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Rechtschreibreform: Der Schreiber als Souverän

Die 1996 beschlossene Rechtschreibreform sollte die gröbsten Missstände der alten Schreibregeln beseitigen. Doch fünf Jahre danach herrscht weiterhin ein heilloses Durcheinander. Inzwischen schreibt jeder, wie er will.

Kaum eine andere Reform hat wohl in der deutschen Nachkriegsgeschichte so heftigen Widerstand ausgelöst wie die Einführung der neuen Rechtschreibung vor fünf Jahren. Die aktuellen Proteste um die Gesundheits- oder Rentenreform geraten dagegen zum Sturm im Wasserglas. Zum 1. August 1998 waren an Schulen und Behörden in Deutschland, Österreich und der Schweiz die neuen Schreibweisen und die kräftig gestutzten Komma-Regelungen eingeführt worden, nachdem zwei Wochen zuvor die Verfassungsrichter in Karlsruhe quasi in letzter Minute der erbittert umkämpften Reform den letzten Segen gegeben hatten.

Inzwischen im Alltag angekommen

Die neuen Schreibweisen sieht der Germanist und Vizevorsitzende der Zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission, Gerhard Augst, inzwischen im Alltag angekommen. Mehr als 80 Prozent aller neu aufgelegten Bücher werden heute mit neuer Rechtschreibung gedruckt. Stichproben belegen, dass die Zeitungen die neuen Regeln zu 96 Prozent richtig anwenden und selbst Leserbriefe an die Redaktionen in zwei Drittel der Fälle in reformierter Form verfasst sind.

Dabei gilt für Schulen wie Behörden noch immer die Übergangsfrist bis zum 1. August 2005. Erst ab dann darf ein Lehrer ein scharfes "ß" im "Fluss" in einer Schülerarbeit auch als Fehler werten - und nicht mehr wie bisher nur als "überholt" kennzeichnen. Dabei sehen die Lehrerorganisationen wie die Kultusministerkonferenz die Einführung der neuen Schreibweise im Schulunterricht als gelaufen an. Probleme seien nicht bekannt, heißt es übereinstimmend. Und wie der Privatbürger in Zukunft schreibt - das bleibt ihm auch weiter selbst überlassen. Augst: "Der Schreiber ist der Souverän. Normen können nur den Wildwuchs beschneiden."

"ss"-Schreibung gehört zur auffälligsten Änderung

Die "ss"-Schreibung nach kurzem Vokal wie bei Fluss/Flüsse, Nässe/nass, Wasser/wässrig zählt sicherlich zu den auffälligsten Änderungen. Ins Auge springen dabei besonders der Wechsel von "daß" zu "dass" und von "ein bißchen" zu "ein bisschen". Gleiches gilt vielleicht noch für den Erhalt von Konsonanten und Vokalen bei Wort- Zusammensetzungen wie Pappplakat oder Sauerstoffflasche - und für die neuen Regeln für die Getrennt- und Zusammenschreibung wie etwa bei Rad fahren, sitzen bleiben, gefangen nehmen.

Doch lässt man einmal die "ss"-Regelung außer Acht, so hat sich unter dem Strich lediglich bei zwei von 1000 geschriebenen Wörtern etwas geändert. Zum Vergleich: Der deutsche Stammwortschatz umfasst ohne Fachsprache etwa 150 000 Begriffe. Davon nutzt ein Normal-Bürger vielleicht etwa 10 000 bis 15 000 als "aktiven Wortschatz".

"Wir hatten ursprünglich Größeres vor"

So viel Aufregung für so wenig Änderungen? "Wir hatten ursprünglich Größeres vor", sagt Augst, einer der Väter der Reform, der trotz des vielen Ärgers den mühsamen Weg der Veränderung heute noch einmal beschreiten würde. Pläne für die Einführung einer gemäßigten deutschen Kleinschreibung - in allen anderen europäischen Sprachen werden die Substantive klein geschrieben - galten schon im Vorfeld der Wiener Konferenz von 1986 als wenig realistisch, bei der sich die deutschsprachigen Staaten auf die Grundzüge der Reform verständigt hatten. Ein Beobachter aus der DDR saß am Katzentisch mit dabei.

Als das neue Regelwerk Mitte der 90er Jahre Konturen annahm, brach ein Sturm der Entrüstung auf die Kultusminister und ihre Reformer ein: Die Zunft der Sprachwissenschaftler teilte sich in Gegner und Befürworter - von denen sich einige noch bis heute sogar persönlich befehden. Auch manche Feuilleton-Redaktion durchzog ein tiefer Graben. Erboste Eltern bemühten die Verwaltungsgerichte, deren Kammern nahezu täglich neue, unzählige sich widersprechende Urteile produzierten. Der Bundestag erlebte eine seiner turbulentesten Nachtsitzungen und zum Höhepunkt kippte in Schleswig-Holstein ein erfolgreiches Volksbegehren vorübergehend die Reform.

"Sprache entwickelt sich weiter"

Das vorerst letzte Wort im Kulturkampf pur sprachen im Juli 1998 die Verfassungsrichter. Doch heute noch führt ein Teil der Gegner den Kampf für eine Rückkehr zu den alten Regeln weiter - jetzt vornehmlich im Internet. Dazu sagt Augst: "Die Sprache lebt und sie entwickelt sich weiter." Zum Jahresende muss er den Kultusministern einen weiteren Bericht über die Reform-Umsetzung vorlegen. Kleinere Änderungen werden erwartet, etwa die Rückkehr zur Großschreibung bei einigen Eigennamen, wie "Schneller Brüter" oder "Schwarzes Brett".

Derweilen demonstriert die Werbung, dass für sie noch ganz andere Rechtschreibregeln existieren: So wirbt die Veltins-Brauerei für ihr neues Getränk "Vplus" zeitgerecht zum Auftakt der "Vreibadsaison".

Karl-Heinz Reith / DPA