, blonde Frau kenne zudem kaum Barleute, die "nicht selber rauchen", das Gesetz sei ergo überflüssig. "Wir machen durch das Verbot auch noch unsere geschönte Wirtschaftslage kaputt", fürchtet das Mitglied der CDU, die für eine Wahlfreiheit plädiert: Man solle doch bitte selbst entscheiden dürfen, ob man in eine Raucherkneipe gehen möchte oder nicht.

Das fordert auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). "Wir wollen eine Kennzeichnungspflicht für kleine Kneipen durchsetzen", sagt die Sprecherin des Bundesverbandes, Stefanie Heckel. "Spanische Lösung" nennt sie ihr Ziel, denn die europäischen Nachbarn überlassen es Lokalen mit weniger als 100 Quadratmetern Fläche selbst, ob geraucht werden darf oder nicht. "Das läuft sehr gut dort", versichert Heckel. Das deutsche Gesetz bedeute besonders für die Einraum-Betriebe den Anfang vom Ende. "Die hatten in der Vergangenheit auch ohne das Gesetz Umsatzprobleme, und jetzt das". Heckel nennt Zahlen, die eindeutig klingen: "In Baden-Württemberg, wo das Nichtraucher-Gesetz schon seit August gilt, fürchten 53 Prozent der Betreiber von Einraum-Lokalen um ihre Existenz, zwei Drittel von ihnen hatten Umsatzverluste von durchschnittlich 20 Prozent."

Doch es gibt auch andere Stimmen, jene, die glauben, dass es nach einer ersten Zeit der wirtschaftlichen Ernüchterung, langfristig bergauf gehen wird. Zum Beispiel Benjamin Lermann, Inhaber mehrerer Gaststätten im Hamburger Schanzenviertel. Unter anderen gehört ihm die Eckkneipe "Omas Apotheke". Er steht im fahlen Neonlicht vor der Anrichte und sagt: "In Amerika und Israel haben die Wirte nach zwei Monaten Rauchverbot mehr Umsatz als vorher gemacht." Er plant, einen 40 Quadratmeter großen Laden neben seinem Lokal als Raucherraum einzugliedern, weshalb er dem bisherigen Pächter kündigen musste.

"Echt?"

Auf der Straße gibt es heute nur ein Thema: "Darf man echt ab morgen nicht mehr rauchen?", fragt eine junge Frau in Leggins und Wollmütze nach dem Betrachten eines Hinweisschildes ungläubig, ihre Begleiter zucken die Achseln.

Die Nichtraucherrevolution hat gerade erst begonnen.


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