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Anschlag in Escheburg: Von Brandstiftern und Biedermännern

In Lübeck wurde ein Finanzbeamter verurteilt, der eine Asylbewerberunterkunft angezündet hat. Der Prozess offenbarte ein erschreckendes Maß an Fremdenfeindlichkeit gut situierter Bürger.

Von Kerstin Herrnkind

Der Angeklagte Kim-Alexander M. (rechts) mit seinem Anwalt Ralf von Busch im Verhandlungssaal des Landgerichts Lübeck. Der Finanzbeamte hatte gestanden, in einer Doppelhaushälfte in Escheburg Feuer gelegt zu haben. In das Haus sollten Flüchtlinge einziehen.

Der Angeklagte Kim-Alexander M. (rechts) mit seinem Anwalt Ralf von Busch im Verhandlungssaal des Landgerichts Lübeck. Der Finanzbeamte hatte gestanden, in einer Doppelhaushälfte in Escheburg Feuer gelegt zu haben. In das Haus sollten Flüchtlinge einziehen.

Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) war entsetzt. "Menschen fliehen vor Mördern und werden mit Brandsätzen empfangen." In Escheburg, einem beschaulichen Ort im Herzogtum Lauenburg, war im Februar ein Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim verübt worden. Albich drohte den Tätern: "Wir werden Euch jagen, wir werden Euch kriegen, wir werden Euch verurteilen. Ihr macht uns keine Angst".

Kein Rechtsradikaler, sondern ein Staatsdiener

Neun Tage dauerte es. Dann hatte der Staatsschutz den Brandstifter: Kim-Alexander M., 39, Finanzbeamter im gehobenen Dienst. Kein Rechtsradikaler, sondern ein Staatsdiener, vereidigt auf das Grundgesetz. Ein Biedermann, der für die Wählergemeinschaft kandidierte und im Kirchenchor sang. Sechs Iraker sollten direkt gegenüber von seinem roten Holzhaus mit der Adresse "Am Golfplatz" einziehen. Das wollte M. verhindern. Deshalb schlug er am 9. Februar gegen Mittag das Fenster ein, schüttete drei Liter Pinsel-verdünner auf den Laminatboden und warf ein brennendes Streichholz hinterher. Dann fuhr er zu Lidl, rief seine Frau auf dem Handy an: "Schatz, was brauchen wir noch?" Nach dem Einkaufen holte er seine vierjährige Tochter aus dem Kindergarten ab, fuhr mit ihr zu Ikea, "Hotdogs und Softeis essen". Unterdessen brannte es in dem roten Holzhäuschen kurz, dann gab es eine Verpuffung. Menschen waren nicht im Haus. Der Sachschaden, der später festgestellt wurde, belief sich auf rund 20.000 Euro. Das Haus war unbewohnbar.

Das Landgericht Lübeck hat den Finanzbeamten heute zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden soll. Der zweitägige Prozess zeigte nicht nur, dass der Finanzbeamte Unterstützer hatte. Er offenbarte auch eine erschreckende Fremdenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft unter gut situierten, gebildeten Bürgern.

"Ich schäme mich so", sagt der Angeklagte mit belegter Stimme als ihm zu Beginn des Prozesses das Wort erteilt wird. Er trägt ein weißes Hemd, eine gestreifte Krawatte, graues Sakko, Jeans und Turnschuhe. Bart, Brille und Halbglatze lassen ihn älter aus-sehen. "Ich wollte das Haus unbe-wohnbar machen. Aber es war kein Akt gegen Ausländer", verteidigt sich der Beamte. Eher einer gegen Männer, die "in Saft und Kraft stehen" und "Frauen belästigen" könnten. "Ich hatte Angst um meine Frau und um meine vierjährige Tochter." Seine Frau sei mal von "einem Asylanten“ überfallen worden. Auch die anderen Nachbarinnen seien in heller Aufregung gewesen: "Die Frauen hatten Angst, dass sie ihre Gartenarbeit nicht mehr in Top und kurzen Hosen erledigen könnten." Eine Asylbewerberfamilie hätte er noch akzeptiert, nicht aber sechs Männer.

Im Laufe der Verhandlung begründet der Angeklagte seine Tat mit Sätzen wie: "Die holen ihre Kumpels, machen nachts Party, während wir um fünf Uhr aufstehen müssen.“ Oder: "Wir haben uns gefragt, bringt denen eigentlich jemand bei, wann der Müll raus muss." Und: "Wir hatten Angst, dass die im kriminellen Bereich arbeiten." Als die Vorsitzende Richterin entgegnet, dass auch Flüchtlinge gebildete, gesetzestreue Menschen sein könnten, schüttelt M. den Kopf: "Ich fürchte, dass sich die Tendenz da eher nach unten richtet."

"Richtig Krawall machen"

Wenige Stunden vor dem Anschlag stürmte er gemeinsam mit elf anderen Nachbarn das Zimmer der zuständigen Verwaltungsbeamtin. "Um richtig Krawall zu machen", wie eine Krankenschwester, die dabei war, aussagt. Auch die Beamtin erinnert sich noch gut an den Überfall. "Sie drohten, sich etwas einfallen zu lassen, um das Heim zu verhindern." Draußen vor der Tür raunte der Finanzbeamte seinen Nachbarn zu: "Am besten, ihr hört heute Abend nichts". Kurz darauf flog der Brandsatz in das fertig sanierte Flüchtlingshaus. Angeblich war eine Scheibe des Doppelfensters schon vorher eingeschlagen gewesen.

