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Berlin: Wie der Tod einer 14-Jährigen - mal wieder - für rechte Hetze missbraucht wird

Nach dem gewaltsamen Tod einer 14-Jährigen in Berlin verbreiteten rechte Internetportale und Social-Media-Nutzer Falschmeldungen mit nur einem Ziel: Die Bluttat einem Flüchtling in die Schuhe zu schieben. Wie so oft.

Blumen vor dem Haus der getöten 14-Jährigen in Berlin, zweoScreenshots

Während die einen trauern, vermuten andere einen Flüchtling hinter dem gewaltsamen Tod einer 14-Jährigen in Berlin - offenbar zu Unrecht

Ein Sportverein, eine Schule, ein ganzer Stadtteil stehen unter Schock nach dem grausamen Mord an einer 14-Jährigen in Berlin-Alt-Hohenschönhausen am Mittwoch. Hunderte Trauernde versammelten sich am Sonntag an der Eissporthalle im Osten der Hauptstadt, um der getöteten Schülerin zu gedenken.

Kurz zuvor vermeldete die Berliner Polizei ihren Ermittlungserfolg, wonach die Beamten einen Tatverdächtigen festgenommen haben, einen Deutschen.

(Hinweis der Redaktion: Die Polizei twitterte versehentlich ein falsches Alter des Opfers)

Tote 14-Jährige: Polizei fasst Verdächtigen

Doch so froh die Beamten waren, vier Tage nach der Tat den mutmaßlichen Täter gefasst zu haben, für eine Sache war es schon zu spät - längst hatten rechte Online-Portale und viele Nutzer sozialer Netzwerke ihre "Ermittlungen" vom Schreibtisch oder heimischen Sofa abgeschlossen, der Tenor: Der Täter muss ein Flüchtling sein, Angela Merkel trägt Mitschuld, sie hat ihn ins Land geholt. Es ist ein trauriges Ritual, das sich inzwischen jedes Mal wiederholt, wenn sich irgendwo in Deutschland ein Gewaltverbrechen ereignet. Noch bevor die richtigen Ermittler überhaupt irgendwelche Erkenntnisse haben, beginnen rechte Hetzer, das Leid anderer Menschen für ihre politische Agenda zu missbrauchen.

Im Fall der getöteten 14-Jährigen sah es beispielsweise so aus: Die Hetz- und Faktenverdrehungswebseite "Halle Leaks" (lesen Sie hier mehr über die Hintergründe des Portals) wusste bereits kurz nach Bekanntwerden des Falls: "14jährige (sic!) in Berlin von Flüchtling geschächtet."

Die Schlagzeile der Webseite "Halle Leaks"

Die Schlagzeile der Webseite "Halle Leaks"

Ins gleiche Horn blies einen Tag später die Seite "PI News": "Merkel und die Systemlinge haben mitgemordet", heißt es dort. Das Mädchen sei Opfer der vom "steuerfinanzierten Staats-Propaganda-Sender 'Kika'" nahegelegten "frühzeitigen 'Einlassung' mit 'heranwachsenden Migranten' zur besseren Durchwirkung der gewünschten Umvolkung" geworden, wollen die Macher der Seite wissen. Ebenso schreibt "PI News" unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft, der Täter habe "wie im Rausch auf das junge Opfer eingestochen".

Martin Steltner, Pressesprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, widerspricht entschieden: "Dieser Satz ist nie gefallen", sagt er im Gespräch mit dem stern. Grundsätzlich informiere seine Behörde alle anfragenden Medien zurückhaltend und in gleicher Weise. Schon allein, dass die Vielzahl der Stichwunden in der Boulevard-Presse so früh publik wurde, sei eine ernste Behinderung der polizeilichen Arbeit gewesen, da es sich dabei um Täterwissen gehandelt habe, so Steltner.

Doch mit solchen Kleinigkeiten halten sich Medien wie "PI News" schon lange nicht mehr auf. Viel zu gut passt das Klischee vom bösen Flüchtling, der deutsche Mädchen tötet, in die Agenda.

Ausschnitt aus dem Artikel der Seite "PI News"

Ausschnitt aus dem Artikel der Seite "PI News"

Auch das Magazin "Compact" legte einen ähnlichen Verdacht nahe: "Falls der Täter aus dem arachaischen Kulturkreis des Islam stammt, vergessen wir nicht, wer für den Blutzoll verantwortlich ist. Neben Merkel und ihren Klatschhasen, die grünlinken Deutschlandabschaffer, die noch vor wenigen Wochen den Frauenmarsch durch Berlin sabotierten."

