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Moral und Recht: 30 Jahre nach der Geiselnahme von Gladbeck: Wann vergeht Schuld?

Dieter Degowski, einer der beiden Geiselnehmer von Gladbeck, ist nach fast 30 Jahren frei. Er hat Menschenleben auf dem Gewissen. Dürfen Täter wie er wieder ein unbeschwertes Leben führen? Über Schuld und die Frage, ob sie jemals endet.

Drei Menschen auf der Rückbank eines Autos: In der Mitte sitzt Dieter Degowski und hält Silke Bischoff eine Waffe an den Kopf

Nun ist er draußen. Nach fast 30 Jahren ist er aus den Gefängnistoren getreten, als alter, aber als freier Mann. Niemand soll erfahren, wo er von nun an steckt. Den Rest seines Lebens soll er unerkannt führen dürfen, unbelästigt, das ist die Idee. Aber wie lange wird das gut gehen?

Denn er ist Dieter Degowski. Und er bleibt es, auch wenn ihm der Staat für seine letzten Jahre eine neue Identität geschenkt hat. Als vor zwei Wochen die Nachricht die Runde machte, dass er aus der Haftanstalt in Werl entlassen wurde, war das wie ein Trigger, der das kollektive Trauma kurz wieder hochkommen ließ. Das Geiseldrama von Gladbeck. Unter diesem Titel steht es in den Geschichtsbüchern.

Verdient Dieter Degowski seine Freiheit?

Es beginnt am 16. August 1988. An jenem Morgen überfallen Degowski und sein Komplize Hans-Jürgen Rösner die Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck. Der Raub schlägt fehl, doch die beiden nehmen Unschuldige in ihre Gewalt, erpressen Lösegeld, flüchten mit den Geiseln. Erst nach 54 Stunden werden sie gestoppt.

Die Bilder kann man nicht vergessen. Verängstigte Geiseln in einem gekaperten Linienbus. Überforderte Polizisten. Sensationsgeile Reporter, die ihre Kameras draufhalten und sich um Interviews mit den Tätern rangeln. Und immer wieder: Degowski, wie er grinst, besoffen von seiner Macht. Wie er die Pistole an den Hals seiner Geisel drückt, Silke Bischoff, 18 Jahre alt. Irgendwann auf diesem Höllentrip schießt Degowski einem 14-jährigen Jungen in den Kopf, dessen Blut fließt auf den Asphalt. Später fließt auch das Blut von Silke Bischoff.

Mit Degowskis Entlassung beginnt nun das nächste Kapitel dieser Geschichte, und es wirft die kompliziertesten Fragen auf: Verdient Degowski, heute 61 Jahre alt, seine Freiheit? Gar ein gutes Leben?

Er habe seine "Schuld bearbeitet", teilt die Justizvollzugsanstalt mit. Er habe sich mit "seinen Straftaten auseinandergesetzt und Reue gezeigt", sagt seine Anwältin.

Reicht das? Ist die Schuld verbüßt? Oder soll Degowski auch in Freiheit geächtet bleiben, weil auch seine Opfer keine zweite Chance bekommen haben? Wann endet Schuld?

Am 16. August 1988 überfallen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck. Passanten alarmieren die Polizei. Mit zwei Angestellten als Geiseln gelingt es den Gangstern, Lösegeld und Fluchtwagen zu erpressen. Zunächst fahren sie ziellos durchs Ruhrgebiet, dann steigt Rösners Freundin Marion Löblich zu. Mit ihr geht es nach Bremen. Am 17. August kapert das Trio einen voll besetzten Linienbus. Medienvertreter umlagern den Bus, Rösner gibt mit der Pistole in der Hand Interviews (links). Fotografen machen Bilder, während Löblich und eine Geisel das Lösegeld zählen (rechts). Die Flucht führt weiter zur Raststätte Grundbergsee. Als Beamte eine Toilettenpause dort zur Festnahme von Löblich nutzen, rastet Degowski aus und schießt der 14-jährigen Geisel Emanuele De Giorgi in den Kopf. In der Nacht zum 18. August überquert der Bus die Grenze zu Holland, die Gangster steigen mit zwei Geiseln in einen BMW um. Der Amoktrip führt in die Kölner Innenstadt. Hier wird das Auto erneut von Passanten und Presse umlagert. Ein Reporter steigt sogar zu und weist den Tätern den Weg. Erst auf der A 3 bei Bad Honnef beendet ein SEK die Irrfahrt gewaltsam. Die Geisel Silke Bischoff stirbt durch eine Kugel aus Rösners Waffe. Bei der Verfolgung verunglückt zudem ein Polizist tödlich.

