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Romance-Scamming Witwe lernt Mann im Internet kennen. Ein Jahr später hat er sie um ihr gesamtes Vermögen gebracht

Symbolbild zum Thema Romance Scamming: Eine Frau sitzt mit Kreditkarte vor einem Rechner
Immer wieder überwies die Frau dem angeblichen Sanitäter der U.S. Army aus New Jersey Geld (Symbolfoto)
In England hat eine Frau fast 600.000 Euro an einen Internetbetrüger verloren. Fast ein Jahr lang gaukelte er der Witwe rührselige Geschichten vor und bat sie immer wieder um Geld. Am Ende war alles weg, was ihr Mann ihr hinterlassen hatte.

Immer wieder hört man von Frauen, die durch Internetbekanntschaften, die ihr die große Liebe vorgaukeln, ein Vermögen verlieren. Als Love- oder Romance-Scamming (Liebesbetrug) bezeichnet die Polizei die Masche. Auch eine Witwe aus England fiel auf eine solche herein. Die 55-Jährige verlor so rund 500.000 Pfund (rund 580.000 Euro). 

Der "Daily Mail" erzählte die 55-Jährige ihre Geschichte: Erst vor zwei Jahren war ihr Mann, mit dem sie 34 Jahre lang verheiratet war, im Alter von 54 Jahren unerwartet an Leber- und Nierenversagen gestorben. Sie fühlte sich einsam und allein und dieses Gefühl wurde durch die mit der Corona-Pandemie verbundenen Lockdown-Maßnahmen noch stärker. Trost fand sie in der Fotografie. Auf einer Internetseite für Hobby-Fotografen stellte sie ihre Landschaftsbilder ein. Hier kam es dann zum ersten Kontakt mit dem Mann, der sie später um ihr gesamtes Vermögen bringen sollte. "Ich mag ihre Bilder", kommentierte der Unbekannte. "Welche?", fragte sie zurück. "Alle!", lautete die Antwort. Da sie zuvor schon häufiger von anderen Amateurfotografen angeschrieben wurde, die wissen wollten, wie sie bestimmte Aufnahmen gemacht hatte, schöpfte sie keinen Verdacht. 

Mann gab sich als Militär-Sanitäter aus

Sein Name, so erzählte er ihr, sei Clinton. Er behauptete, ein Arzt der U.S. Army aus New Jersey zu sein, der im Jemen diente. Seine Frau und seine Tochter, so behauptete er, seien fünf Jahre zuvor bei einem Autounfall verstorben und er vermisse seinen erwachsenen Sohn in den Staaten. Die beiden verstanden sich gut und verlagerten ihre Konversation in Internet-Chatrooms, wo das Gespräch persönlicher wurde. 

Es entwickelte sich eine Online-Freundschaft. Clinton half ihr über ihre Einsamkeit und Trauer hinweg. Wenn sie endlos über ihren verstorbenen Mann sprach und bis in die frühen Morgenstunden in Erinnerungen an die gemeinsame Zeit schwelgte, hörte er ihr zu. Er nannte sie sogar so, wie es nur ihr Ehemann tat – und schickte ihr "Bist du okay?"-Nachrichten, die sie lesen konnte, sobald sie morgens aufwachte. Nur ein einziges Mal hätten sie per Video gechattet. Darauf habe sich der Mann in T-Shirt und Kampfhose gezeigt. Zwar habe er ausgesehen, wie ein Arzt der US-Armee – ob er allerdings im Jemen war oder wusste, wie man ein Stethoskop benutzt, konnte sie nicht sagen.

