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Hinweise gesucht! Was verraten Fraukes Lebenszeichen?

Der Nieheimer Sendemast
Der Nieheimer Sendemast
© UFA
Während ihrer Entführung sendete Frauke Liebs Lebenszeichen – was können sie verraten? 

Vor allem eines macht das Verbrechen an Frauke Liebs zu einem der rätselhaftesten Kriminalfälle des Landes: Nachdem Frauke entführt worden war, wurde ihr vom Täter bzw. von den Tätern (denn man weiß nicht einmal, ob derjenige allein handelte, ob er ein Mann ist oder gar eine Frau) erlaubt, sich mehrfach über ihr Handy bei ihrem Mitbewohner Chris Karaoulis und ihrer Familie zu melden.

Warum ihr das gestattet wurde, ist unklar. Denkbar ist, dass der Täter so den öffentlichen Druck reduzieren wollte, der entstanden war. Nicht einmal 48 Stunden nach ihrem Verschwinden war Frauke von ihrer Familie, ihren Mitschülerinnen und Mitschülern per Flugblatt gesucht worden, ihr Verschwinden war Thema in den Zeitungen und Radionachrichten, die Polizei leitete auf Druck von Fraukes Familie ein Verfahren wegen des Verdachts einer Geiselnahme ein. Mit den Lebenszeichen von Frauke erreichte der Täter bei der Polizei dagegen den Eindruck, dass sie sich zwar an einem unbekannten Ort befindet, aber wohlauf sei. Dies führte, so beschreiben es die Familie und andere Zeugen, die damals mit der Polizei tun hatten, dazu, dass die Beamten in dieser ersten Phase der Tat eher schleppend ermittelten.

Es ist aber auch denkbar, dass es andere Motive für die Anrufe gab: Vielleicht konnte Frauke, die bekannt dafür war, auch mit schwierigen Menschen umgehen zu können, den Täter überzeugen, sich bei ihrer Familie melden zu dürfen.

Fest steht, dass die Anrufe wichtige Ansätze liefern, allein schon weil sie zeigen, in welchen Bereichen sich der Täter mit Frauke aufgehalten.

Karte Kreis Paderborn

Im Laufe der Ermittlungen konnte über die Abfrage der Funkzellendaten festgestellt werden, woher die Anrufe kamen. Während die erste SMS etwa zwei Stunden nach ihrem Verschwinden noch aus dem Raum Nieheim, etwa 40 Kilometer nordöstlich der Stadt, abgesetzt wurde, wurden die sechs folgenden Kontakte aus dem Raum Paderborn, häufig aus dem Umfeld des Gewerbegebiets „Auf dem Dören“, getätigt.

Aufgrund der Ortswechsel steht fest, dass der Täter mehrfach mit Frauke in ein Fahrzeug gestiegen sein muss – und dies meist abends zwischen 22 und 23 Uhr. Die Funkzellen rund um Paderborn waren zumeist Gewerbegebiete, die zu solch später Stunde wenig belebt waren.

Außerdem setzt die Vorgehensweise des Täters voraus, dass er über ein Versteck bzw. einen Raum verfügen musste, in der er Frauke über mindestens eine Woche festgehalten hat. In Frage kommen etwa Hallen, Gewerbeflächen, Schuppen, Gartenlauben oder auch Wohnmobile oder Transporter. Aber natürlich auch Wohnungsräume oder Häuser.

Warum es zu den Ortswechseln kam, ist unklar. Wollte der Täter mit den späteren Anrufen aus Paderborn vom Raum Nieheim ablenken, schließlich war die Tatsache, dass die erste SMS von dort stammte, schon in den ersten Tagen öffentlich bekannt geworden? Oder hat der Täter aus anderen Gründen die Paderborner Gewerbegebiete angesteuert, etwa weil er aus der Nähe stammte und einschätzen konnte, dass es dort spät abends wenig belebt sein würde?

Auffällig ist, dass nur ein Anruf tagsüber stattfand, während alle anderen abends getätigt wurden. Gab es beim Täter Tagesroutinen, die ihn dazu zwangen, die Anrufe erst abends ermöglichen zu können? Hatte er diese Tagesroutine am Samstag, den 24. Juni 2006, vier Tage nach Fraukes Verschwinden, nicht? Denn an diesem Tag durfte Frauke bereits um 14.23 Uhr anrufen.

Die zentrale Frage der Ermittler lautet:

Gibt es Zeugen, die jemanden kennen, der während der Zeit zwischen dem 20. und 27. Juni 2006 auffälliges Verhalten zeigte, weil er etwa immer am späteren Abend unterwegs war oder ein besonderes Interesse am Verschwinden von Frauke Liebs gezeigt hat?

