HOME

Spreepark in Treptow: Wie ein Berliner Vergnügungspark auf Reanimation wartet

Das Riesenrad, das sich einst zur Belustigung der Fahrgäste drehte, rostet jetzt vor sich hin. Besucher kommen trotzdem in den aufgelassenen Vergnügungspark in Treptow - wenn auch aus anderen Gründen.

Wer durch das weiße Eisentor in den Spreepark geht, wird von einem freundlich dreinblickenden Mammut mit angerostetem Rüssel begrüßt. Es steht auf Betonplatten, die an die einstigen Grenzübergänge zwischen West- und Ostberlin zu Mauerzeiten erinnern. Der Spreepark, 1969 als "VEB Kulturpark Berlin" gegründet, hat eine lange Geschichte hinter sich. Seit 2001 ist der Park ohne Betreiber und wartet auf seine Wiederbelebung. Die Besucher kommen trotzdem.

"Unglaublich, was hier alles rumsteht", sagt Douglas Fitzpatrick aus den USA. Er sitzt gemeinsam mit Freunden in einem weißen Plastikschwan, der im Gartencafé des Spreeparks gestrandet ist. Die Studenten gucken sich fasziniert um: Eine Mischung aus Verfall und Wildwuchs umgibt sie. Zwischen Bäumen ragt ein stillgelegtes Riesenrad hervor, alte Hinweistafeln zeugen von einer lebendigen Vergangenheit.

Bis zu 500 Besucher kommen jedes Wochenende zu dem Areal, das nur Samstag und Sonntag geöffnet ist, erzählt Sabrina Witte. Sie ist Gastronomin und bietet auf dem Gelände Führungen an. "Sie wollen den Park so genießen, wie er ist", sagt sie. Der Park sei als "lost place", also verlassener Ort, in vielen ausländischen Berlin-Führern vermerkt.

Familiengeschichte(n) rund um den Spreepark

"Seine Geschichte ist einzigartig", sagt Witte, die selbst eine ganz besondere Beziehung zu dem rund 30 Hektar großen Areal hat. Wittes Eltern, das Schausteller-Ehepaar Norbert und Pia Witte, kauften den Park nach der Wende. Er befindet sich im Berliner Stadtteil Treptow, unmittelbar im Ortsteil Plänterwald an der Spree, der die Berliner seit jeher in ihrer Freizeit anzieht.

Norbert Witte, der Enkel des deutschen Jahrmarktkünstlers Otto Witte, hatte schon in den 1980er Jahren Schlagzeilen gemacht. Denn er war in den folgenschwersten Unfall verwickelt, der sich bisher auf einem deutschen Volksfest ereignete: Auf dem Festplatz "Hamburger Dom" in der Hansestadt kollidierte im August 1981 ein Karussell mit Wittes Loopingbahn. Sieben Menschen starben, 15 wurden zum Teil schwer verletzt.

Auch die Zeit der Familie Witte beim Spreepark stand unter keinem guten Stern. Die Umgestaltung des Geländes und der Kauf neuer Karussells kosteten Millionen. Umweltschutzauflagen engten den Spielraum des Unternehmens ein, schließlich blieben die Besucher weg. Ständig gab es Streit mit dem Land Berlin, zuletzt über die Genehmigung von Parkplätzen, von denen es nach Auffassung der Betreiber längst nicht genug gab.

Kokain im Karussell

2001 kam es zum Eklat. Die Betreiber kündigten erst und als das nicht akzeptiert wurde, meldeten sie Insolvenz an. Familie Witte machte sich mit Kindern und mehreren Fahrgeschäften auf den Weg nach Peru, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Doch auch hier warteten Schwierigkeiten. Die Karussells wurden über Monate vom Zoll nicht freigegeben.

Die Probleme schienen nicht aufzuhören. 2003 tauchten an einem von Wittes Fahrgeschäften, das per Schiff von Peru nach Holland transportiert werden sollte, rund 170 Kilogramm Kokain auf. Witte wurde in Berlin festgenommen, wo er sich gerade am Herzen behandeln lassen wollte. Sein damals 22-jähriger Sohn Marcel wurde in Peru inhaftiert und bekam eine Strafe von 20 Jahren Gefängnis, die er derzeit absitzt. Norbert Witte selbst wurde in Berlin zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Senat will Gelände ersteigern

Der Spreepark liegt seit der Insolvenz brach und hat sich zur Touristenattraktion wider Willen entwickelt. Der Senat unternahm erst in diesem Sommer einen Versuch, das Gelände zu versteigern. Er unterbrach das Verfahren jedoch im letzten Moment, als ein externer Bieter auftauchte, der drohte, den Senat zu überbieten. "Es geht uns darum, die Möglichkeit zu haben, die Zukunft des Geländes zu gestalten", sagte eine Sprecherin der zuständigen Finanzverwaltung.

Der Senat will sich jetzt vom Parlament die Erlaubnis holen, auch höher mitbieten zu dürfen. Wenn ein privater Investor den Spreepark mit dem laufenden Erbbaurecht übernähme, würde das Land nicht nur für die nächsten 48 Jahre auf eine Gestaltungsmöglichkeit verzichten, sondern aufgrund vertraglicher Vereinbarungen auch auf den Erbbauzins.

juho/Mechthild Henneke, AFP / AFP