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Bildungskompromiss in Nordrhein-Westfalen: Presseschau zur Sekundarschule

Die Meinungen zur Schulreform in Nordrhein-Westfalen gehen nicht allzu weit auseinander. Lob und Wohlwollen überwiegen. Doch auch die negativen Aspekte des Kompromisses werden beleuchtet.

Mit einer neuen Schulform beenden die rot-grüne Minderheitsregierung und die CDU in Nordrhein-Westfalen einen jahrzehntelangen Streit um das Schulsystem des Landes. Nach mehrwöchigen Spitzengesprächen einigten sich beide Lager darauf, eine schulformübergreifende "Sekundarschule" ohne eigene Oberstufe für die Klassen 5 bis 10 einzuführen.

Die Kommentare in der Presse zum Schulkompromiss in NRW sind überwiegend positiv. Von einer "Sternstunde der Politik" wird teils geschrieben. Besonders die Zusicherung, das Schulsystem bis 2023 nicht mehr anzutasten, löst Wohlwollen aus. Dennoch gibt es auch gegenteilige Meinungen. Ob das neue Schulsystem für die Schüler gut ist, wird sich zeigen.

"Express" (Köln):

Wenn der an sich begrüßenswerte Ansatz, durch gemeinsames Lernen vielen Kindern bessere Chancen zu eröffnen, Erfolg haben soll, müssen dafür auch die Ressourcen bereitgestellt werden. Noch mangelt es vielerorts an Personal, auch bei der Weiterbildung der Lehrer gibt es viel zu tun. Entscheidend ist am Ende nicht, wie die Schule heißt, sondern welche Qualität der Unterricht hat. Positiv zu werten ist, dass Kommunen und Eltern frei entscheiden können, ob sie eine Sekundarschule wollen oder nicht. Und dass keine Schulform bei der Mittelvergabe bevorzugt werden soll.

"Neue Westfälische" (Bielefeld):

Eine Ehrenurkunde verdient hat sich Schulministerin Sylvia Löhrmann. Die Grünen-Politikerin hat mit der Bildungskonferenz, in der sie alle Interessengruppen an einem Tisch zusammenbrachte, den Boden bereitet für den tragfähigen und allseits begrüßten Kompromiss. Chapeau, Frau Löhrmann! Zwölf Jahre gilt es Erfahrungen zu sammeln mit der neuen Schulform. Ihre Arbeit muss wissenschaftlich begleitet werden. Denn auch Gutes kann besser werden.

"Recklinghäuser Zeitung" (Marl):

Chapeau! Der zwischen der rot-grünen Minderheitsregierung und der CDU-Opposition ausgehandelte Schulkonsens ist keine Verständigung auf kleinstem gemeinsamem Nenner, sondern ein wirklich großer Wurf. Beide Seiten haben nach jahrzehntelangen ideologischen Grabenkämpfen einen historischen Schulfrieden geschlossen. Für die nächsten zwölf Jahre herrscht Ruhe an der von allen Parteien umkämpften Schulfront. Schüler, Lehrer, Eltern und Kommunen haben jetzt endlich die ersehnte Verlässlichkeit und Planungssicherheit.

"Kölner Stadt-Anzeiger":

Der "Schulfriede", den rot-grüne Landesregierung und CDU-Opposition jetzt präsentierten, stimmt optimistisch. Es handelt sich um einen klassischen Kompromiss, bei dem jeder geben und jeder verzichten muss. Künftig wird die Sekundarschule eingeführt, eine Mischung aus Haupt- und Realschule, eine Gesamtschule ohne Oberstufe. Gewinner sind die Bürger und das aus mehreren Gründen. In NRW ist eine Stabilität der Schulformen für die nächsten zwölf Jahre vereinbart worden. Außerdem ist erstmals die "Regierung der Einladung", die Ministerpräsidentin Kraft gerne beschwor, mehr als ein verbales Blumengebinde, das ohne die Linkspartei, den bisherigen Schattenpartner der Minderheitsregierung, in sich zusammenzufallen würde.

"Westdeutsche Zeitung" (Düsseldorf):

Vielleicht kann man sogar von einer Sternstunde der Landespolitik sprechen: Nach mehr als 40 Jahren haben die beiden politischen Lager - vertreten von SPD und Grünen auf der einen und der CDU auf der anderen Seite - zu einer Verständigung gefunden. Beide Seiten sind über ihre - langen - Schatten gesprungen Die CDU hat erstmals seit vielen Jahren ideologische Blockaden in der Schulpolitik gelöst. Im Gegenzug räumten Hannelore Kraft (SPD) und Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) die gerade erst erfundene Gemeinschaftsschule ab und geben damit eine Bestandsgarantie für die Gymnasien ab - was gerade für die schmerzhaft ist. Gewinner sind die Kommunen und mit ihnen natürlich die Eltern und Schüler, die dort leben. Denn sie alle haben nun Planungssicherheit.

"Die Welt":

Das Schulwesen droht zergliedert zu werden. Die Sekundarschule ist ein weiteres Angebot, das Bestehende soll erhalten bleiben - auch die Hauptschule. Das ist unehrlich. Man sollte den Menschen klar sagen, dass nicht alle Schulen überleben werden können, wegen sinkender Schülerzahlen oder weil sie kaum noch jemand besuchen will. Dem Konsens der Parteien muss der Konsens mit Eltern, Lehrern und Schülern erst noch folgen.

"Mindener Tageblatt":

Natürlich hat eine gewisse Ermattung der Gegner ihren Teil zu dem Burgfrieden beigetragen. Vor allem aber ist die bislang in dieser Frage stets ziemlich kompromisslose CDU ganz offensichtlich zu der Einsicht gelangt, dass sie ihre Prinzipien auf Dauer nicht gegen die Demografie, die eigenen Kommunalpolitiker und vor allem die mit den Anmeldungen abstimmenden Eltern durchhalten kann. Auch die Gegenseite war zu Zugeständnissen bereit. In solch strategischer Klemme ist Pragmatismus der Ausweg aus selbstverschuldeter Blockade oder - noch schlimmer - der Schaukelpolitik wechselnder Mehrheiten. Gut so.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

Diesen Schulkompromiss heften sich alle an die Brust. Die taumelnde, auf Tricksereien angewiesene rot-grüne Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen beweist Handlungsfähigkeit. Die CDU jedoch kann sagen, sie habe die Einheitsschule verhindert und das Gymnasium gerettet. Im politischen Betrieb gilt schließlich jede Einigung sogleich als Erfolg, insbesondere wenn sie nach Nachtsitzungen oder - wie hier - nach längeren Geheimverhandlungen zustande kommt. Doch ob das neue Schulsystem für die Schüler gut ist, auch das mag ja ein Maßstab sein, muss sich noch zeigen. Vielleicht das Beste am Düsseldorfer Kompromiss ist seine Haltbarkeit: Das Schulsystem soll bis zum Jahr 2023 nicht mehr angetastet werden. Das gibt Ruhe und Sicherheit.

hw/DPA/AFP / DPA