Die Inhalte der Anrufe waren rätselhaft. Mit Ausnahme des letzten Gesprächs dauerten sie nicht einmal eine Minute. Auf Fragen nach ihrem Aufenthaltsort sagte Frauke entweder nichts oder betonte „Paderborn“. Außerdem wiederholte sie immer wieder den Satz "Ich komme nach Hause". Ihr Stimme klang nach Erinnerung von Chris, den die meisten Anrufe erreichten, sehr verwaschen, „wie in Trance“. Den Eindruck bestätigte Fraukes Schwester Karen, die beim letzten Gespräch dabei war.

Dieses Telefonat sticht heraus, allein schon wegen der Länge von mehr als fünf Minuten. Zu diesem Gespräch existiert ein Gedächtnisprotokoll. Es basiert auf den Erinnerungen von Chris und Fraukes Schwester, beide führten das Telefonat zusammen über die Lautsprecherfunktion von Chris‘ Handy und notierten sich unmittelbar danach die wichtigsten Inhalte. Ein Mitschnitt des Telefonats existiert nicht. Die Familie hatte damals vergeblich versucht, rechtzeitig ein Diktiergerät zu organisieren. Die Polizei leistete an dieser Stelle keine Unterstützung.

Auffällig ist, dass Frauke in diesem Gespräch das erste Mal bestätigt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Auf die Frage „Wirst Du festgehalten?“ antwortet sie zunächst mit „Ja“, korrigiert sich dann aber selbst und sagt zwei Mal „Nein“, „Nein“. Diese Korrekturen geschahen „verhältnismäßig hektisch“, wie Chris und Karen sich erinnern. Generell war ihr Sprechen aber sehr verlangsamt, weswegen auch denkbar ist, dass Betäubungsmittel eingesetzten worden sein könnten.

Auf die mehrfache Frage „Wo bist Du?“ antwortet Frauke mehrfach mit dem Wort „Mama“. Ist es ihrer Verzweiflung geschuldet? Oder wollte sie mit der Antwort eine Andeutung machen? Ihre Mutter, damals noch Direktorin eines Gymnasiums in Bad Driburg, lebte zwar in Lübbecke, mehr als 70 Kilometer nördlich von Paderborn, bewohnte aber unter der Woche eine Wohnung in Bad Driburg 20 Kilometer östlich von Paderborn und nicht weit entfernt vom Sendebereich des Funkturms in Nieheim. Auf www.frauke-liebs.de gibt es eine Karte, die zeigt, aus welchem Bereich die SMS am 21.06.2006 um 00.49 Uhr gekommen ist.

Zwei weitere Sätze stechen in dem Gespräch heraus. Frauke bittet Chris und Karen darum, ihren Eltern auszurichten, dass „ich sie ganz doll liebe“. Karen erinnert sich bis heute an diesen Satz, der auch deswegen ungewöhnlich sei, weil sie das Wort „lieben“ benutzt. „Es klang für uns wie eine Art Abschied: ,Bevor ich gehe, sag ich noch mal allen, dass ich sie ganz doll liebe‘. Und nicht: Dass ich sie ganz doll lieb hab, sondern wirklich die Steigerungsform, das, was noch größer ist als liebhaben: Liebe.“

Später im Gespräch fällt ein weiterer Satz, der den Eindruck verstärkt, dass Frauke bei diesem Telefonat womöglich bewusst war, dass ihr Leben unmittelbar bedroht ist. Auf die Bitte „Komm doch wieder“ sagt sie: „Das geht nicht. Ich lebe noch.“ Am Ende des Gesprächs bittet Chris sie, sich wieder zu melden. „Ja, mach ich“, sagte Frauke noch. Aber es habe nicht wie ein Versprechen geklungen, erinnert sich Karen. „Ciao, bis bald“ sind nach dem Protokoll von damals Fraukes letzte Worte.

Danach gibt es kein Lebenszeichen mehr. Es dauert dreieinhalb Monate, bis ein Jäger Fraukes Leichnam in einem entlegenen Wald findet. Die Obduktion lässt den Schluss zu, dass Fraukes Todeszeitpunkt zwischen dem letzten Gespräch und maximal einigen Tagen danach gelegen haben muss.

Gefunden wurde ihr Leichnam in einem Waldgebiet nahe der Landstraße L817 im Kreis Lichtenau, nur etwa zwölf Meter von der Straße entfernt. Der Ablageort wirft Fragen auf, die ebenfalls von großem Wert für die Ermittlungen sein könnten, mehr Details dazu hier: 

Sachdienliche Hinweise an das Polizeipräsidium Bielefeld: 0521/ 545-0

Oder an Fraukes Mutter Ingrid Liebs: www.frauke-liebs.de

Die Zitate in diesem Beitrag entstammen teilweise aus Videointerviews, die für die RTL-Plus-Dokumentation „Der letzte Anruf. Wer hat Frauke Liebs getötet?“ geführt wurden. Aus Gründen der Lesbarkeit wurden sie stellenweise redaktionell bearbeitet.

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