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Viersen: In Kita getötete Dreijährige: Beschuldigte Erzieherin soll etliche weitere Kinder schwer misshandelt haben

Es sind erschreckende Details, die Ermittler im Fall eines in einer Viersener Kita schwer verletzten und gestorbenen Mädchens bekanntgaben. Die tatverdächtige Erzieherin soll bereits mehrfach Kinder schwer misshandelt haben.

Viersen: Nach Tod einer Dreijährigen: Ermittler werfen Kita-Erzieherin Mord vor

Lange schwiegen die Ermittler im Fall einer Dreijährigen, die im April mutmaßlich von einer Erzieherin in einer Kita in Viersen misshandelt wurde und wenig später gestorben ist. Es entstand reichlich Raum für Spekulationen. Nun haben sich Polizei und Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz zu dem erschütternden Verbrechen geäußert – ihre Erkenntnisse übertreffen die schlimmsten Vorstellungen.

Demnach soll die des Mordes verdächtige Erzieherin schon an früheren Arbeitsplätzen mehrfach Kinder schwer misshandelt haben, zudem gab es offenbar erhebliche Zweifel an ihrer Eignung für den Beruf. Eine Einschätzung, die sich im Fall des in der Viersener Kita getöteten Mädchens mutmaßlich auf schrecklichste Art bewahrheitet hat.

Greta starb einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag

Die dreijährige Greta wurde am 21. April nach dem Mittagsschlaf in ihrer Kindertagesstätte mit einem Atemstillstand in ein Krankenhaus eingeliefert. Trotz Reanimation musste das Kind maschinell am Leben erhalten werden. Eine Ursache für den kritischen Zustand des Mädchens konnten die Ärzte nicht ausmachen, sie zogen daher die Experten der Rechtsmedizin zurate. Ihnen fielen rötliche Punkte an und um die Augenlider auf, ein Hinweis auf einen durch Gewalt ausgelösten Sauerstoffmangel, wie der Leiter der zuständigen Mordkommission, Guido Roßkamp, auf der Pressekonferenz erläuterte. Noch am Abend des 29. Aprils informierte ein Arzt die Polizei, die am Tag darauf die Mordkommission gebildet hat. Greta verstarb am 4. Mai, einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag, an einem schweren Hirnschaden, ausgelöst durch Sauerstoffmangel, heißt es im Obduktionsbericht.

Nach jetzigem Ermittlungsstand war die Dreijährige an jenem 21. April erstmals nach drei Wochen wieder in der Corona-Notbetreuung der Kita "Steinkreis", als einziges Kind in ihrer Gruppe. Den Vormittag habe Greta, die ihre Mutter als "lebenslustig, froh, aktiv und gesund" beschrieben habe, spielend mit einem Betreuer und der beschuldigten 25-Jährigen verbracht, ehe sie sich gegen 13.20 Uhr zum Mittagsschlaf hingelegt habe, schilderte Roßkamp den Ablauf am Tag der Tat.

Bei einer der regelmäßigen Kontrollen habe die Verdächtige festgestellt, dass das Mädchen nicht mehr geatmet habe. Es sei blass und leblos gewesen. So zumindest die Version, die die Erzieherin in einer ersten Vernehmung, noch als Zeugin, aufgetischt habe.

Doch die Ermittlungen zeichneten ein vollkommen anderes Bild. Spätestens mit dem Obduktionsergebnis stand für die Beamten fest: "Es muss eine Fremdeinwirkung gegen das Kind stattgefunden haben", sagte Mordkommissionsleiter Roßkamp. Die einzige Person, die im Tatzeitraum den Schlafsaal betreten haben könne, sei die 25-Jährige gewesen. Sie wurde fortan nicht mehr als Zeugin sondern als Beschuldigte geführt und verweigert seither die Aussage. Seit dem 19. Mai sitzt die Frau in Untersuchungshaft, wegen Mordverdachts.

Offenbar weitere Misshandlungen vor Viersener Fall

Bei ihren Ermittlungen stieß die Polizei "mit Erschrecken", so Roßkamp, auf eine ganze Reihe von ähnlichen Vorfällen in der Vergangenheit der Verdächtigen – an jeder ihrer beruflichen Stationen.

