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US-Wahlkampf Das sind Donald Trumps Wähler

Donald Trump Wähler Mauer
Sheriff Arvin West am Grenzzaun zu Mexiko in Hudspeth County. Das Sperrwerk endet im Nirgendwo
© Timothy Fadek
Wer sind die Menschen, die für Donald Trump stimmen? Meist männlich, meist mittleren Alters, meist Geringverdiener, eher weiß als schwarz. Wie sieht das Amerika aus in dem sie leben? Ortsbesuch an der Grenze zu Mexiko.
Von Andreas Albes (Text) und Timothy Fadek (Fotos), El Paso

Arvin West steigt langsam aus seinem schweren Pick-up. Ein kräftiger Typ mit Bauch und breiten Schultern. Auf seinem Kopf thront ein Stetson, an seiner Brust funkelt ein goldener Stern, in der Hand hält er ein Gewehr. West ist seit 16 Jahren Sheriff von Hudspeth County in Texas, östlich von El Paso. Steppe, staubige Straßen, eine Eisenbahnlinie und 98 Meilen Grenze zu Mexiko. 2010 machte West Schlagzeilen, als er seine Bürger aufrief, sich zu bewaffnen. Gegen Drogenschmuggler und illegale Einwanderer. "Ich habe gesagt: Wir haben zu wenig Polizei, um euch zu schützen. Wenn es darum geht, die oder ihr, dann knallt die Bastarde ab. Um den Rest kümmern wir uns." Er rückt seinen Stetson zurecht. "Das war eine Warnung an alle mit finsteren Absichten."

Es gibt ihn bereits, den Zaun

Es ist ein kühler Morgen. West ist zur Grenze gefahren. Oder wie er sagt: "Zum Jurassic-Park-Zaun." In Hudspeth County kann man einen Eindruck davon gewinnen, was Amerika erwartet, sollte Donald Trump im November zum Präsidenten gewählt werden und eines seiner wichtigsten Versprechen wahr machen: eine Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen.

Hier steht bereits eine sechs Meter hohe Grenzanlage, mächtige Stahlträger, die entlang des Rio Grande in den Boden gerammt wurden, dort, wo der Grenzfluss besonders dicht an der Interstate 10 verläuft. Die Wand beginnt und endet im Nirgendwo, weshalb sie in Hudspeth County scherzen: "Bei uns müssen die Schmuggler gar keine Tunnel graben, sie gehen um den Zaun herum." Die Idee, dass aus ihrem Jurassic-Park-Zaun eine richtige Mauer wird, gefällt vielen. Deshalb haben sie bei den republikanischen Vorwahlen für Donald Trump gestimmt. Er besiegte in Hudspeth sogar Senator Ted Cruz aus Texas.

US-Wahlkampf: Das sind Donald Trumps Wähler
© Timothy Fadek

Ob die Mauer etwas bringt? Sheriff West schüttelt den Kopf: "Wird sie zehn Meter hoch, nehmen die Illegalen elf Meter lange Leitern. Und die Drogen kommen inzwischen mit Drohnen." Warum dann die Begeisterung? "Es geht nicht um die Mauer. Es geht um Respekt. Durch diesen lächerlichen Zaun, der Millionen Steuergelder gekostet hat, fühlen sich die Menschen verarscht. Wir wollen die größte Nation der Erde sein und können nicht einmal unsere Grenze schützen. Die Mauer wäre ein Symbol. Und wenn Trump sagt, dass Mexiko sie auch noch bezahlen soll, umso besser. Jede Stimme für Trump ist ein klares Zeichen an Washington: Verpisst euch."

In Hudspeth County lieben sie klare Worte. Es ist ein idealer Mikrokosmos, um zu begreifen, warum der Immobilienmilliardär und Politneuling Donald Trump bei Amerikas Konservativen so gut ankommt. Warum er Vorwahl um Vorwahl gewinnt, sodass ihm die Präsidentschaftskandidatur für die republikanische Partei mit normalen Mitteln kaum mehr zu nehmen scheint.

