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Mienenbüttel bei Hamburg: Tierversuchsanstalt bringt Affen außer Landes – Schließung des LPT-Labors steht offenbar bevor

Aus der LPT-Tierversuchsanstalt bei Hamburg wurden 76 lebende Affen abtransportiert. Die Aktion ist möglicherweise ein Vorbote einer Schließung des Labors. Vorerst gehen die Versuche jedoch weiter. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

LPT-Zentrale in Hamburg; Demonstration gegen Tierversuche

LPT-Zentrale in Hamburg (l.); im Oktober demonstrierten Tausende gegen Tierversuche des Unternehmens und anderswo

DPA

Die wegen des Verdachts der Tierquälerei und der Studienmanipulation in Verruf geratene Tierversuchsanstalt LPT (Labor für Pharmakologie und Toxikologie) in Mienenbüttel bei Hamburg hat Affen von ihrem Gelände außer Landes geschafft.

In der vergangenen Woche seien 76 lebende Affen in Lieferwagen abtransportiert worden, bestätigte ein Sprecher des niedersächsischen Landkreises Harburg dem stern. Sie sollten an den Händler der für Tierversuche vorgesehenen Affen in den Niederlanden zurückgehen, berichteten Tierschützer.

Affen "nach Recht und Gesetz" abtransportiert

Die Tiere seien noch nicht für Versuche verwendet worden, so der Sprecher des Landkreises weiter. Mitarbeiter des Veterinäramtes seien bei Verladung und Abtransport der Affen zur Kontrolle anwesend gewesen, alles sei "nach Recht und Gesetz" verlaufen.

Der Laborbetrieb ist seit Bekanntwerden der Vorwürfe dazu verpflichtet, jedwede Veränderung des Tierbestandes an das Veterinäramt zu melden – ob durch Tot oder Abtransport.

Hund im Labor

Was nun mit den abtransportierten Affen geschieht, ist unklar. Der Deutsche Tierschutzbund befürchtet, "dass das Leid der Tiere jetzt vermutlich in anderen Laboren weitergeht", so die Leiterin des Referats für Alternativmethoden zu Tierversuchen, Kristina Wagner. Sie bezeichnete den Vorgang als "Skandal".

Inzwischen verdichten sich die Anzeichen, wonach LPT am Standort in Mienenbüttel den Betrieb in Kürze einstellen wird. Dem stern und anderen Medien (u.a. Norddeutscher Rundfunk) liegt ein Schreiben vor, in dem LPT-Mitarbeitern der Schritt angekündigt wird. Zur Echtheit des Dokuments wollten Verantwortliche des Unternehmens – wie auch zu allen anderen Fragen – keine Stellung nehmen. Alle Anfragen an das Unternehmen blieben bisher unbeantwortet. Auch der Verein "Soko Tierschutz", dessen Mitglieder sich ehrenamtlich für Tierrechte einsetzen, und der die offenkundigen Missstände in dem Labor im Oktober öffentlich machte, geht von einer bevorstehende Betriebseinstellung aus. Demnach soll noch eine Studie für einen Pharmakonzern an Affen abgeschlossen werden. "Danach gehen die Lichter aus", zeigte sich ein Sprecher des Vereins sicher.

Noch mehr als 400 Tiere bei LPT in Mienenbüttel

Den zuständigen Ämtern liegen keine Informationen über eine anstehende Schließung der Tierversuchsanstalt vor, allerdings muss ein solcher Schritt auch nicht vorab gemeldet werden. Derzeit befinden sich Behördenangaben zufolge noch etwa 250 Beagle und Katzen sowie rund 170 Affen auf dem Gelände in Mienenbüttel. "Neue Versuchsanträge des Unternehmens werden nicht genehmigt", stellte das  für die Genehmigung von Tierversuchen am LPT-Standort Mienenbüttel zuständige Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) in Oldenburg auf Anfrage klar – spätestens damit dürfte das jahrzehntelange Kapitel der Tierversuche am Rande Hamburgs abgeschlossen sein.

Das Laves hatte dem stern in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass zudem die insgesamt noch 113 genehmigten oder angezeigten Tierversuchsreihen verboten werden sollen. Das entsprechende Verwaltungsverfahren sei in Gang. Zuletzt hatten Laborverantwortliche die Möglichkeit, sich zu dem Verfahren zu äußern. Die Auswertung der Aussagen laufe derzeit, teilte eine Sprecherin mit. 

LPT hat neben jenem in Mienenbüttel noch zwei weitere Standorte, an denen weiterhin geforscht wird: Die Unternehmenszentrale im Hamburger Stadtteil Neugraben und ein Labor bei Plön in Schleswig-Holstein, wo nach Angaben der Tierschützer unter anderem Versuche mit Kaninchen oder Ratten durchgeführt werden. An allen drei Orten sind inzwischen auch die zuständigen Staatsanwaltschaften zur Strafverfolgung eingeschaltet – schließen können sie die Labore allerdings nicht.

Als erste nahm die Staatsanwaltschaft Stade Ermittlungen gegen Verantwortliche des Unternehmens auf, wegen des Verdachts auf Tierquälerei und Betrug. "Soko Tierschutz" e.V. hatte nach eigenen Angaben zwischen Dezember 2018 und März 2019 einen Mitarbeiter in das Mienenbütteler Labor eingeschleust und verdeckt Videoaufnahmen anfertigen lassen, die gravierende Tierschutzverstöße und die Manipulation bei einer Studie belegen sollen. (Lesen Sie hier mehr dazu.Die 76 abtransportierten Affen spielten für entsprechende Ermittlungen keine Rolle, sagte ein Sprecher der Stader Staatsanwaltschaft dem stern. Die Vermutung von Tierschützern, dass damit mögliche Beweismittel dem Zugriff der Behörden entzogen sein könnten, treffe nicht zu.

Demonstration gegen Tierversuche angekündigt

In der vergangenen Woche traten zudem die Staatsanwaltschaften in Hamburg und Kiel auf den Plan. Zuvor hatte das ARD-Magazin "Fakt" einen Beitrag mit zwei anonymen ehemaligen LPT-Mitarbeitern ausgestrahlt, die umfangreich Fälschungen von Versuchsreihen in Hamburg und bei Plön schilderten – mit unbekannten Auswirkungen auf die Testergebnisse. (Lesen Sie hier mehr dazu.)

stern 1982

Blick ins stern-Archiv: Das LPT-Labor bei Hamburg stand schon 1982 in der Kritik

Ganz neu sind derartige Vorwürfe für LPT nicht: Der stern berichtete bereits 1982 über den Verdacht der Manipulation im LPT-Labor Mienenbüttel. Damals seien verstorbene Hunde schlicht durch lebende ersetzt worden, ohne dies in den Dokumenten zu vermerken, berichtete seinerzeit ein Tierpfleger.

Trotz der möglichen Schließung des einen Labors in Mienenbüttel – zufrieden gibt sich "Soko Tierschutz" nicht. Für den 16. November ist um 14 Uhr eine Großdemonstration unter dem Motto "LPT Schließen, Tierversuche abschaffen!" in Hamburg angekündigt. Bei Facebook haben bereits fast 8000 Menschen ihre Teilnahme zugesagt. Bereits vor rund drei Wochen hatten mehrere Tausend Menschen gegen das Labor demonstriert.

Quellen: Deutscher TierschutzbundLandkreis Harburg"Soko Tierschutz" e.V., Norddeutscher Rundfunk"Fakt"LPT GmbH & Co. KG