Ein erster Fall ereignete sich demnach während ihres sogenannten Anerkennungsjahrs am Ende der Ausbildung zur staatlich-geprüften Erzieherin an einer Kita in Krefeld. Im November 2017 sei die junge Frau dort erstmals zur Überwachung des Mittagsschlafs eingeteilt gewesen. Nach etwa 30 Minuten habe sie ihre Kollegen alarmiert, weil ein dreijähriger Junge Ausfallerscheinungen zeigte: Sein Körper sei ohne jegliche Spannung gewesen, die Augen verdreht, er sei nicht ansprechbar gewesen. Ein Notarzt rettete dem Kind womöglich das Leben. Nachforschungen zur Ursache für den kritischen Zustand des Jungen blieben ohne Ergebnis.

Staatsanwaltschaft und Polizei berichteten von weiteren vergleichbaren Situationen – mehrfach mussten Notärzte zu Hilfe eilen. Unter anderem soll an einer Kita in Kempen, an der die Verdächtige 2018 und 2019 tätig war, ein zwei Jahre alter Junge unter ihrer Obhut in Atemnot geraten sein – aus unbekannter Ursache. Im Oktober 2019, an einer Einrichtung in Tönisvorst (Kreis Viersen) habe ein Kind beim Wickeln durch die Erzieherin plötzlich einen Atemstillstand erlitten – ein alarmierter Notarzt rettete auch dieses Mädchen. Es habe seinen Eltern später berichtet, die Verdächtige habe ihm fest mit der Hand auf den Bauch gedrückt. Konsequenzen: außer Gesprächen offenbar keine.

Am 1. Januar 2020 begann die 25-Jährige ihre Arbeit an der Kita in Viersen, so die Ermittler. Der Tag der Tat am 21. April war schon ihr vorletzter tatsächlicher Arbeitstag, Ende April endete das Arbeitsverhältnis endgültig, nach Angaben der Stadt auf eigenen Wunsch.

Bereits bei den vorherigen Arbeitgebern endete die Beschäftigung stets nach spätestens einem Jahr, bei einem sogar schon nach der Probezeit. Die Frau wurde von ihren Vorgesetzten nach Erkenntnissen der Polizei wiederholt als "nicht geeignet" für den Beruf der Erzieherin beschrieben, als empathielos und unfähig, eine Beziehung zu Kindern aufbauen zu können. Bei Konflikten zwischen Kindern habe sie tatenlos zugesehen. "Die hätten sich mit Eisenschippen schlagen können", ohne dass sie eingegriffen hätte, schilderten die Ermittler. Die Zeugnisse seien stets schlecht ausgefallen.

Überfall auf sich selbst vorgetäuscht?

Nach keinem der Vorfälle in den drei Kitas wurde die Polizei informiert. Es fand sich bis dato nur ein Eintrag zu der Beschuldigten in den Akten: Im Mai 2019 habe sie einen Überfall auf sich vorgetäuscht und sich dabei selbst mit einem Messer verletzt. Die Ermittlungen wurden eingestellt.

Die Beamten befürchten nun, dass noch weitere Misshandlungsfälle ans Licht kommen. Erst kürzlich haben sich bei ihnen Eltern gemeldet, die den Verdacht äußerten, auch ihrem Kind habe die Erzieherin etwas angetan.

"Wenn ein Kind stirbt, löst das große Betroffenheit selbst bei hartgesottenen Ermittlern aus", zeigte sich der Mönchengladbacher Staatsanwalt Lothar Gathen fassungslos auf der Pressekonferenz. Die Verdächtige schweigt seinen Worten zufolge in der Untersuchungshaft weiterhin, ein psychiatrisches Gutachten wurde noch nicht erstellt. Die Staatsanwaltschaft wolle jetzt "möglichst zügig" zu einer Anklage kommen, wegen Mordes und Mordversuchs.

Die Ermittler haben durch ihre Pressekonferenz mit Gerüchten aufräumen können – und doch viel neue Fragen aufgeworfen. Wieso konnte eine Frau mit einer solchen Vorgeschichte weiterhin mit Kindern arbeiten? Wieso schlug niemand nach den früheren Vorfällen Alarm? Die vielleicht wichtigste und am schwierigsten zu beantwortende Frage steht jedoch auf einem Schild an einem Plüschhasen, den Trauernde vor der Kita "Steinkreis" in Viersen abgelegt haben: "Warum?"