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Rettung in Japan Das Wunder von Ishinomaki


Länger als eine Woche war Jin mit seiner Großmutter in den Trümmern seines Hauses vergraben. Er ernährte sich von Octopusbällchen, fror bei Minusgraden und wartete auf ein Wunder. Und das geschah.
Von Markus Götting, Sendai

Er könne sein linkes Bein nicht mehr spüren, sagt Jin Abe, als die Polizisten ihm ein gelbes Sweatshirt überstreifen. Jin hat Frostbeulen am Bein und Erfrierungen im Gesicht. Als sie ihn fanden, hatte er Badehandtücher eng um den Oberkörper gewickelt. Aber dass der 16-jährige Junge überhaupt noch lebt, ist diese Sorte Wunder, auf das ganz Japan in diesen Tagen wartet, da schlechte Nachrichten jeden Tag von noch schlechteren abgelöst werden. Jin und seine 80 Jahre alte Großmutter Sumi sind neun Tage nach dem verheerenden Erdbeben mit dem anschließenden Tsunami lebend aus den Trümmern ihres Hauses geborgen worden.

Als das Erdbeben kam, war Jin mit seiner Oma allein im Haus in Ishinomaki, rund 300 Kilometer nordöstlich von Tokio; sein Vater Akira war in der Gunma-Präfektur unterwegs. Sie saßen in der Küche im ersten Stock beim Essen, als der Boden unter ihnen zitterte; alle Einrichtungsgegenstände flogen durcheinander. Eine Stunde später kam der gewaltige Tsunami und riss ihr Haus fort. Doch wie durch ein Wunder hielten die Wände der Küche dem Druck stand.

Am nächsten Morgen um neun Uhr rief Akira Abe, 57, auf dem Handy seiner Mutter an. Es funktionierte noch und Jin ging ans Telefon. "Das Haus ist komplett zerstört", sagt er, "aber wir sind in der Küche." Akira Abe eilte sofort los, um nach seiner Mutter und seinem Sohn zu sehen. Aber die Haus war nicht mehr da.

Jin hatte derweil eine dicke Bettdecke gefunden, in die er seine zitternde Großmutter hüllte. Im Kühlschrank, der quer in diesem Chaos lang, fanden sie Yoghurt und Milch, sie hatten Wasser, Cola und Brot, und im Gefrierfach fanden sie tiefgekühlte Takoyaki, frittierte Octopusbällchen, die sie langsam auftauen ließen.

Eigentlich wird nur noch nach Leichen gesucht

Am heutigen Sonntag sind die Männer vom Ishinomaki Police Department einen Kilometer stromaufwärts der Mündung des Naruse-Flusses in den Pazifik unterwegs; die Präfektur Myagi wurde am härtesten von der mörderischen Welle getroffen. Es ist bitterkalt, vier Grad unter Null, und vor wenigen Tagen hat es noch so heftig geschneit, das weite Teile der Region unter einer Schneedecke lagen, Passstraßen waren unbefahrbar Fast überall entlang der Küste hat der Tsunami ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht.

Drei Tage nach dem Erdbeben hatten die Helfer in Ishinomaki noch ein vier Monate altes Baby aus den Trümmern gezogen. Es war die letzte Erfolgsmeldung aus der traurigsten Stadt des Landes. In einer Volksschule sitzen 30 Kinder und warten verzweifelt auf ihre Eltern. Und die Geschichte des neuenjährigen Toshihito Aisawa, der auf der Suche nach seinen Eltern allein durch die Stadt irrte, ging um die Welt.

Wenn man gesehen hat, wie die Hilfskräfte von Armee und Feuerwehr aus dem ganzen Land in den vergangenen Tagen mit Baggern und Lkw versuchen, die Spuren der Verwüstung zu beseitigen, dann wurde einem klar, dass sie eigentlich nur noch nach Leichen suchen. Nicht nach Überlebenden. Niemand vermag zu sagen, wie viele Menschen vermisst werden, für verlässliche Zahlen ist es einfach noch zu früh. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung sagt, realistisch müsse man von etwa 10.000 Toten ausgehen. Ishinomaki hatte 161.000 Einwohner. Bevor die Erde bebte.

"Yokatta" - alles gut

Ausgerechnet heute sammelt Jin seine letzte Kraft und zerschlägt das Gitter zum Lüftungsschacht der Küche, er klettert raus aufs Dach; dort steht er, als die Polizisten ihn finden und schreit: "Hilfe! Hilfe!" Jin ruft: "Meine Oma ist noch im Haus, aber sie kann sich nicht mehr bewegen."

Die Polizisten stemmen ein Loch in die Wand und bahnen sich so einen Weg nach innen. Als sie in die kleine Küche kommen, sitzt Jin zusammengekauert auf dem Esstisch, Oma Sumi auf einer Kommode. "Yokatta", sagt sie beim ersten Augenkontakt – alles gut. Dann fängt sie an zu weinen. Und als man sie endlich ins Freie geschleppt hat, blickt sie sich irritiert um. Sie sagt: "Bin ich jetzt draußen?"

Mit dem Rettungshubschrauber der Polizei werden die beiden in das Rot-Kreuz-Krankenhaus von Ishinomaki gebracht; ein Ort, der im wörtlichen Sinne ein Lichtblick ist in einer ganzen Großstadt ohne Strom. Das Krankenhaus ist hoffnungslos überfüllt. Erschöpfte Rot-Kreuz-Ärzte schlafen hier Seite an Seite mit ihren Patienten, freiwillige Helfer arbeiten rund um die Uhr in Vier-Tages-Schichten. Nach der ersten Diagnose sagen die Ärzte, Jin und Großmutter Sumi leiden an einer bedrohlichen Unterkühlung, aber ihr Zustand sei stabil. Ein Teenager und seine Oma, sie sind die neuen Symbole der Hoffnung in einem verunsicherten Land.


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