Auszug aus dem Artikel des Magazins "Compact"

Auszug aus dem Artikel des Magazins "Compact"

Das sind nur drei der Beispiele aus der rechten Parallelwelt des Netzes mit ihren Halbwahrheiten und Unterstellungen, unter den Artikeln tummeln sich hunderte Kommentatoren, die - nochmals zur Erinnerung: vor den ersten Ermittlungsergebnissen - schon wissen, wer der Täter ist: "Ohne jeden Zweifel ist der Täter einer, der islamisch sozialisiert ist.", "Woraus sich zweifellos schliessen lässt, dass es wieder einer von unseren besonders lieben Dauergästen gewesen ist.", "Wieder einmal ist ein junges deutsches Mädchen, ein vielversprechendes Sporttalent, Opfer eines (mutmaßlich) mohammedanischen Eindringlings geworden."

Artikel über Berliner Tötungsdelikt machen die Runde

In den sozialen Netzwerken treffen die Spekulationen dieser "alternativen Medien" auf fruchtbaren Boden. So war der Artikel von "Halle Leaks" laut Auswertungsportal "10.000 Flies" am 8. März jener mit den viertmeisten Interaktionen unter allen Beiträgen deutschsprachiger Medien: fast 20.000.

Bei Facebook und Twitter mussten sich die Berliner Ermittlungsbehörden mit zahlreichen Beiträgen abmühen, deren Verfasser alle nur darauf warteten, ihr vorgefertigtes Urteil bestätigt zu bekommen: Der Mörder, er muss doch ein Flüchtling sein! Einige Auszüge: "Wenn endlich die Grenzen zu sind und dieses Pack zur Verantwortung gezogen, kehrt vielleicht Ruhe ein.", "Es will einfach nicht in euren linksdefekten Schädel, dass hier massenhaft junge Mädchen bestialisch ermordet werden und zwar von Muslimen! Die Mädels würden noch leben, gäbe es Merkel (...) nicht!", "Ein weiteres Mädchen, das auf dem bunten Altar der Hexe aus der Uckermark geopfert wurde."

Auch Gunnar Lindemann, AfD-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus, konnte es offenbar kaum erwarten, dass die Polizei ihm einen Verdächtigen präsentiert, der in seine Schablone passt: "Täterherkunft? Motiv? Oder muss wieder etwas beschönigt werden?", fragte er bei Twitter.

Das alles geschieht, während Menschen um ihre Tochter, Freundin oder Mitschülerin trauern, während Kripobeamte versuchen, Hintergründe aufzuklären und den Täter zu ermitteln. Die rechten Hetzer haben keine Zeit, innezuhalten. Sie haben keine Geduld, auf die nächste Mitteilung der Polizei zu warten: Keine neuen Meldungen? Da wird etwas verschwiegen! Ein Verdächtiger aus Deutschland? Dann müssen doch die Eltern aus dem Ausland kommen oder es wird gelogen! Hauptsache, ein Flüchtling hat Schuld.

Verdächtiger ist 15-jähriger Deutscher

Beim nächsten vergleichbaren Fall wird es wieder so sein und beim übernächsten auch - und vielleicht haben sie dann Recht und der Täter ist ein Flüchtling. Es wäre eine schreckliche Tat - und eine zuviel. Vielleicht ist der Täter dann aber auch Deutscher. Auch das wäre eine schreckliche Tat - auch eine zuviel. Für das Opfer macht es keinen Unterschied.

Im vergangenen Jahr gab es in Berlin laut Polizeilicher Kriminalitätsstatistik 91 Fälle von Mord und Totschlag, 80 wurden aufgeklärt. Sieben dieser Taten wurden von Zuwanderern begangen.

Bei dem im Fall der getöteten 14-Jährigen Festgenommenen handele es sich um einen 15-jährigen Schulkameraden des Mädchens, der die Tat weitestgehend gestanden habe, so die Berliner Staatsanwaltschaft. Ein Deutscher. Auf den einschlägigen Seiten wird schon darüber diskutiert, in der wievielten Generation und wann und woher seine Familie nach Deutschland kam. Alles wie immer.

mit DPA-Material
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