Am 16. August 1988 überfallen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck. Passanten alarmieren die Polizei. Mit zwei Angestellten als Geiseln gelingt es den Gangstern, Lösegeld und Fluchtwagen zu erpressen. Zunächst fahren sie ziellos durchs Ruhrgebiet, dann steigt Rösners Freundin Marion Löblich zu. Mit ihr geht es nach Bremen. Am 17. August kapert das Trio einen voll besetzten Linienbus. Medienvertreter umlagern den Bus, Rösner gibt mit der Pistole in der Hand Interviews (links). Fotografen machen Bilder, während Löblich und eine Geisel das Lösegeld zählen (rechts). Die Flucht führt weiter zur Raststätte Grundbergsee. Als Beamte eine Toilettenpause dort zur Festnahme von Löblich nutzen, rastet Degowski aus und schießt der 14-jährigen Geisel Emanuele De Giorgi in den Kopf. In der Nacht zum 18. August überquert der Bus die Grenze zu Holland, die Gangster steigen mit zwei Geiseln in einen BMW um. Der Amoktrip führt in die Kölner Innenstadt. Hier wird das Auto erneut von Passanten und Presse umlagert. Ein Reporter steigt sogar zu und weist den Tätern den Weg. Erst auf der A 3 bei Bad Honnef beendet ein SEK die Irrfahrt gewaltsam. Die Geisel Silke Bischoff stirbt durch eine Kugel aus Rösners Waffe. Bei der Verfolgung verunglückt zudem ein Polizist tödlich.

Es sind Fragen, die größer sind als er. Die sich nach jedem schweren Verbrechen stellen, Fragen, die Menschen quälen können, jeden Tag. Weil sie Richter sind und eine Antwort geben müssen. Weil sie Täter sind und endlich von ihrer Schuld erlöst werden wollen. Weil sie Opfer wurden und damit ringen, ob sie je verzeihen werden.

Die Suche nach Antworten beginnt bei einer Frau, die einen Film schaut, der für sie grausamer nicht sein könnte und die doch kein einziges Mal den Blick abwendet. Sie ist die Mutter von Silke Bischoff, der Film heißt "Gladbeck". Es ist das Schicksal ihrer Tochter, verfilmt als Zweiteiler, der am Mittwoch und am Donnerstag kommender Woche in der ARD gezeigt wird.

Karin R. sitzt in einem Konferenzraum der Berliner Produktionsfirma Ziegler Film. Es läuft ein Zusammenschnitt. Man wollte, dass sie ihn sieht, bevor der Film im Fernsehen läuft. Für Millionen Zuschauer mag er beklemmend-spannendes Abendprogramm sein. Wie ist es für Karin R.?

"Es ist so, wie ich es in Erinnerung habe", sagt sie. Als sie auf dem Schirm das erste Mal die Darstellerin gesehen habe, die ihre Tochter verkörpert, sei ihr gleich dieses Gefühl gekommen: "Da ist meine Silke wieder, mein Kind."

"Ich habe nur Wut in mir!"

Karin R. ist 71, eine jung gebliebene Frau, die ihr Leben lang in einem Drogeriemarkt gearbeitet hat. Die es geschafft hat, nicht zu verbittern, obwohl Degowski und Rösner ihr die Tochter nahmen. Ihr Vater, Silkes Großvater, ging an dem Mord an seiner Enkelin zugrunde, sagt sie. Er sei voller Kummer gestorben, zwei Jahre nach der Tat. Erst hat sie die Tochter beerdigt, dann den Vater. Beide in einem Grab.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich Karin R. kaum öffentlich geäußert, ihren Nachnamen will sie bis heute nicht publik machen, doch im stern zeigt sie sich nun das erste Mal. "Ich musste mich finden", sagt sie. "Ich bin stolz darauf, dass ich das Leben wieder schätzen kann."

