HOME

Anti-Juden-Schild: "Abstoßend und widerlich"

Entsetzen in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt: Drei Schüler haben einen Mitschüler gezwungen, eine antisemitisches Schild zu tragen. Gegen die mutmaßlichen Täter wird nun ermittelt, womöglich auch wegen Volksverhetzung.

Die Sekundarschule "An der Elbe" in Parey Sachsen-Anhalt nennt sich auf ihrem Internetauftritt selber "eine kleine Schule mit großen Ereignissen". Im Schulalltag sollen die Kinder die Fähigkeit zu gegenseitiger Hilfe und Toleranz und auch "Konfliktfähigkeit" lernen. Eine Bilderbuchschule? Zumindest sieht es das sachsen-anhaltinische Kultusministerium so. "Die Schule ist vorbildlich und hat mehrere Preise bekommen", sagt die Ministeriumssprecherin Brigitte Deckstein zu stern.de. Aber der geneigte Besucher erfährt auch, dass sich hier "zurzeit 26 Lehrer mit 300 Schülern rumärgern".

Antisemitisches Schild umgehängt

Und nun ist die Schule in der 3000-Einwohnerstadt nördlich von Magdeburg bundesweit in die Schlagzeilen geraten. Drei Schüler im Alter von 15 und 16 Jahren hatten am Donnerstag ihren 16 Jahre alten Mitschüler nach Polizeiangaben gezwungen, auf dem Schulhof ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin im Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein" zu tragen. Während einer Pause habe der Junge das Schild - ein Blatt Papier in DIN-A-4-Größe - mit einer Schnur um den Hals getragen, sagte Polizeisprecher Mike von Hoff zu stern.de. Die drei mutmaßlichen Täter, die nicht die gleiche Klasse wie das Opfer gingen, hätten jedoch keine Gewalt angewendet. "Es wird nun erstmal wegen Nötigung und eventuell sogar wegen Volksverhetzung ermittelt", sagte von Hoff. Dazu würden sowohl die Verdächtigen als auch die Täter und eventuelle Zeugen befragt, schließlich sei der Pausenhof voll gewesen.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann bezeichnete den Vorfall als abstoßend. "In diesem Stil haben NSDAP und SA Menschen nach ihrer Machtübernahme 1933 öffentlich gedemütigt. Es ist erschütternd, dass Heranwachsende in unserem Land glauben, sie könnten sich heute so etwas wieder erlauben", erklärte er in Magdeburg. Er kündigte an, dass die Ermittlungsbehörden eng mit dem Kultusministerium zusammenarbeiten würden. Dort zeigte man sich "überrascht" und "entsetzt" über den Vorfall, lobte aber die Reaktion der Schule, die sofort und besonnen reagierte habe und den Vorfall unmittelbar öffentlich gemacht habe, sagte Sprecherin Deckstein.

Verdächtige sind polizeibekannt

Der gedemütigte Junge war nach Polizeiangaben sofort vom Pausenhof geholt und ins Lehrerzimmer gebracht worden. Die drei mutmaßlichen Täter waren noch am Donnerstagnachmittag von Beamten der Polizei Stendal und des zuständigen Polizeireviers Jerichower Land ermittelt worden. Den Angaben zufolge handelt es sich bei allen vier Jugendlichen um Deutsche, sie seien polizeibekannt. Der 16-Jährige ging nach Angaben der Polizei am Freitag nicht zum Unterricht.

Auch die SPD-Fraktion im Magdeburger Landtag zeigt sich bestürzt. "Der Vorfall ist kein dummer Schüler-Streich, sondern ein neuer Beleg für eine sich ausbreitende rechtsextremistische Gesinnung unter Jugendlichen", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer Norbert Bischoff. "Der in seiner menschenverachtenden Aussage wirklich widerliche Vorgang war ein absichtsvolles historisches Zitat; mangelnde historische Faktenkenntnis ist hier nicht der Grund." Erneut werde deutlich, wie dringend nötig ein verstärkter Kampf gegen den Rechtsextremismus sei. Dieser Kampf müsse nicht nur mit Mitteln der Aufklärung, sondern auch mit Mitteln der Repression geführt werden.

Die Linksfraktion erneuerte ihre Forderung nach einem breiten gesellschaftlichen Engagement, "um den braunen Ungeist aus den Köpfen zu vertreiben". Dafür sei eine auch eine finanzielle Unterstützung von Initiativen und Institutionen notwendig, sagte die rechtspolitische Sprecherin Gudrun Tiedge.

mta/kbe/AP/Reuters / AP / Reuters