Somalia 50 Kamele für eine Gebärmutter


Die Lage im regierungslosen Somalia nimmt bizarre Formen an. Nachdem einer Frau in einer lebensrettenden Operation die Gebärmutter entfernt wurde, fordert ihr Clan nun 50 Kamele vom Arzt.

In Somalia geht es derzeit wieder hoch her. Dort geschehen Dinge, die nur in dem einzigen Land der Welt ohne jede Regierung geschehen können. Erst in der vergangenen Woche kamen in Mogadischu innerhalb von vier Tagen 60 Menschen ums Leben. Das ist selbst für eine der gefährlichsten Hauptstädte der Welt eine erschreckend große Zahl.

Der Anlass? Die Milizen zweier Geschäftsleute, die beide zum selben Clan gehören, gerieten aneinander. Die meisten der Toten waren zufällig getroffene Zivilisten - kein Wunder bei den in Mogadischu üblichen Waffen: Wer etwas auf sich hält, besitzt einen Kleinlaster, auf deren Ladefläche eine Boden-Luft-Rakete angeschraubt ist.

Zum Dank gibt es Morddrohungen

Doch die Clans sind noch zu ganz anderen Dingen fähig. Vor drei Wochen stürmte eine Gruppe wild entschlossener Männer ein Krankenhaus des SOS-Kinderdorf-Projekts. Der dort tätige Arzt Bashir Sheikh hatte ein weibliches Familienmitglied behandelt - doch über das Ergebnis der Operation gab es heftige Meinungsverschiedenheiten.

Sheikh ist der Ansicht, er habe der Frau das Leben gerettet. Als sie ins Krankenhaus gebracht wurde, war sie schwanger. Doch das Kind im Mutterleib war bereits tot. Bei der Operation musste er auch die Gebärmutter entfernen. Die Frau überlebte, kann aber keine Kinder mehr bekommen. "Ich habe damit gerechnet, dass man mir dankt, doch stattdessen bekam ich Morddrohungen", sagte Sheikh.

Unfruchtbar ist so gut wie tot

Die Familie betrachtete die unfruchtbar gewordene Frau jedoch als so gut wie tot - und verlangte 50 Kamele als Schadensersatz, die übliche Schadensregelung im Todesfall. Der Arzt habe nicht die Erlaubnis gehabt, ihr die Gebärmutter zu entfernen, betonten sie. Drei Wochen verhandelte das Krankenhaus vergeblich mit den Clan-Vertretern.

"Wir bekamen immer mehr den Eindruck, dass sie vor allem hinter dem Geld hinterher waren", sagt Claudio Croce, Leiter der SOS-Kinderdorf-Projekte in Somalia. "Am Freitag haben wir das Krankenhaus geschlossen, weil wir um unsere Sicherheit fürchteten." Nun liege es in den Händen der lokalen Gemeinde, das Problem auf friedlichem Wege zu lösen.

Einzige Frauenklinik Mogadischus

Die SOS-Klinik ist die einzige in Mogadischu, die Patienten gebührenfrei behandelt - und die einzige Frauenklinik überhaupt. Am Wochenende lagerten Hunderte kranker Frauen und Kinder vor dem Tor und bettelten um Aufnahme. "Ganz Mogadischu spricht jetzt über den Fall", sagt Croce. "Ich glaube, dass sich das Problem bald lösen lässt."

Doch es wäre nicht Somalia, wenn nicht gleich ein neuer Konflikt auftauchen würde: Am Wochenende mussten einige Hilfsflüge im Süden des Landes eingestellt werden, weil auf einer Landebahn eine scheinbar nagelneue Landmine gefunden worden war.

Die Friedensgespräche im benachbarten Kenia, die mittlerweile gigantische unbezahlte Hotelrechnungen hervorgebracht haben, sollen noch in dieser Woche in die dritte und letzte Runde gehen. Doch im Land selbst scheint der Friede so weit entfernt wie eh und je.

Ulrike Koltermann/DPA DPA

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