Und Degowski?

"Entschuldigt wird nichts. Kein Stück."

Seine Reue?

"Wer einen Menschen umbringt, kann hinterher immer sagen, dass er es bereut. Das zählt für mich nicht."

Dass er nun freikam?

Sie habe es aus den Medien erfahren.

Und?

"Es interessiert mich nicht, was soll ich mich ärgern. Ich habe mit Wut und Rachegelüsten abgeschlossen."

Karin R. weiß, dass sie da anders denkt als die Angehörigen von Emanuele De Giorgi, der zweiten getöteten Geisel. Die italienische Familie kann nicht fassen, dass Degowski freikommt. Emanueles jüngere Schwester saß damals neben ihrem Bruder im Bus. Sie sah den 14-Jährigen sterben. "Mein Bruder liegt unter der Erde. Ich denke, es ist ganz normal, keine Gnade zu kennen. Ich habe nur Wut in mir!", sagt sie in einer ARD-Dokumentation, die nach dem Spielfilm ausgestrahlt werden wird.

Karin R. hingegen will sich nicht mehr von den Tätern beherrschen lassen. Was ihr bis heute jedoch keine Ruhe lässt, ist das Gefühl, dass ein Teil der Schuld ungesühnt blieb. Vor allem dem damaligen nordrhein-westfälischen Innenminister, der den Polizeieinsatz zu verantworten hatte, macht sie Vorwürfe. Bischoff starb durch Rösners Waffe, als ein Sondereinsatzkommando das Fluchtauto auf der Autobahn angriff. Mehr als 60 Polizeikugeln wurden auf den BMW der Geiselnehmer abgefeuert. Bis heute wartet Karin R. auf das Eingeständnis der Behörden, dass das Leben ihrer Tochter dabei bewusst aufs Spiel gesetzt wurde. "Es hieß immer nur: Es wurde alles richtig gemacht. Dabei würde Silke noch leben, wenn die Polizei nicht Krieg gespielt hätte."

Zwei Familien verloren damals ein Kind. De Giorgis Angehörige sind voller Wut auf die Geiselnehmer. Karin R. beachtet sie einfach nicht mehr. Sie vergibt ihnen nicht, aber sie erkennt an, dass sie zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Ihre Wut hat einen anderen Adressaten gefunden, jemanden, der noch nicht gesühnt hat.

Manche wollen Rache, andere Ruhe

Jeder geht anders mit der Schuld des Täters um. Der eine will Rache, der andere Ruhe. Es kann Familien zerreißen. Oder eine Gesellschaft spalten. In den USA setzen sich manche Angehörige von Mordopfern in einen Zuschauerraum und sehen dabei zu, wie der Täter die Todesspritze bekommt; manche äußern sich danach erleichtert vor TV-Kameras. Andere hingegen demonstrieren vor dem Gefängnis, weil sie die Todesstrafe, selbst für den Mörder ihres Kindes, für unmenschlich halten.

Die Macht, über die Schuld zu richten, besitzen sie alle nicht. Sie liegt allein in den Händen von Richtern, Schöffen und Geschworenen. Warum das so sein muss, hat Jan Philipp Reemtsma, der Sozialforscher und wohlhabende Tabak-Erbe, der selbst Opfer einer Entführung wurde, einmal so umschrieben: Die Hände von Betroffenen sind gebunden in ihrem Konflikt, sie haben keine Hand frei, den Streit zu lösen, sie können nur schlagen und zurückschlagen. Das wäre das biblische "Auge um Auge". Und deshalb braucht es Gerichte.

Degowskis Richter war Rudolf Esders, ein sachlicher Mann, dessen tiefe Stimme kurz verstummt, als er die Frage nach dem Ende der Schuld hört. Dann fragt er zurück. "Tja, welche Schuld denn jetzt? Die juristische? Da ist es ganz einfach: Degowski hat seine Strafe abgesessen, er muss freikommen."