Ein County so groß wie Schleswig-Holstein

Hudspeth ist etwas kleiner als Schleswig-Holstein und hat 3500 Einwohner. 94 Prozent davon sind weiß. Es gibt ein paar Rancher, viele arbeiten bei der Eisenbahn oder für die Gemeinde. 2001 schloss eine Deponie für Klärschlamm, die 50 Familien ernährte. Das war ein schwerer Schlag. Jetzt ruhen die Hoffnungen auf einem Konzern, der Uranvorkommen in den Bergen vermutet. Auch nach Öl wird gebohrt, aber bislang ohne Erfolg. Der einzige Grund, warum fast jeder Amerikaner schon mal von Hudspeth County gehört hat, ist der Drogen-Checkpoint des Grenzschutzes auf der Interstate. Hier wurden auf ihren Konzertreisen schon der Rapper Snoop Dogg, die Grammy-Gewinnerin Fiona Apple und Country-Star Willie Nelson erwischt. Alle landeten beim Sheriff im Gefängnis. Nelson gab sogar ein Konzert.

Es sind fleißige Menschen in Hudspeth. Fast jeder hat zwei Jobs. Auch der Sheriff. Sein Gehalt richtet sich nach dem Steueraufkommen der Gemeinde, ihm bleiben nicht mal 40.000 Dollar im Jahr, weniger als 36.000 Euro. Deshalb fährt er nebenbei Lkw. Dienstwagen und Ausrüstung für seine zwölf Hilfssheriffs finanziert West, indem er konfiszierte Autos von Schmugglern versteigert. Außerdem vermietet er Gefängniszellen an Nachbargemeinden, für 46 Dollar die Nacht. Auf dem Land ist so etwas nicht ungewöhnlich. Niemand hat daran etwas auszusetzen. Das gehöre zum konservativen System, sagen sie in Hudspeth County. Konservativ bedeutet hier vor allem: möglichst wenig Staat, möglichst wenige Steuern und viel Unabhängigkeit. Nicht mal der Präsident hat dem Sheriff was zu sagen.

Das größte Gebäude ist das Gericht

In Sierra Blanca, dem Verwaltungssitz des County, ist das größte Gebäude das Gericht, es gibt noch eine Schule, eine Tankstelle und fünf Kirchen. Mittagszeit. Im Diner an der Interstate sitzt Garry Scarbrough mit seiner Frau Kay vor einer Platte Enchiladas. Sie besitzen eine Rinderherde, 1100 Tiere. Zu Garrys Lieblingssprüchen gehört: "Washington hat die besten Politiker, die man für Geld kaufen kann." Er hasst Präsident Obama. Der habe aus Amerika einen Wohlfahrtsstaat der Drückeberger gemacht. Durch Sozialleistungen könne jeder mehr Geld erschwindeln als in einer 40-Stunden-Woche verdienen. "Mein eigener Bruder ist so einer!" Seine Frau bohrt ihre Gabel in einen Hähnchenschenkel: "Essensmarken vom Staat gehören abgeschafft. Wer Hunger hat, findet einen Job." Vom Nachbartisch zustimmendes Nicken.

Donald Trump Wähler Frau
Bewohnerin eines Trailer Parks in Hudspeth County
© Timothy Fadek

Am liebsten würden sie die USA hier in jene Zeit zurückkatapultieren, in der die Eisenbahn gebaut wurde. Dass Obama die Krankenversicherungspflicht eingeführt hat, empfinden sie als Angriff auf ihre persönliche Freiheit. "Den Fleißigen wird in die Tasche gegriffen, und die Arbeitslosen gehen ins Sanatorium", sagt Scarbrough. Er fordert, dass sich endlich ein Präsident mit den Gewerkschaften anlegt. Die würden ständig neue Sozialleistungen erkämpfen, wodurch Jobs noch teurer würden und die Steuern weiter steigen. "Und dann wundern sich alle, warum nur noch Immigranten angestellt werden, die für ein paar Dollar die Stunde arbeiten. Unser System ist krank. Einem Unternehmer wie Trump traue ich zu, dass er das ändert."

