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DNA-Panne im "Phantom"-Fall: Die Spur der Stäbchen

Verunreinigte Wattetupfer zur Spurensicherung haben das Rätsel um das "Phantom von Heilbronn" gelöst. Jetzt muss die Polizei den verschlungenen Produktions- und Lieferketten eines hochsensiblen Produkts nachgehen: Wo und wie können die Tupfer mit DNA kontaminiert worden sein?

Die Holz- oder Plastikstäbchen sind in der Regel 15 Zentimeter lang, etwas über zwei Millimeter dick und mit einem einseitigen Baumwollkopf versehen. Wattestäbchen, die von der Polizei für die Sicherung von Spuren verwendet werden, aus denen sich möglicherweise DNA-Profile isolieren lassen - Spuren wie Speichelreste oder Hautschuppen. Verpackt sind diese Tupfer meist einzeln in verschweißte Peel-Packs aus Plastikfolie oder in Plastikröhrchen mit Stopfenverschluss. Ausgeliefert werden sie gewöhnlich in 4000er-Kartons mit 40 Beuteln á 100 Stück. Sie sind ordnungsgemäß sterilisiert, dabei kommt vor allem Ethylenoxid zum Einsatz.

Diese "Swabs", wie sie in der Branche heißen, sind jetzt in den Mittelpunkt einer der spektakulärsten Affären der Kriminalgeschichte geraten. Jahrelang hatten deutsche und österreichische Ermittler fieberhaft nach einer unbekannten weiblichen Person gefahndet, die in Heilbronn eine junge Polizistin erschossen haben soll, angebliche in weitere Morde verwickelt und an mehreren Einbrüchen beteiligt sei. Das "Phantom von Heilbronn" aber, so hatte es stern.de zuerst gemeldet, gibt es gar nicht, die vermeintlichen DNA-Spuren an mindestens 40 verschiedenen Tatorten stammen offenbar durch bereits vorher kontaminierte Wattestäbchen.

Dass sie offenbar tatsächlich nur ein "Phantom" suchten, wurde den Ermittlern spätestens klar, als sie die DNA-Spuren eines unbekannten Toten aus dem Saarland mit denen eines vermissten Asylbewerbers verglichen. Dazu hatte man Gen-Material aus Fingerabrücken herausgearbeitet, die der Asylbewerber vor längerem bei seinem ausländerrechtlichen Verfahren hatte abgeben müssen. Bei dieser Untersuchung seien plötzlich Spuren des "Phantoms" aufgetaucht. Was nicht sein konnte - denn die DNA des "Phantoms" war nach bisherigen Erkenntnissen weiblich.

Mit einem "garantiert DNA-freien" Wattestäbchen sei dann ein Gegentest gemacht worden. Das Ergebnis: Die DNA des "Phantoms" war nicht mehr da. "Das ließ ja zumindest den begründeten Schluss zu, dass das Untersuchungsmaterial irgendwie nicht in Ordnung war", so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Saarbrücken.

Nun würden noch unbenutzte Wattestäbchen des saarländischen Landeskriminalamts untersucht, Ergebnisse lägen aber noch nicht vor. Dies könne eine Woche oder auch länger dauern. Außerdem würden Produktions- und Lieferwege der Wattestäbchen rekonstruiert und der Frage nachgegangen, wo die DNA aufgetragen worden sein könnte. "Da kann sehr viel infrage kommen", so der Sprecher. Das reiche möglicherweise von der "Baumwollpflückerin in Ägypten" bis hin zu Betrieben in China, Indien, Osteuropa oder Deutschland.

Auch die Polizei in Baden-Württemberg will nun alle Wattestäbchen für die Spurensicherung in ihren Lagern überprüfen. "Es sind allein einige tausend bei uns in Baden-Württemberg, die auf eine mögliche Verunreinigung hin überprüft werden", sagte der Sprecher des Landeskriminalamts (LKA) in Stuttgart, Horst Haug.