Mittlerweile ist Esders Ende 70 und pensioniert, er arbeitet aber noch als Anwalt, er hilft Häftlingen, auf Bewährung aus dem Gefängnis zu kommen, wenn sie ihre Mindeststrafe abgesessen haben. Für Esders ist das kein Widerspruch. Als junger Referendar widerfuhr ihm ein Schlüsselerlebnis. Man führte ihm einen Gefangenen vor. Der Anstaltsleiter zeigte auf den eingeschüchterten Mann und sagte: "Der hier sitzt seit 50 Jahren!" Den Mann konnte Esders nie vergessen. Seitdem sagt er: "Jeder muss eine Chance haben." Er meint auch Degowski.

Das deutsche Rechtssystem verbietet es, Straftäter wegzusperren, ohne ihnen eine Perspektive zu eröffnen, in die Gesellschaft zurückzufinden. Deswegen bedeutet lebenslänglich nicht wirklich lebenslänglich, sondern üblicherweise 15 Jahre. Auch Degowski bekam von Esders und seinen Kollegen lebenslange Haft ins Urteil geschrieben, doch wurde zusätzlich die sogenannte "besondere Schwere der Schuld" festgestellt. Mit ihr werden aus 15 Jahren mehr. Degowski musste laut Gerichtsbeschluss mindestens 24 Jahre absitzen.

Nur wer dauerhaft als gefährlich eingeschätzt wird, dem kann zum Schutz der Allgemeinheit über das Verbüßen seiner Haftstrafe hinaus die Freiheit entzogen werden. Gladbeck-Komplize Rösner ist so ein Fall. Bei ihm wurde auch eine Sicherungsverwahrung angeordnet.

"Das ist keine Gerechtigkeit"

Richter Esders ist noch nicht am Ende mit seiner Antwort. "Wenn man die philosophische Schuld nimmt, ist es natürlich etwas anderes", sagt er. "Wann endet die? Ich kann verstehen, wenn Angehörige der Opfer sagen, Degowski solle niemals rauskommen. Ich würde es als Vater wohl genauso sehen. Als Richter jedoch darf ich nicht wie ein Betroffener denken."

Ein Prozess kann daher die Opfer weiter verbittern, wenn das Gericht die Schuld des Täters anders bemisst als die Betroffenen. Es gibt Extremfälle, in denen moralische und juristische Schuld völlig auseinanderfallen: wie bei Lolita Brieger. Sie war gerade 18, als sie 1982 spurlos verschwand. Es vergingen fast 30 Jahre, bis Ermittler ihre Knochen auf einer stillgelegten Müllkippe fanden. Endlich hatten sie dank eines Mitwissers auch den Täter, Lolitas damaligen Freund. Sie war von ihm schwanger, und sein Vater war gegen die Beziehung. 2012 kam es zum Prozess. Der Angeklagte schwieg, und das Gericht konnte ihm nicht beweisen, dass es ein Mord war – vielleicht hatte er sie auch in einem Kampf im Affekt getötet. Das wäre womöglich Totschlag. Und der verjährt nach 20 Jahren. Also ging der Täter als freier Mann aus dem Gerichtssaal. Lolitas Familie kann das nicht verstehen. "Das ist keine Gerechtigkeit", sagt Lolitas Schwester Gisela Peter im Gespräch mit dem stern. Der Täter lebt bis heute nur ein paar Hundert Meter von Lolitas Angehörigen entfernt. Oft fährt er im Auto vorbei. "Ihn frei zu sehen, tut weh", sagt Peter. Fälle wie dieser sind der Grund, warum häufig das Ende von Verjährungsfristen gefordert wird. Mord verjährt nicht mehr, weil man nicht hinnehmen wollte, dass die NS-Täter sich ihrer Verantwortung entziehen können. Heute fordern viele, dass schwere Sexualdelikte nicht mehr verjähren sollen. Nur: Was ist dann mit gefährlicher Körperverletzung? Wo zieht man die Grenze? Wenn nichts verjährt, drohen die Gerichte in Anklagen zu versinken, weil alles, was einmal war, wieder auf den Tisch kommt. Es wäre das Gegenteil von Rechtsfrieden. Deswegen ist Verjährung unverzichtbar, aber sie kann den Betroffenen Schmerz bereiten.

