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Fünf Jahre Pisa-Studie: Die Ungleichheit ist geblieben

Auch fünf Jahre nach dem Pisa-Schock mag der internationale Pisa-Koordinator Andreas Schleicher keine Entwarnung geben: Migrantenkinder und Arme werden weiterhin "nach unten durchgereicht". Und die Reform des Bildungswesens geht nicht weiter.

Fünf Jahre nach Vorlage der ersten Pisa-Ergebnisse am 4. Dezember 2001 ist "ganz klar Bewegung in die Bildungsdiskussion gekommen", fasste der internationale Pisa-Koordinators Andreas Schleicher in Berlin zusammen. Deutschland muss nach Ansicht Schleichers bei der Reform seines Bildungssystems "ideologische Scheuklappen" ablegen. - Und auch die Schulstruktur sollte wieder auf den Prüfstand. Auch der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel mahnte weitere Reformen an, forderte aber zugleich "mehr Geduld", bis diese ihre Wirkung entfalteten.

Migrantenkinder "nach unten durchgereicht"

Hart ging Schleicher mit der in Deutschland wie in keinem anderen Industriestaat ausgeprägten Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft ins Gericht. "Der hohe Grad an Selektivität ist letztlich Ausdruck eines Systems, das Verantwortung abwälzt", sagte er mit Blick auf die mehrgliedrige Schulstruktur mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium in Deutschland. "Viele Gymnasiallehrer fragen sich nicht, wie sie einen schwachen Schüler besser fördern können, sondern glauben, sie machen den richtigen Unterricht und haben nur die falschen Schüler, die eigentlich woanders hingehören."

So würden Schüler, vor allem Migrantenkinder, "nach unten durchgereicht" und bekämen nie eine reelle Chance, ihr Potenzial zu entfalten. Schleicher: "Im Ergebnis verstärkt das deutsche Bildungssystem den Einfluss von sozialem Hintergrund auf Bildungsleistungen, anstatt diesen abzumildern." Viele erfolgreiche Länder sähen dagegen Migrantenkinder nicht in erster Linie als Problem, sondern nutzten "das Potenzial, das in der Verschiedenheit der Schüler liegt". Dazu konzentrierten sie die Schwierigkeiten nicht "wie das deutsche Schulsystem in einer Hauptschule, wo sie dann kaum noch zu lösen sind".

Sozial Schwache haben keine Chance

Auch nach Aussage Prenzels hat sich die Situation der Ausländerkinder und der Schüler aus armen Familien in Deutschland fünf Jahre nach dem Pisa-Schock nicht verbessert. "Ich kann hier keine Entwarnung geben", sagte er der Zeitung "Die Welt" (Montag).

Gleichwohl lobte Schleicher die eingeleiteten Schulreformen. "Die Bedeutung guter frühkindlicher Bildung ist erkannt." Verbindliche Maßstäbe für den Erfolg von Bildung seien "weitgehend Konsens" und auch bei der Förderung von Ganztagsschulen seien Fortschritte erzielt worden. Dennoch müsse überlegt werden, wie das Bildungssystem "noch ein wenig schneller, noch ein wenig besser" werden könne.

Sozial Schwache haben keine Chance

Prenzel forderte von den Ländern vor allem Reformen bei der Lehrerausbildung. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne sagte der "Tageszeitung" (Montag), die Lehrerausbildung sei nach Pisa "das reinste Chaos" geworden. Notwendig sei ein "nationaler Rat für Lehrerbildung". Überall gebe es andere Regeln für den Übergang vom Bachelor zum Master, oft auch gar keine. Thöne: "Die Lehramtsstudenten sind völlig verunsichert."

Schleicher sagte auf den Hinweis, dass innerhalb der deutschen Kultusminister die Kritik an seiner Person zunehme, weil er angeblich stets das Kritische und nicht das Gute in seinen Aussagen über Deutschland herausstelle: "Sicher kann man meinen Stuhl absägen. Aber kein Bildungsminister kann das Rad der Geschichte zurückdrehen und so tun, als ob es Pisa nie gegeben hätte."

Auch Marianne Demmer, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) findet, dass eine Reform der Schulstruktur aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium überfällig ist: "Die ungelöste Hauptschulfrage fliegt der Politik zunehmend um die Ohren." In Nordrhein-Westfalen würden Ganztagshauptschulen noch stärker gemieden als die klassischen Halbtagshauptschulen - "nach dem Motto wo ich nicht schon vormittags gerne bin, muss ich nicht noch nachmittags sein". In Niedersachsen gingen die Anmeldezahlen zur Hauptschule "drastisch zurück" und selbst in der bayerischen CSU werde "mittlerweile über die schwindende Akzeptanz der Hauptschulen diskutiert", sagte Demmer.

Langsames Umdenken

In Schleswig-Holstein, Sachsen und Berlin hätten dagegen die Landesregierungen den Weg für die Gemeinschaftsschule und für ein längeres gemeinsames Lernen aller Kinder frei gemacht - wie dies in den erfolgreichen Pisa-Ländern üblich sei. Im CDU-regierten Hamburg denke eine Enquete-Kommission darüber nach, aus fünf Schulformen zwei zu machen. "Fünf Jahre nach dem Pisa-Schock ist endlich Bewegung in das ’Tabu-Thema Schulstruktur’ gekommen", so Demmer.

"Die Angst vor Auseinandersetzungen mit der Gymnasiallobby darf nicht dazu führen, sich vor wichtigen Zukunftsfragen zu drücken." Auch in der Wirtschaft mehrten sich inzwischen die kritischen Stimmen über das gegliederte Schulsystem, sagte die GEW-Vize weiter. "Wer alle Begabungsreserven ausschöpfen will, muss mit der Benachteiligung von Kindern aus Migrations- und Unterschichtfamilien Schluss machen." Demmer: "Und dies geht nur, wenn Kinder nicht länger bereits mit 10 Jahren in unterschiedlich anspruchsvolle Schulformen sortiert werden, bei denen die eine Schulform zum Abitur und die andere in die Arbeitslosigkeit führt."

DPA / DPA