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Protokollfragen: Wird Merkels Gatte "first man"?

Kanzlerin - der Begriff bereitet einigen noch Schwierigkeiten. stern.de hat nachgefragt, welche sprachlichen Änderungen die Frau im Amt noch mit sich bringt.

Was sich politisch ändert unter Angela Merkel, werden die nächsten Jahre zeigen. An eine sprachliche Änderung jedoch müssen sich alle sofort gewöhnen: "Der achte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ist eine Bundeskanzlerin." So formulierte es Horst Köhler in seiner Rede anlässlich der Ernennung Angela Merkels. Dabei sieht die deutsche Verfassung anderes vor: In Artikel 63 ist nämlich ausschließlich von einem männlichen "Bundeskanzler" die Rede.

Horst Köhler hat sich über diese Formalie hinweg gesetzt, indem er Angela Merkel mit einem herzlichen "Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin" angeredet hat. Denn das Grundgesetz wird deswegen nicht geändert; das bestätigt auch Prof. Ulrich Karpen von der Universität Hamburg gegenüber stern.de. Und er weiß, wovon er spricht: Der Jurist musste während seiner Zeit als Abgeordneter in der Hamburger Bürgerschaft häufiger mal "fünf Euro in die Macho-Kasse" zahlen, weil er eine männliche Bezeichnung für weibliche Kolleginnen wählte. Ob nun auch eine Machokasse im Bundestag eingeführt wird?

KanzlerIn oder Kanzler/in

Der Hüter der deutschen Sprache in Übersee, das Goethe-Institut, sieht die Reinheit der deutschen Sprache verletzt, wenn es nicht zu einer Änderung kommt. So schlägt Dr. Ulrich Sacker eine Änderung zur Form der KanzlerIn (mit großem "i") vor. Sprachlich einwandfrei sei es jedoch eigentlich erst, wenn ins Grundgesetz ein "die Bundeskanzlerin" eingefügt werde, so Sacker. Der Artikel 63 würde dann lauten: "Die Bundeskanzlerin oder der Bundeskanzler wird auf Vorschlag des Bundespräsidenten vom Bundestage ohne Aussprache gewählt". Und auch das Protokoll der Hamburger Senatskanzlei schlägt die Formulierung "Bundeskanzlerin" vor. Das sei in jedem Fall sicherer. Alles andere könnte sonst beleidigend klingen.

Ebenso sieht es das Protokoll des Bundestages. "Frau Bundeskanzlerin" heißt die korrekte Form der Anrede für die erste Bundeskanzlerin Deutschlands, Angela Merkel. "Das Protokoll geht grundsätzlich von der weiblichen Form aus", erklärt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. "Es ist der logische Schluss daraus, dass der Bundeskanzler mit Herr Bundeskanzler angeredet wird." Doch es mag beim dem einen oder anderen noch einige Zeit dauern, bis sie es Horst Köhler nachtun. Volker Kauder jedenfalls mag sich nicht so rasch darauf einstellen. Zu der Wahl Merkels fand er die Worte: "Noch nie hat ein deutscher Bundeskanzler so viele Stimmen bekommen wie Angela Merkel." Fünf Euro in die Macho-Kasse!

Beim Amt bleibt alles beim Alten

Einig sind sich die Juristen mit den Sprachwissenschaftlern darin, dass es bei der Bezeichnung des Kanzleramts bleibt und daraus nicht etwa das Kanzlerinamt wird. Und auch im neuen Duden findet sich die "Bundeskanzlerin", aber nicht das "Kanzlerinamt". Dies sei grammatikalisch zwar möglich, sagt Dr. Werner Scholze-Stubenrecht vom "Duden", aber "es klingt komisch und ist einfach unökonomisch". Außerdem könne das Bundeskanzleramt rein sprachlich auch als Plural verstanden werden, so Sacker: als das Amt aller Bundeskanzler der Bundesrepublik.

Ab jetzt heißt es also: Frau Bundeskanzlerin Merkel, die im Bundeskanzleramt sitzt und - mit wem verheiratet ist? Dem "First Man"? "Nein", erklärt der Prof. Karpen. Joachim Sauer sei "einfach der Mann der Kanzlerin." Daran müssen sich jetzt alle gewöhnen.

Shila Behjat