Sie waren einmal verliebt: Josef K. (links) und Lolita Brieger (rechts). Doch sein Vater war gegen die Beziehung. 1982 verschwand Lolita plötzlich. Fast 30 Jahre später fand man nach dem Hinweis eines Mitwissers ihre Knochen. Aber das Gericht konnte dem Angeklagten Josef K. nicht beweisen, dass es Mord war – es könnte auch ein Totschlag im Affekt gewesen sein. Und Totschlag verjährt nach 20 Jahren. K. verließ das Gericht als freier Mann.

Sie waren einmal verliebt: Josef K. (links) und Lolita Brieger (rechts). Doch sein Vater war gegen die Beziehung. 1982 verschwand Lolita plötzlich. Fast 30 Jahre später fand man nach dem Hinweis eines Mitwissers ihre Knochen. Aber das Gericht konnte dem Angeklagten Josef K. nicht beweisen, dass es Mord war – es könnte auch ein Totschlag im Affekt gewesen sein. Und Totschlag verjährt nach 20 Jahren. K. verließ das Gericht als freier Mann.


Ein Gerichtsprozess kann auch heilend wirken. Man konnte es erst Anfang Februar in der Verhandlung gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) erleben, der zehn Unschuldige auf dem Gewissen hat. Es war ein seltener Moment in einem Prozess, der für die Angehörigen wenig Versöhnliches bereithält. An diesem Tag trat die Frau eines Mordopfers ans Mikrofon und wandte sich an einen der Angeklagten, an Carsten S., er hatte dem NSU die Mordwaffe beschafft.

S. war damals 20, ein überzeugter Neonazi. Doch als der NSU viele Jahre später aufflog, war S. aus der Szene schon ausgestiegen, seine Schuld holte ihn unerwartet ein. Man sieht ihm heute an, wie sehr er unter dem leidet, was er tat.

Deswegen, erzählte die Witwe nun, haben sie und ihre beiden Töchter ihn abseits des Gerichts, kurz vor Weihnachten, zu einem Gespräch getroffen. "Es war der schwierigste, aber auch der emotionalste Moment in unserem Leben", zitieren sie Gerichtsreporter. "Herrn S. haben wir in diesem Gespräch als einen Menschen erlebt, der sein Mitwirken zutiefst bereute und dem das eigene Gewissen bereits den größten Teil seiner Strafe auferlegt hat. Er hat sich nochmals bei uns entschuldigt und währenddessen furchtbar geweint. So etwas kann man nicht spielen, wir haben es gefühlt." Bei den anderen Angeklagten sei das anders, aber für S. wünsche sie sich, "dass ihm sein Strafmaß die Möglichkeit gibt, sein Leben in positive Bahnen zu lenken".

Vergebung als Selbstbefreiung

Während die Witwe sprach, wurde es im Saal still. Ihre Würde und Güte ließ die Teilnehmer staunen. Sichtbar wurden zwei Ideale: die Reue des Täters und die Vergebung des Opfers. Wie konnte beides gelingen?

Aufrichtige Reue ist selten, denn sie bedeute eine Art Selbstbestrafung, sagte einmal die südafrikanische Psychologin Pumla Gobodo-Madikizela. Die Professorin forscht zum Täter-Opfer-Dialog, sie war Mitglied der Wahrheitskommission zur Untersuchung der Verbrechen während der Apartheid. Täter wollen oft nicht bereuen, sagte sie, weil sie es nicht ertragen, die Wahrheit über sich selbst zu sehen. Die Psychologin schlägt die Brücke zwischen Reue und Vergebung. "Taten können böse sein", sagte sie, "aber Reue niemals. Fühlt ein Täter echte Reue, verwandelt er sich in ein verwundetes Individuum. Ich nenne es das Paradox der Reue. Es ermöglicht den Opfern, sich von dieser Reue berühren zu lassen."

Vergebung kann den Opfern helfen, weil es sie befreit von ihrer quälenden Wut. Als vor fast drei Jahren der "Auschwitz-Buchhalter" Oskar Gröning vor dem Landgericht Lüneburg wegen Beihilfe zum hunderttausendfachen Mord angeklagt wurde, trat auch Eva Mozes Kor auf. Als Zehnjährige hatte Kor die Mengele-Experimente in Auschwitz überlebt. Im Saal in Lüneburg reichte sie als alte Dame dem Täter Gröning die Hand, sie umarmte ihn gar. Staunen erfüllte den Saal. Die Leute trauten ihren Augen nicht. Wie kann sie nur?

