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Kardinal Woelki: Caritas et furor: Generationenvertrag neu verhandeln! Was vor allem Alte dafür tun müssen

"Die Rente ist sicher" - dieser Spruch gilt kaum noch. Die junge Generation zahlt für einen einseitigen Generationenvertrag, ohne zu wissen, ob sie selbst davon profitiert. Kardinal Rainer Maria Woelki hat eine Idee, wie junge Familien und Menschen wieder Glauben an die Gesellschaft bekommen können.

Wir brauchen Jung mit Alt - nicht Jung gegen Alt, schreibt Kardinal Rainer Maria Woelki

Um den Generationenvertrag neu zu verhandeln, brauchen wir Jung mit Alt - nicht Jung gegen Alt, schreibt Kardinal Rainer Maria Woelki.

Wir werden älter und wir werden weniger. Das merkt die Kirche an leerer werdenden Kirchenbänken, das merkt die Wohlfahrtsarbeit – was den angeht, ebenso wie an der steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen –, das merkt die Rentenkasse, das merkt die deutsche Wirtschaft; an den unterschiedlichen Stellen gilt es, der Realität ins Auge zu sehen und Maßnahmen dafür zu ergreifen, dass das Faktum des demographischen Wandels kein Grund zur Entsolidarisierung wird.

Entsolidarisierung hat immer da ein leichtes Spiel, wo Menschen enttäuscht sind, wo sie sich zu kurz gekommen vorkommen, wo sie sich um Chancen gebracht fühlen, wo man sie zum "Schwarzer-Peter-Spielen" instrumentalisieren kann. Der Schwarze-Peter – das sind dann entweder die Jungen, die sich nicht mehr kümmern, oder die Alten, die noch die satte Rente einstecken, oder die Fremden, die mehr bekommen, als man selbst.

Teilen ohne Hintergedanken

Solidarität hat ein anderes Fundament. Solidarität sieht die eigene und die fremde Bedürftigkeit, sieht die eigene Angewiesenheit und die des Gegenübers. Solidarität ist weder naiv, noch weltfremd. Solidarität bedeutet etwas von seiner Zeit, seiner Aufmerksamkeit, seinem Gewinn, seinem Erfolg, seinem Talent, seinem Lachen und seiner Zärtlichkeit mit einem anderen zu teilen – ohne Berechnung und ohne Hintergedanken; einfach deswegen, weil es ihn gibt; weil er oder sie da ist; weil er oder sie am Sterben ist; weil er oder sie bedürftig ist; weil er oder sie alt wird und damit fertig werden muss, dass die Kräfte, die Kompetenz, die Selbstständigkeit schwinden – "Erosion des Könnens" (Wilhelm Schmidt)… Wir werden lernen müssen, damit zu leben.

Der Generationenvertrag – eine Errungenschaft der sozialen Marktwirtschaft - ist durch den demographischen Wandel in eine Schieflage gekommen; hat ein Vertrag noch Bestand, wenn eine Seite sich übervorteilt fühlt? Ist es noch gerecht, wenn eine Seite zahlt und das dafür gegebene Versprechen – im Alter gut leben zu dürfen -  mit einem  Fragezeichen verbunden ist?

"Die Rente ist sicher" - das ist ein Irrglaube geworden

Die demographische Entwicklung in diesem Land lässt zweifeln, dass die junge Generation von heute morgen noch vom Generationenvertrag profitieren wird, selbst dann, wenn die Rentenerhöhungen moderat bleiben.

Wenn man der Realität ins Auge blickt, muss man feststellen, dass die junge Generation aktuell dafür zahlt, dass sie ein unsichereres Auskommen im Alter haben wird. Der Glaube an den Satz "Die Rente ist sicher" ist zum Irrglauben geworden. Die junge Generation zahlt  für einen einseitig gewordenen Vertrag; und viele zahlen darüber hinaus für einen weiteren Vertrag – den Vertrag ihrer sogenannten privaten Vorsorge und für diesen gilt: wer wenig hat, kann auch privat nur wenig vorsorgen.

Jung gegen Alt - das brauchen wir nicht

Jedem einzelnen Rentner, jeder einzelnen Rentnerin ist nach Jahrzehnten des Arbeitens das sichere Auskommen gegönnt. Und zurecht werden viele einwenden, dass eine Rentenkürzung keine Lösung sei. Erst recht nicht bei den schon heute erschreckend vielen Menschen, die von Altersarmut betroffen sind. Jeder einzelne Fall ist einer zu viel. Und so wie pauschale Rentenkürzungen den Generationenvertrag nicht retten, so helfen auch pauschale Rentenerhöhungen nicht nachhaltig. Denn vier Prozent von wenig bleibt wenig, vier Prozent von viel ist viel. Gegen die Altersarmut braucht es andere Lösungen.

Es geht also um die Frage der Solidarität und Gerechtigkeit, auch um die der Nachhaltigkeit, wie sie die katholische Soziallehre kennt. Doch meist wird diese Frage mit Blick auf die Rente von einem Blickwinkel diskutiert, nämlich dem der Rentner. Aber Solidarität ist keine Einbahnstraße. Was ist also, wenn das Geld im Topf auf Dauer nicht mehr reicht? Müssen dann nicht alle Abstriche machen?

Es geht hier nicht darum, Alt gegen Jung auszuspielen. Was wir brauchen, ist Alt mit Jung. Dazu gehört, dass beide Seiten zu einer ehrlichen Debatte bereit sind. Gerade die Älteren haben eine Verantwortung für die gesamte Gesellschaft.

Neuverhandlung des Generationenvertrages

Wir brauchen in Deutschland eine Neuverhandlung des Generationenvertrags auf Augenhöhe – nicht nur im Interesse der jungen Menschen, sondern auch im Interesse der Zukunft unseres sozialen Friedens und damit auch unserer Demokratie. Dabei wird die ältere Generation der Wohlhabenden zu Kompromissen bereit sein müssen. Sonst klinken sich immer mehr junge Menschen aus den politischen Debatten über die Zukunft des Landes aus, speziell aus jenen über die Zukunft der Sozialsysteme.

Schon zu viele haben den Glauben daran verloren, dass ihre Interessen je eine Rolle spielen werden. Dass jemand fragt, ob eine junge Familie einen größeren finanziellen Spielraum braucht, flexiblere Arbeitszeiten, ja vielleicht auch etwas weniger Arbeit für etwas mehr Lohn, um dann später etwas länger oder mehr zu arbeiten. Familie, so hieß es in der Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes von 2013 sehr treffend, Familie schaffen wir nur zusammen!  Helfen wir jungen Familien und jungen Menschen insgesamt, wieder Glauben an diese Gesellschaft zu haben! Wir werden alle dadurch gewinnen.

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