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"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären: Was ist los in Baltimore?

"Schockt die Weißen!" - viele Demonstranten glauben, dass sie sich nur so Gehör verschaffen können. Baltimore ist zu einem Hexenkessel geworden. Aber Baltimore ist überall.

Von Norbert Höfler, New York

In Baltimore sind friedliche Proteste gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in Plünderungen und Brandschatzungen umgeschlagen

In Baltimore sind friedliche Proteste gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in Plünderungen und Brandschatzungen umgeschlagen

"Kommen Sie mich doch mal in Baltimore besuchen, es ist eine wunderschöne Stadt", lud mich Robert Ford vor ein paar Monaten ein. Er war lange US-Botschafter in Syrien. Ich hatte ihn in Washington zu einem stern-Gespräch getroffen. Ford pendelt von Baltimore in die nahe US-Hauptstadt. Wie so viele Regierungsangestellte. Wer die TV-Serie "House of Cards" schaut, kennt Fords Haus. Die Serie wird in Baltimore gedreht. Ford wohnt neben dem Serien-Präsidenten Francis Underwood und seiner schönen blonden Frau Claire. Als eine "Winterszene" gedreht wurde, kippten sie künstlichen Schnee in Fords Vorgarten. Die Blumen waren ruiniert. Ein Gärtner kam und richtet alles wieder hübsch her. Bis zur Uni in Baltimore ist es nicht weit. Seit Jahren zieht es Künstler, Kreative und Studenten in die Stadt. Die Mieten in Washington sind einfach zu hoch. An Wochenenden wimmelt es am alten Hafen von Touristen. Baltimore ist eine interessante Stadt.

Aber Baltimore brennt.

Keine vier Kilometer entfernt wurden Dienstagnacht zig Geschäfte geplündert. 15 Häuser und 144 Autos brannten. 235 Randalierer wurden verhaftet. 19 Polizisten wurden verletzt. Amerika war geschockt. Nachdem, vor allem junge Leute, eine Woche lang friedlich gegen Polizeiwillkür demonstriert hatten, explodierte die Gewalt.

Amerikanische Armutstaschen

Nein, Baltimore ist keine "lost city", keine Stadt, die Verfall und Chaos überlassen wird. Baltimore mit seinen 622.000 Einwohnern ist eine typische US-Großstadt. Die meisten Industriejobs gingen schon vor vielen Jahren verloren, die Arbeitslosigkeit bei ungelernten Arbeitskräften ist hoch. Besonders betroffen sind Stadtteile mit schwarzer Bevölkerung. Es sind Armenviertel, in denen Gewalt- und Drogenkriminalität hoch ist, wo sich nach Einbruch der Dunkelheit Weiße schnell unwohl fühlen. Die Mordrate ist hoch – 34 Fälle pro 100.000 Einwohner. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Rand Paul hatte während der Krawalle einen Wahlkampfauftritt in der Gegend. Er sagte: "Ich musste durch die Stadt, aber Gott sei dank, hielt mein Zug nirgends an."

Im US-Fernsehen nennen sie diese Quartiere "pockets of poverty", Armutstaschen. Jeder, der in den USA unterwegs war, kennt diese Viertel. Sie gibt es in fast jeder größeren Stadt, in Chicago genau so wie in Philadelphia, Cleveland, Louisville, Detroit, Memphis oder Ferguson, wo im letzten November Häuser und Geschäfte brannten.

So gesehen ist Baltimore überall im Land.

USA sind rassistisch

Neu ist, dass nun die schwarze Bevölkerung in diesen Quartieren, vor allem die jungen Männer, aufbegehren. Sie wollen sich die tägliche Polizeiwillkür und den täglichen Rassismus nicht länger bieten lassen. Brandstiften und Plündern sind keine Lösung, aber viele Demonstranten glauben, dass sie nur so Gehör finden. Schockt die Weißen! Verunsichert das Establishment.

Auch wenn es im Land keiner so deutlich aussprechen will: Die USA sind noch immer ein rassistisches Land. Schwarze werden diskriminiert.

Barack Obama hat einen Tag nach den Bränden reagiert. Natürlich verurteilte er die Gewalt. Aber dann sagte er auch: "Solche Dinge passieren jetzt fast jede Woche. Wir haben es mit einer Krise zu tun, die sich langsam aber stetig entwickelt."

Aber was tun? Obama gibt keine konkrete Antwort. Eine schnelle Lösung gibt es ohnehin nicht. Die USA müssten hunderte Milliarden in ihr Bildungs- und Sozialsystem investieren. Vor allem in den "pockets of poverty". Aber so tickt das Land nicht.

Schläge ändern nichts

Einfache und schnelle Lösungen sind gefragt. Deshalb jubelte das ganze Land der alleinerziehenden Mutter Toya Graham aus Balitmore zu, die ihren schwarz vermummten 16-jährigen Sohn Michael mit scheppernden Ohrfeigen von der Straße zerrte. Das Video wurde im Netz inzwischen millionenfach geklickt. Die New Yorker Boulevardpresse jubelte: "Wir brauchen keine Nationalgarde, wir brauchen solche Mütter."

Was für ein Irrtum.

Das Land braucht mehr Fairness und weniger Rassismus. Mit drei harten Schlägen ins Gesicht eines randalierenden schwarzen Teenagers ändert sich Amerika nicht.