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Massaker von Charleston: Hängt die Flagge ab! Amerikas Debatte über die Südstaatenfahne

Das Massaker von Charleston hat eine Debatte über die alte Südstaaten-Flagge entfacht. Sie weht auch am Parlamentsbau in South Carolinas Hauptstadt Columbia. Nicht nur im Netz wird gefordert: #takedownthatflag!

Von Dieter Hoß

Unter dem Stichwort #Takedowntheflag richten sich zahlreiche Amerikaner angesichts des Charleston-Massakers gegen Rassismus

Unter dem Stichwort #Takedowntheflag richten sich zahlreiche Amerikaner angesichts des Charleston-Massakers gegen Rassismus

Es ist mindestens ein unglückliches Symbol: Zum Gedenken an die Opfer des offensichtlich rassistisch motivierten Massakers von Charleston hängen auf dem Parlamentsgebäude von Columbia die Flaggen der USA und des Bundesstaates South Carolina auf Halbmast. Gleichzeitig aber weht vor dem Bau die Flagge der alten Südstaaten am Denkmal für die Opfer des Bürgerkrieges in voller Pracht. Jene Flagge, die für die Menschen im Südosten für eine reiche Tradition und eine eigene Identität steht. Jene Flagge, die mehr US-Amerikanern aber als Symbol für Sklaverei und Unterdrückung gilt; die bei Rassisten, Nationalisten und dem berüchtigten Ku-Klux-Klan beliebt ist.

Dass die Flagge der Konföderierten auch 150 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs noch von offiziellen Stellen benutzt wird, ist immer wieder Gegenstand einer heftigen Debatte in den USA. Durch das mutmaßlich von dem 21-jährigen Dylann Roof verübte Massaker von Charleston - just in jener Stadt, in der am 12. April 1861 der erste Schuss des Civil War fiel - hat die Debatte enorm an Fahrt gewonnen. Das blaue Kreuz mit 13 weißen Sternen auf rotem Grund soll aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Norman "Doug" Brannon, republikanischer Abgeordneter aus South Carolina, will einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Flagge aus der Öffentlichkeit verbannt.

Kampagne gegen die Flagge

Der mutmaßliche Täter liefert Grund genug für einen solchen Schritt. Auf Fotos hält er das Konföderiertenbanner in Ehren, während er die Stars and Strips verbrennt. Unter dem Stichwort #takedownthatflag läuft eine umfangreiche Kampagne in den sozialen Netzwerken. Der Tenor ist eindeutig: Die Flagge wird als Animation und Rechtfertigung für Rassisten gesehen, ihr Gedankengut zu legitimieren. Ein User zieht gar die Parallele zu Deutschland und den Nazis: "Die Ideologie der Konförderierten war falsch und sie hat verloren. Überwindet sie, so wie die Deutschen die Nazis", ruft er den Ewiggestrigen in den Südstaaten zu.


Tausende Menschen zogen am Wochenende in Columbia zu der im Abendwind knatternden Flagge und verlangten ihre Entfernung. "Wir können uns nicht länger leisten, diese Flagge hier stehen zu lassen", sagte die 95-jährige Aktivistin Sarah Leverette unter dem Beifall der Menge. Die Fahne sei ein Leuchtsignal für diejenigen, die "bösen Überzeugungen" verhaftet blieben - so wie den Schützen von Charleston. 370.000 Menschen hatten bis Samstagabend (Ortszeit) ihren Namen unter eine Onlinepetition gegen die Flagge gesetzt.

Eine Südstaatenflagge flattert vor blauem Himmel am Denkmal für Bürgerkriegs-Opfer

Stein des Anstoßes: Die Südstaaten-Flagge am Denkmal für die Opfer des Bürgerkriegs vor dem Parlament von South Carolina in Columbia


Obama und Romney äußern sich

Der frühere republikanische US-Präsidentschaftsanwärter Mitt Romney forderte, dass die Flagge in Columbia abgehängt wird: "Sie ist ein Symbol für Rassenhass. Entfernt sie jetzt, um die Opfer von Charleston zu ehren." US-Präsident Barack Obama reagierte umgehend: "Ein wichtiger Hinweis, Mitt", schrieb er.



Der Ton der meisten anderen Beiträge ist deutlich intensiver. Ein farbiger User sagt, unter der Flagge des islamistischen IS seien weniger Menschen getötet worden als im Zeichen der Konföderierten-Flagge. Die Beiträge lassen erahnen, dass die Gräben zwischen Nord und Süd in den USA längst nicht für immer zugeschüttet sind. Anschläge wie der von Dylann Roof reißen sie offensichtlich immer wieder auf:

("Gouverneur Haley: Reißen sie diese Mauer ein" - in Anlehnung an Ronald Reagans Äußerung an der Berliner Mauer: "Mister Gorbatschow, tear down this wall")


("Wie kann man die Konföderierten-Flagge anschauen und NICHT an Sklaverei, den KKK, Lynchjustiz, brennende Kreuze und Unterdrückung denken?")


("Ups!")


("Die Konföderiertenflagge ist ein Symbol für den Stolz des Südens. Worauf sind sie stolz?")


("Alles, was man braucht (um die Flagge zu entfernen), ist eine Leiter ... und vielleicht ein Streichholz! Ganz einfach!")

Angehörige vergeben dem Schützen

Das stärkste Zeichen für Versöhnung setzten allerdings mehrere Angehörige der Opfer aus der Charlestoner Kirche. Unter Tränen richteten sie sich direkt an den Attentäter. So wie Nadine Collier, deren 70-jährige Mutter unter den Toten ist. : "Ich vergebe dir, und Gott soll Gnade mit deiner Seele haben."