Kor sagte dem stern einmal: "Ich war einst ein gutes Opfer. Ich habe den größten Teil meines Lebens gelitten. Erst unter den Nazis, dann unter meinem Hass auf die Nazis." Damit habe sie irgendwann Schluss machen wollen. Sich selbst zu befreien war ihr Antrieb, den Tätern zu vergeben. "Ich habe einfach allen Nazis vergeben", sagt sie, "und die konnten sich noch nicht mal dagegen wehren."

Vergebung gibt es also in verschiedenen Formen. Manchmal ist sie nichts anderes als eine maskierte Rache, weil das Opfer seine moralische Überlegenheit zeigt, so sagte es einmal Oscar Wilde: "Vergib stets deinen Feinden. Nichts ärgert sie mehr."

Doch meist bleiben Reue und Vergebung ein unerfülltes Ideal. So wie im Fall des Gladbeck-Geiselnehmers Degowski, dessen Reue die Angehörigen nie als glaubhaft empfunden haben. Zwischen ihm und ihnen gab es keine Annäherung. Es blieb der Konflikt.

Wie weiterleben mit der Schuld?

Auch die Gesellschaft lebt in diesem Spannungsfeld zwischen Täter und Opfer. Meist fühlt man mit den Betroffenen, die schuldlos zum Opfer eines Wildgewordenen wurden. Aber wenn man dann mehr von manchen Tätern erfährt, wachsen die Zweifel, ob sie vielleicht zum Täter wurden, weil ihre Kindheit so verkorkst war. Beides zu bedenken fällt schwer.

Diese Zerrissenheit hat auch Einfluss auf den Strafprozess. In den 80er Jahren forderten Juristen mehr Einbindung der Opfer in die Verhandlung, die Rechte ihrer Nebenklage wurden erweitert. Heute dagegen ist es vielen Juristen zu viel geworden mit der Opferorientierung im Saal. Im Prozess müsse es in erster Linie immer noch um die Täter gehen.

Im Münchner NSU-Prozess wurde die juristische Schuld des Carsten S. durch die Vergebung der Witwe nicht kleiner. Aber vielleicht hat sie ihm einen Weg gewiesen, damit weiterleben zu können. Denn für Täter, die bereuen, kann dies die alles entscheidende Frage ihres Lebens werden: Wird meine Schuld irgendwann enden?

Anfang Februar in einem norddeutschen Altenheim. Ein Seelsorger nimmt seine Gitarre in die Hand, die Bewohner haben einen Singkreis um ihn gebildet. Einige bewegen ihre Rollstühle im Takt, manche drehen noch schnell an ihrem Hörgerät. Dann stimmt der Mann das erste Lied an: "So ein Tag, so wunderschön wie heute."

Niemand ahnt, welche Schuld der Mann mit der Gitarre mit sich trägt. "Die größte, die es geben kann", sagt er. Er war damals Anfang 20. Hatte eine Freundin, Helga, die er aber nicht wirklich liebte. Träumte vom Leben im Reichtum in Amerika. Nur hatte er das Geld nicht. Da kam ihm eine Idee. Er reiste mit Helga nach Schottland, wo man damals, Anfang der Siebziger, schon mit 18 Jahren heiraten durfte. In Edinburgh schlossen die beiden eine Lebensversicherung ab. Noch an ihrem Hochzeitsabend führte er Helga auf einen 45 Meter hohen Fels nahe dem Stadtzentrum, den Salisbury Crags. Sie setzten sich auf die Klippe, schauten auf das Lichtermeer. Und als es kalt wurde und Helga aufbrechen wollte, vollendete er seinen Plan. Im Aufstehen stieß er seine Frau hinab.

"Ich habe das eigentlich alles nicht verdient."

Es war keine Kunst für die Ermittler, ihm sein Verbrechen nachzuweisen, auch wenn er es zunächst leugnete. Er wurde wegen Mordes verurteilt.

