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Der Fall der Beaumont-Kinder : Vor 53 Jahren verschwanden drei Kinder – bis heute weiß niemand, wer der Verdächtige ist

Nancy Beaumont wartete 53 Jahre vergeblich auf ihre verschwundenen Kinder Jane, Arnna und Grant Beaumont. Jetzt ist sie gestorben. Doch die Ermittlungen laufen weiter. 

Die vermissten Kinder Jane, 9, Arnna, 7, und Grant, 4 wurden das letzte Mal am 26.Januar 1966 gesehen

Die vermissten Kinder Jane, 9, Arnna, 7, und Grant, 4 wurden das letzte Mal am 26.Januar 1966 gesehen

Es war ein sonniger Ferientag vor 53 Jahren in Australien, als Nancy Beaumont ihre drei Kinder zum letzten Mal sah. Sie gab ihnen ein paar Münzen, damit sie sich am Strand ein Eis kaufen konnten und winkte ihnen zum Abschied zu. Es sollte ein Abschied für immer sein. Jane, 9, Arnna, 7, und Grant, 4, fuhren mit dem Bus zum Strand im Vorort Glenelg im Süden Australiens. Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Zum Mittagessen seien sie zurück, hatten sie ihrer Mutter gesagt. Als das Essen auf dem Tisch stand, waren die Kinder nicht da. Sie würden schon noch kommen, dachte sich Nancy Beaumont.

Um 14 Uhr kam ihr Mann nach Hause, nicht aber die Kinder. Vielleicht hatten sie einfach die Zeit vergessen, hofften die Eltern. Eine weitere Stunde verging. Nancy und Jim Beaumont wurden nervös, sie setzten sich ins Auto, fuhren den gesamten Strand ab. Niemand hatte ihre drei Kinder gesehen. Um 19.30 Uhr meldeten sie die Geschwister als vermisst. Es war der Beginn einer Suche, die 53 Jahre später noch immer ergebnislos ist. 

Der Fall der Beaumont-Kinder gilt mittlerweile nicht nur als einer der mysteriösesten Vermissten-Fälle Australiens, es ist auch die größte und längste Suche nach Tätern in der Geschichte des Landes. Schnell zog der Fall auch internationale Aufmerksamkeit auf sich. Kriminalbeamten, Journalisten und Eltern auf der ganzen Welt war es ein Rätsel, wie drei Geschwister auf einmal und ohne jede Spur verschwinden konnten. Ihre Kinder seien treu und lieb, würden niemals davonlaufen, sagte Nancy Beaumont laut einer Dokumentation des australischen Senders Foxtel, die sich dem Fall annahm. Die älteste Tochter sei äußerst intelligent und würde ihre jüngeren Geschwister vor Fremden beschützen. Auch dass sie ertrunken sein könnten, glaubten die Eltern nicht. Ihre Kinder wüssten, dass sie nur in Sichtweite anderer Menschen und in Gruppen schwimmen gehen sollten. 

Die Angst vor einem pädophilen Vergehen an ihren Kindern wuchs

Als die Polizei um Mithilfe aus der Bevölkerung bat, erhielten die Beamten tausende Anrufe. Die Anteilnahme anderer Eltern an dem Fall war enorm. Er gilt in Australien als Wendepunkt, ab dem  Eltern die Meinung vertraten: Wir können unsere Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt spielen lassen. 

Mehrere Zeugen gaben an, die Kinder am Tag ihres Verschwindens in Begleitung eines blonden, dünnen Mannes gesehen zu haben. Eine Frau sagte dem australischen Sender Channel 7, sie habe beobachtet, dass der Mann dem neunjährigen Mädchen Jane am Strand beim Anziehen geholfen habe. Das sei ihr komisch vorgekommen. Spätesten ab diesem Zeitpunkt galt inoffiziell als sicher: Die drei Kinder waren einem Perversen zum Opfer gefallen. Einem Perversen, der sich von ihnen, so vermutet es die Polizei, Kuchen kaufen ließ.

Skizze des Verdächtigen

Der Verdächtige konnte bis heute, 53 Jahre nach dem Verschwinden der Kinder, nicht identifiziert werden

Die neunjährige Jane wurde laut einer Channel 7-Recherche dabei beobachtet, wie sie Kuchen in einem Laden nahe dem Strand kaufte – mit einem Geldschein. Janes Mutter Nancy wusste jedoch, dass ihre Tochter Jane keinen Geldschein dabei gehabt hatte. Sie hatte ihr nur Münzen gegeben. Die Angst vor einem möglicherweise pädophilen Vergehen an ihren Kindern wuchs. 