Die bereits vorhandenen Wattestäbchen würden zur Spurensicherung nicht mehr eingesetzt. Die Polizei ermittelt auch bei allen mit dem Wattestäbchen-Hersteller beteiligten Firmen. "Wir versuchen die Herstellungswege und -stationen der Wattestäbchen nachzuvollziehen. Die Komponenten stammen nicht vom ein- und demselben Hersteller", sagte Haug. Mitarbeiter der Firma, von der aus die Wattestäbchen in Umlauf gebracht wurden, sollen nun Speichelproben abgeben.

"Swabs" werden im Ausland produziert

Ins Visier der Ermittler ist dabei offenbar auch ein Unternehmen für Medizinalbedarf in Hamburg geraten. Wattestäbchen sind dort ein wichtiges Produktsegment - wobei die Palette von gewöhnlichen Q-Tipps bis zu medizinischen Abstrichtupfern reicht. Aber maschinell produziert werden die "Swabs" nicht in diesem Betrieb, sondern von Vertragsfirmen im Ausland, auch in China. Von dort kommt die Ware verpackt ins Lager und wird von hier weiter an Zwischenhändler ausgeliefert.

Wo genau hergestellt wird und an wen geliefert wird, will man nicht verraten. Nur so viel: Die so genannten Abstrichbestecke, bei denen die Tupfer in Plastikröhrchen stecken, lässt die Firma angeblich von einem Partner im europäischen Ausland produzieren - der wird mit sterilisierten Stäbchen beliefert, führt die Tupfer ein, sterilisiert sie erneut, verschließt die Röhrchen und schickt sie dann wieder zurück nach Norddeutschland.

Drei oder vier solcher Hersteller soll es in der Europäischen Gemeinschaft geben. Ein südeuropäisches Unternehmen unterhält nach stern.de-Informationen geschäftliche Kontakte zu dem Medizinalbedarfhersteller, ein weiterer Betrieb, ebenfalls in Südeuropa, soll deutsche Landespolizeien mit den Stäbchen beliefern. Offenbar gibt es aber noch mindestens eine Produktionsstätte in Deutschland, die diese Abstrichbestecke "veredelt". Ein Insider aus der Branche weiß: "Produktions- und Lieferketten sind hier ziemlich verschlungen - das wird ein schwieriges Stück Arbeit."

"Aktuell sind wir dabei, den Vertriebsweg der Wattestäbchen nachzuvollziehen, um festzustellen, wo eine DNA-Verunreinigung stattgefunden haben könnte", sagte der Leiter des Kriminaltechnischen Instituts des Landeskriminalamts, Werner Kugler. Die entsprechenden Wattestäbchen seien aus dem Ausland importiert worden. Die Kunststoffröhren und der dazugehörige Deckel würden aber in Deutschland produziert. Eine Zuliefererfirma in Deutschland füge die Einzelteile zusammen. Wo die sitzt, wollte er nicht verraten. Dort seien aber gerade Kollegen, "um herauszufinden, ob das Zusammenfügen der Teile automatisch oder händisch passiert", so Kugler. Es könnte sein, dass eine Mitarbeiterin die Wattestäbchen beim Zusammenfügen mit ihrer DNA verunreinigt habe. "Ein sicherer Ausschluss ist nur durch eine Vergleichsspeichelprobe möglich." Die ersten Ergebnisse gebe es Anfang nächster Woche.

DNA-Code mitliefern

Inzwischen hat der Sprecher des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Bernd Carstensen, gefordert, die Hersteller des Zubehörs für die DNA-Proben sollten den Packungen DNA-Merkmale der beteiligten Mitarbeiter als Code beilegen. Damit könnte diese Spur gleich ausgeschlossen werden.

Auf diese Idee sind schon vor Jahren die britischen Kollegen des Forensic Science Service (FSS) gekommen. Der FSS nämlich lässt sich von der international tätigen Firma Eppendorf mit Probegefäßen für die forensische Arbeit beliefern. Und hatte durchgesetzt, dass die DNA-Profile sämtlicher Eppendorf-Mitarbeiter, die an der Produktion dieser Probegefäße beteiligt sind, in einer Datenbank gespeichert werden, auf die der Zugriff vor Ort möglich ist. Fremdkontaminationen wie im Fall des "Phantoms von Heilbronn" können somit schnell ausgeschlossen werden.

Philipp Jarke, Werner Mathes, Rainer Nübel, Kerstin Schneider