Das Dilemma der Republikaner

So wie in den gesamten USA ist die Mehrheit der Trump-Anhänger in Hudspeth County männlich, ohne College-Abschluss und hat nur ein geringes Einkommen. Das stellt die Republikaner vor ein Dilemma. Der Anteil der Weißen an der amerikanischen Wählerschaft sinkt unaufhörlich, und bei Schwarzen oder Hispanics, deren Anteil steigt, gewinnen Kandidaten wie Trump nur wenige Stimmen. Zudem haben sich die Erzkonservativen in den letzten Jahren immer mehr radikalisiert. Die republikanischen Präsidentschaftskandidaten überbieten sich darin, diese Menschen bei den Vorwahlen mit rechten Parolen zu überzeugen. Danach aber rückt der Sieger in die Mitte, um bei den eigentlichen Präsidentschaftswahlen eine Chance zu haben. Das wiederum bringt die Erzkonservativen auf.

US-Wahlkampf: Das sind Donald Trumps Wähler
© Timothy Fadek

Sie leben ohnehin in dem Gefühl, dass früher alles besser war. In Hudspeth ist da viel Wahres dran. Die 86-jährige Ann Franklin hat ihr ganzes Leben hier verbracht. Sie war Lehrerin, eine energische alte Dame mit vollem weißen Haar. Sie erinnert sich noch, dass es mal ein Kino gab und Supermärkte an jeder Ecke. "Damals mussten die Jungen nicht in die Stadt, um Arbeit zu finden", erzählt sie. "Und zum Schönheitssalon sind wir rüber nach Mexiko. Die Mexikaner wurden respektiert, auch wenn sie arm waren." Einmal seien welche bei ihren Nachbarn eingebrochen. Wurst und Käse hätten sie gestohlen und eine Jacke. "Aber das ganze Haus war aufgeräumt. Sogar das Geschirr haben die Diebe gespült. Auf dem Tisch lag ein Zettel in Spanisch: 'Danke für das Essen. Sobald wir Arbeit haben, bezahlen wir die Jacke.'" Anns Augen strahlen bei diesen Erinnerungen. Doch zu der Zeit wurde die Baumwolle in Hudspeth noch von Hand gepflückt, es gab Jobs auch für einfache Arbeiter. Und in Mexiko wütete noch kein Drogenkrieg, der die Zahl der Einwanderer explodieren ließ.

"Niemand fühlt sich von Trump beleidigt"

Dass Donald Trump die Mexikaner als Kriminelle und Vergewaltiger bezeichnet, stört im County kaum jemanden. Dabei haben hier etliche auch mexikanische Wurzeln. Sogar der Sheriff und die Vorsitzende der republikanischen Partei. Lupe Dempsey ist 62, sie arbeitet als Übersetzerin bei Gericht und wohnt in einem gelben Bungalow an der Grenze. Aus ihrem Wohnzimmer sieht man Sand, dornige Büsche und in der Ferne irgendwo den Zaun. Lupe Dempsey trägt immer eine Pistole in der Handtasche. Sie sagt: "Donald Trump hat recht. Wir hören ständig Schüsse jenseits der Grenze. Von meiner Arbeit bei Gericht weiß ich, wie viele Mexikaner ihre Frauen behandeln. Die Gewalt in den Familien ist enorm. Obwohl meine Eltern aus Mexiko stammen, kenne ich niemanden, der sich von Trump beleidigt fühlt. Er spricht aus, was wir nicht sagen, weil wir uns schämen. Ich habe durch Trump gelernt: Politische Korrektheit bringt nichts. Es wird nur aus falscher Rücksichtnahme gelogen."

Echtes Vertrauen genießt Trump aber auch bei seinen treuesten Anhängern nicht. Sie trauen ihm lediglich mehr als anderen Kandidaten. Sein Erfolg entschuldigt seine Mittel. Dass sich immer mehr führende Republikaner gegen Trump stellen und es bereits Szenarien gibt, wie man seine Nominierung beim Parteikonvent im Juli doch noch verhindern könnte, befeuert seine Popularität nur. Die Gerüchte um einen Putschversuch bestärken die Trump-Anhänger in ihrer Überzeugung, dass Washington ein Nest von Intriganten sei. Donald Trump ist ein Kandidat des Protests. Nicht der Begeisterung. Die mangelnde Logik seiner Forderungen - etwa: Steuern senken, gleichzeitig das Militär aufrüsten - geht in Emotionen unter. Gehörte Trump zum politischen Establishment, wäre er für die meisten Konservativen schon wegen seiner Affären unwählbar. Man stelle sich vor, ein anderer Kandidat wäre mit der Gattin in den Skiurlaub geflogen und hätte seine Geliebte im Nachbarhotel untergebracht. Bei Trump bleibt so etwas ungesühnt. Sein Kontrahent Ted Cruz entschuldigte sich schon öffentlich, als bekannt wurde, dass eine Komparsin in einem seiner TV-Spots auch mal in einem Softporno mitgespielt hatte.