Es wurde eine Skizze des Verdächtigen angefertigt, doch er konnte nie identifiziert werden. Die Eltern glaubten trotz allem nicht daran, dass ihre Kinder getötet worden waren. Weil kein Indiz zu einem Täter führte, ließen die ermittelnden Beamten den berühmten, wenn auch umstrittenen Parapsychologen Gerard Croiset aus Holland einfliegen. Ein Zeichen dafür, wie verzweifelt und hilflos nicht nur die Eltern, sondern auch die Kriminalbeamten zu diesem Zeitpunkt waren. Der Parapsychologe sagte über sich, besondere Fähigkeiten zu besitzen. Tatsächlich hat er der Polizei laut Channel 7 bei vergangenen Fällen erstaunliche Dienste erwiesen. Oft sei er auf Hinweise gestoßen, die die Polizei selbst noch nicht beachtet hatte. Auch im Fall der Beaumont-Kinder meinte Croiset, eine Spur entdeckt zu haben.

Parapsychologe Gerard Croiset glaubt, dass die Kinder lebendig begraben wurden 

Er führte die Beamten zu einer Fabrik in Adelaide und war davon überzeugt: Unter der Erde dieser Fabrik würden die drei Kinderleichen liegen. Möglicherweise seien sie bei lebendigem Leibe begraben worden, das sehe er. Der Staat verbot, die Erde unter der Fabrik durchsuchen zu lassen. Erst viele Jahre später sollten sie der Spur nachgehen.

Der Vater der vermissten Kinder, Jim Beaumont (links) und seine Frau Nancy Beaumont begrüßt den Parapsychologen Gerard Croiset

Der Vater der vermissten Kinder, Jim Beaumont (links) und seine Frau Nancy Beaumont, begrüßen den Parapsychologen Gerard Croiset

Die Eltern der Vermissten klammerten sich damals also weiter an jeden Hoffnungsschimmer, dass ihre Kinder noch am Leben sein könnten. Kaltblütige Fremde machten sich das zu Nutze. Zwei Jahre nach dem Verschwinden erhielten die Beaumonts mit einem Mal mysteriöse Briefe. Darin behauptete ein anonymer Mann, er würde die Kinder den Eltern an einem bestimmten Ort aushändigen. Zu dem verabredeten Treffpunkt erschien jedoch niemand. Nach einer Analyse der Handschrift und der Fingerabdrücke konnten Detektive den Schreiber des Briefes identifizieren – er hatte sich nach Berichten der australischen Polizei einen Scherz erlaubt, den wohl niemand außer ihm selbst je lustig finden wird. 

2013 unternahm Channel 7 schließlich eine eigene Suche nach einem möglichen Täter. Die Journalisten stießen auf Harry P., einen Geschäftsmann. Sie verdächtigten ihn, weil sein Sohn behauptet hatte, die Kinder im Haus seiner Familie gesehen zu haben – und erzählte, sein eigener Vater habe ihn als Kind missbraucht. Die Polizei durchsuchte daraufhin verschiedene Grundstücke des Mannes, doch auch diese Spur führte ins Leere. Sie fanden nichts.

Die Mutter wartete bis zu ihrem Tod auf ihre Kinder

Die Ermittlungen laufen bis heute. Erst vor einem Jahr, 2018, hatte die Polizei das letzte Mal ein Grundstück in der Nähe der verschwunden Kinder durchsucht: Die Erde unter der Fabrik, die der Parapsychologe damals als so verdächtig empfunden hatte. Sie durchwühlten die Erde mit Baggern, Forensikern und Anthropologen, entdeckten die Knochen von Tieren – aber keine Überreste der Beaumont-Kinder. 

Einer der zuständigen Kriminalbeamten, Mostyn Matters, sagte dem Channel 7, er könne den Fall bis heute, 53 Jahre danach, nicht vergessen.

Nancy Beaumont hatte all die Jahre über nicht die Hoffnung aufgegeben, dass ihre Kinder eines Tages zurückkehren würden. Die drei Kinderzimmer in ihrem Haus seien bis heute unberührt. 53 Jahre lang. Bis Nancy Beaumont vor wenigen Tagen im Alter von 92 Jahren starb, wie internationale Medien übereinstimmend berichten. Was aus Jane, Arnna und Grant geworden ist, wird sie nie erfahren. 

Nancy Beaumont lebte bis zu ihrem Tod in der Nähe des Ortes Glenelg, dort, wo ihre Kinder einst verschwunden waren. Auch ihr Mann hat den Ort trotz der schrecklichen Ereignisse und trotz der Scheidung von seiner Frau in 53 Jahren nie verlassen. Die Eltern wollten da sein: Für den Fall, dass ihre Kinder eines Tages nach Hause kommen würden. 

Quellen: "The Beaumont Children Mystery – Full Documentary", "Channel 7 News Investigation", "ABC News", "Channel 7"

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