Es begann mit einem kleinen Darlehen

Zaghaft begann er rührselige Geschichten zu erzählen, die irgendwann immer damit endeten, dass sie ihm Geld überwies. Es Begann mit einem kleinen Betrag, ein Darlehen, dass er zurückzahlen wollte und benötigte, um mit seinem Sohn in den USA ein neues Leben zu beginnen. Aber der Umzug zurück in die Staaten fand für Clinton nicht statt. Tatsächlich schien eine Katastrophe auf die andere zu folgen, denn er erzählte von einer Versetzung in ein anderes Land, einer Verletzung, einer Inhaftierung – eine ganze Reihe von Problemen, für die er ihre Großzügigkeit brauchte, um ihm aus der Patsche zu helfen.

Und die traurige Witwe zahlte. Einmal sogar bis zu 20.000 Pfund (rund 23.000 Euro) auf einmal. Später schaltete sich auch ein zweiter Betrüger ein, der wie aus dem Nichts auf ihren sozialen Medien auftauchte und behauptete, ein Schauspieler zu sein, der sich in Amerika für wohltätige Zwecke einsetzt. Seine philanthropische Erzählung – der Wunsch, verarmten Kindern zu helfen – traf den Nerv der Witwe, die während der Pandemie verzweifelt ihre sechs Enkelkinder vermisste.

Ohne Corona wäre das nicht passiert

Sie glaubt, dass beide Teil eines größeren internationalen kriminellen Netzwerks waren. Unklar sei dabei, ob es tatsächlich nur zwei oder vielleicht sogar auch mehrere Betrüger waren, mit denen sie Kontakt hatte. Erst als von Hochzeit die Rede war und einer von ihnen ihr kurz vor Weihnachten vorschlug, sie solle ihr Haus und ihr Auto verkaufen, wenn alle ihre Ersparnisse weg seien, sei sie aufgewacht. Das war rund ein Jahr nach der ersten Nachricht. Im Januar meldete sie ihren Fall an Action Fraud, die nationale Meldestelle für Betrug und Internetkriminalität.

Bislang, so haben die ersten polizeilichen Ermittlungen und die Nachforschungen der Bank ergeben, hat sie 360.000 Pfund (rund 422.000 Euro) verloren. Die endgültige Summe könnte sich jedoch auf rund 500.000 Pfund belaufen. Alles, was ihr durch eine Lebensversicherung ihres verstorbenen Mannes noch blieb. 

"Wie konntest du nur so dumm sein, so leichtgläubig?" – Diese Frage habe sie sich schon so oft gestellt. Zumal ihr das in "normalen" Zeiten nie passiert wäre, sagt sie. Die Trauer und die Pandemie hätten ihr Urteilsvermögen verzerrt. Wäre der Corona-Lockdown nicht gewesen, sie hätte niemals solche Summen ausgegeben. Da ist sie sich sicher. 

Romance-Scamming gilt als Betrugsdelikt

Auch in Deutschland warnt die Polizei immer wieder vor dem sogenanten Romance-Scammings. Männer geben sich dabei gerne als Ingenieure, Architekten, Soziologen, Konstrukteure in der Ölindustrie, Tierärzte, Computerspezialisten und U.S. Soldaten aus. Weibliche Internetbetrüger geben sich hingegen bevorzugt als Krankenschwestern, Ärztinnen, Mitarbeiterinnen im Waisenhaus, Lehrerinnen, Schauspielerinnen sowie als Geschäftsfrauen jeder Art aus. Auf Fotos bekommen die Opfer oft eine attraktive Person präsentiert – die Bilder sind allerdings gestohlen oder einzig für das Scamming fotografiert worden.

Die Polizei rät in einem solchen Fall alle Mails und Chat-Texte zu speichern und auf keinen Fall auf Geldforderungen einzugehen. Opfer sollten in jedem Fall Anzeige bei der Polizei erstatten. Zwar ist die Strafverfolgung solcher Täter schwierig, weil sie meist aus dem Ausland agieren. Dennoch ist die Meldung bei der Polizei besonders wichtig, wenn beispielsweise Banken strafrechtliche Schritte gegen Opfer unternehmen wollen, die unwissentlich gefälschte Schecks eingereicht haben.

Quellen:"Daily Mail", Polizei

jek

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