Er kam ins Gefängnis. "Und dort fand ich den Weg zu Gott", sagt er. Gefängnismitarbeiter spotten häufig, wie plötzlich man hinter Gittern zum Glauben finden kann. Tatsächlich versprechen sich wohl viele Gefangene Vergünstigungen vom Anstaltsgeistlichen. "Aber bei mir war es anders." Er wollte unbedingt Theologie studieren und tat dies während der Haft.

Nun sitzt er in einem Café in Norddeutschland, das er öfter besucht. Er trinkt Cappuccino. Er habe ein gutes Leben, sagt er. Er hat wieder geheiratet, hat zwei erwachsene Kinder. Arbeitete 25 Jahre als angestellter Seelsorger für die evangelische Kirche, seit Kurzem ist er in Rente. Das Haus ist abbezahlt. "Ich habe das eigentlich alles nicht verdient."

1972 reist ein junger Mann mit seiner Freundin Helga K. (rechts) nach Schottland – er verfolgt einen mörderischen Plan. Er überzeugt sie, eine Lebensversicherung abzuschließen, heiratet sie. Noch am Hochzeitstag stößt er sie von einer Klippe in Edinburgh. Doch seine Tat wird aufgedeckt. Er wird wegen Mordes verurteilt. Nach der Haft kehrt er nach Deutschland zurück und wird Seelsorger in der Kirche (links). "Ich habe Gnade erfahren", sagt er heute.

1972 reist ein junger Mann mit seiner Freundin Helga K. (rechts) nach Schottland – er verfolgt einen mörderischen Plan. Er überzeugt sie, eine Lebensversicherung abzuschließen, heiratet sie. Noch am Hochzeitstag stößt er sie von einer Klippe in Edinburgh. Doch seine Tat wird aufgedeckt. Er wird wegen Mordes verurteilt. Nach der Haft kehrt er nach Deutschland zurück und wird Seelsorger in der Kirche (links). "Ich habe Gnade erfahren", sagt er heute.

Und die Schuld?

"Schuld geht nie zu Ende", sagt er. "So ist es bei mir jedenfalls." Er spricht mit Bedacht, das Reden war sein Beruf. "Eigentlich sollte man Sühne zeigen, einen Schuldausgleich. Ein Dieb kann etwas zurückgeben. Aber bei mir geht das nicht. Es ist unumkehrbar. Und das ist eine Last, die ich mit mir trage."

Denken Sie oft an Helga?

"Ja, ich sehe sie noch vor mir."

Warum haben Sie die Tat geleugnet?

"Ich war ein Feigling."

Haben Sie je mit Helgas Eltern über die Tat gesprochen?

"Nein. Ich kann nicht um Entschuldigung bitten für etwas Unumkehrbares. Ich habe nicht das Recht dazu."

Die Schuld bleibt

Nach 16 Jahren Haft kam er Ende der 80er Jahre zurück nach Deutschland und wollte Pfarrer werden. Der Bischof, der damals den Sprengel leitete, lud ihn zum Gespräch. "Ich habe ihn erzählen lassen", erinnert der sich heute am Telefon. "Er hat offen dazu gestanden, dass er ein Leben zerstört hat. Seine Schilderung war glaubwürdig. Er ist ein anderer Mensch geworden. Warum sollte er sein Leben lang geächtet bleiben?" Der Bischof gab ihm eine Chance. Er durchlief eine Ausbildung als Seelsorger, arbeitete in Seniorenheimen und Krankenhäusern. Meist waren nur seine Vorgesetzten über seine wahre Geschichte informiert.

Er will sich nicht im stern outen, "meiner Frau zuliebe, die das schwer aushält", deswegen bleibt sein Name ungenannt. Nach dem Gespräch fährt er nach Hause, in sein Dorf, stellt sein Auto am Gartentor ab. Seine Frau ist schon von der Arbeit zurück. "Schön hier, oder?", fragt er. Er reicht die Hand zum Abschied. Dann geht er langsam zur Tür. Man schaut ihm ungläubig hinterher, weil man sich fragt, ob das sein darf. Ein Mensch, der gemordet hat und nun ein normales, ein gutes Leben führt.

An seinem Beispiel wolle er zeigen, welche Gnade ein Mensch erfahren kann, hatte er noch gesagt. Doch seine Schuld werde er immer in sich spüren.

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