Tatsächlich war der Finanzbeamte nicht der Einzige, der laut darüber nachdachte, das Haus unbewohnbar zu machen. "Ich sagte, ich lege da einen Wasserschlauch rein", gibt die Krankenschwester, eine Blondine im marineblauen Blazer, ungerührt zu Protokoll. Das ist das Verstörende an diesem Prozess. Es sind ganz normale Leute, die solche Dinge von sich geben. Ungeniert. Gebildete, gut situierte Leute. Leute, die einem Angst machen.

"Verständnis für seine Verzweiflung"

M. behauptet, spontan und allein gehandelt zu haben. Doch es gibt eine Zeugenaussage, die den Verdacht nahelegt, dass der Finanz-beamte Mitwisser hatte: Unmittelbar nach dem Anschlag telefonierte eine Nachbarin von ihrem Büro aus mit ihrem Ehemann, einem Engländer, der zuhause in Escheburg auf die Kinder aufpasste, während sie arbeitete: "So, ‚im' made it true" ("im" hat es wahr gemacht), soll sie zu ihrem Mann am Telefon gesagt haben. "Es war ein Name, einsilbig, wie Tim", erinnert sich eine Kollegin, die das Telefonat mit anhörte nun vor Gericht. Sie hat damals die Polizei alarmiert. Für ihre Aussage spricht, dass der Finanzbeamte von seinen Nachbarn tatsächlich nur mit seinem ersten Vornamen angesprochen wird. Doch die Nachbarin, Mitarbeiterin einer Wirtschaftsprüfungsfirma, bestreitet, so etwas je gesagt zu haben. Ihre Kollegin habe sich "verhört" und sei "hysterisch". Für den Brandstifter findet die Nachbarin, die vor Gericht betont, ihr Vater habe "37 Jahre bei der Polizei gearbeitet", hingegen mitfühlende Worte: "Für seine Verzweiflung habe ich Verständnis".

Keiner verminderte Schuldfähigkeit erkennbar

Auch Kim-Alexander M. wirkt normal, selbst auf den Gutachter, der keine verminderte Schuldfähigkeit erkennen kann. Er wuchs bei seinen Eltern auf, ging aufs Gymnasium, machte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Er studierte ein paar Semester Kulturwissenschaften, reiste nach dem Vordiplom ein paar Monate durch Indonesien. Als Schill 2001 zweiter Bürgermeister und Innensenator von Hamburg wurde, trat er "aus Protest", wie er sagt, in die SPD ein. Er wurde Diplom-Finanzwirt und Beamter auf Probe, bearbeitete Einkommenssteuererklärungen. Kim-Alexander M. heiratete, wurde Vater, vom Erbe seiner Mutter ("meine Mama starb 2003 an Krebs") zahlte er die Doppelhaushälfte in Escheburg an. Er engagierte sich als ehrenamtlicher Diakon in der Kirche. Abgesehen von seiner Depression und dem Stress mit der Chefin war alles in bester Ordnung - bis die die Asylbewerber in seine Nachbarschaft ziehen sollten. "Ich hatte Angst um das Schöne, um die Idylle, die wir dort haben", sagt der Angeklagte. "Ich weiß, es klingt furchtbar. Aber ich dachte, ich tue was Gutes."

Erst als M. über die Folgen seiner Tat spricht, bricht seine Stimme. Er weint. Seine Existenz sei zerstört, den Job als Beamter würde er verlieren, jammert er. "Hätte ich einen Funken Verstand parat gehabt, hätte ich es nicht gemacht."

"Er tut sich selbst leid"

Die Vorsitzende Richterin scheint das nicht zu rühren. "Wirkliche Reue" habe sie bei dem Angeklagten nicht gesehen. "Die Flüchtlingen tun ihm nicht leid. Er tut sich selbst leid." Der Angeklagte suche die Schuld noch immer bei den Behörden und "stellt sich als Beschützer für Frauen und Kinder dar." Für die "fremdenfeindliche Tat", habe es "keinen nachvollziehbaren Grund" gegeben. Dass der Angeklagte den Schaden zwischenzeitlich bezahlt habe, wertete die Kammer nicht als strafmildernd. "Diese Tat ist mit Geld allein nicht wieder gut zu machen."

Mit dem Urteil ging die Kammer über die Forderung der Staatsan-waltschaft hinaus. Die Anklage hatte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten gefordert, allerdings wegen schwerer Brandstiftung. Auch die Staatsanwaltschaft wollte die Strafe für drei Jahre zu Bewährung aussetzen.

Mit dem Urteil verliert Kim-Alexander M. seinen Beamtenstatus, wird aus dem Staatsdienst entlassen. In einem Punkt aber hat er gewonnen: Die sechs Iraker sind nicht in das rote Haus gezogen. Dort wohnt nun eine Asylbewerberfamilie mit Kindern. Genau so, wie es sich Kim-Alexander M. gewünscht hat.