Der gläubigste Mann im County

In der "Church of Faith", einer Pfingstkirche in Sierra Blanca, empfängt Pastor Juan Carlos Gomez die Mitglieder seiner Gemeinde zur Bibelstunde. Die Kirche liegt auf einem Hügel, vor dem Eingang stehen Autos mit Kindersitzen. Viele junge Mütter sind gekommen. Gomez ist von zierlicher Gestalt und trägt eine schmale Brille. Er hat den Ruf, der gläubigste Mann im County zu sein. Dennoch steht auch er hinter Trump. "Wir Konservativen wählen seit Jahrzehnten Männer, die jeden Sonntag in die Kirche gehen, die uns versprechen, dass alles besser wird. Und was passiert? Nichts. Stattdessen dürfen Homosexuelle heiraten. Sie erlauben Marihuana. Und sie wollen braven Bürgern das Recht nehmen, Waffen zu besitzen, um ihr Leben zu verteidigen." Er sagt, in Washington hätten sie die Werte der einfachen, ehrlichen Menschen vom Land vergessen.

Donald Trump Wähler Salut
© Ricardo Arduengo/Reuters


Auch Pastor Gomez will die Mauer zu Mexiko. "Weil es nicht sein kann, dass jeder unserer Feinde einfach so durch den Rio Grande über unsere Grenze marschiert." Und er unterstützt Trump in seiner Forderung, keine Moslems mehr ins Land zu lassen. "Es gibt zu viele, die jeden töten, der nicht zu ihrem Glauben konvertiert." Das Argument, dass man durch Fürsorge für Flüchtlinge christliche Nächstenliebe vorlebt und Menschen so ändern kann, hält er für die krude Idee liberaler Demagogen. "Ich bin ein Mann des starken Glaubens. Ich weiß, dass ich meine Überzeugungen nie ändern werde. Und genauso wenig werden diese Menschen ihre Überzeugungen ändern."
Über den Bergen von Sierra Blanca geht die Sonne unter. Auf dem Parkplatz hinter dem Gericht stehen George, Wayne und Bill vor ihren Trucks.

"Früher hätten wir uns das nicht gefallen lassen"

Der kräftige Wayne ist der Bruder des Sheriffs; Bill, an dessen Gürtel ein 45er-Colt hängt, ist mit der Republikaner-Vorsitzenden verheiratet, und George saß 15 Jahre wegen Drogenschmuggels im Knast. Die drei Männer diskutieren über Sicherheit. Das ist es, was die Konservativen in den USA mehr als alles andere von ihrem Präsidenten erwarten. Dass er das Land vor Angriffen schützt, Terroristen jagt und sich im Ausland Respekt verschafft.

"Na ja", gibt Wayne zu bedenken, "vielleicht wäre Donald Trump doch ein bisschen zu schnell mit dem Finger am roten Knopf." - "Das macht nichts", entgegnet Bill, "da soll er gleich mal mit dem kleinen dicken Chinesen anfangen." "Nein", sagt George, "das ist der aus Nordkorea." "Egal", sagt Bill, "es geht nicht, dass jeder Dahergekommene uns mit Atomraketen bedroht. Früher hätten wir uns das nicht gefallen lassen." Bill steckt sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. "Ich denke, wir sollten für Donald Trump beten. Denn so, wie die Stimmung ist, haben wir bald Krieg vor der eigenen Haustür." George nickt. "Da hast du recht. Wir können froh sein, wenn Trump bis zur Wahl nicht erschossen wird."

Donald Trump Wähler Tankstelle
Tankstelle in Hudspeth County
© Timothy Fadek

Selten haben stern-Reporter Andreas Albes und Fotograf Timothy Fadek bei einer Recherche so viele Waffen gesehen. Mitten im Gespräch musste der Sheriff das Interview abbrechen und zu einem Einsatz: Ein Kriegsveteran drohte, seinen Nachbarn "abzuknallen". Der hatte versehentlich dessen Hund erschossen.


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