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Aufsehenerregender Fall: Furchtbares Ende eines Martyriums: New Yorker Polizist lässt kleinen Sohn in Garage erfrieren

Dieser Fall bewegt New York seit Wochen: Ein kleiner Junge stirbt nach eisiger Nacht in Vaters Garage. Wie sich zeigt, war der Kältetod des Kindes das traurige Ende eines kurzen Lebens voller Misshandlungen und Erniedrigungen. Und die Behörden schauten weg.

Michael V. und Angelina P. aus New York

Angeklagt wegen Mordes weil sie den achtjährigen Thomas V. in einer Garage erfrieren ließen: Michael V. und seine Verlobte Angelina P.

Bill de Blasio konnte nicht an sich halten. Eigentlich sollte sich ein Amtsträger zu einem laufenden Verfahren möglichst neutral äußern, doch in diesem Fall wurde New Yorks Bürgermeister deutlich. "Wissen Sie, das ist jemand", sagte de Blasio während einer Pressekonferenz in Brooklyn, "sollten sich alle Fakten bestätigen, ist das jemand, der nach meiner Meinung in der Hölle brennen sollte." Das war Ende Januar. Nichts, was seither bekannt wurde, ist dazu angetan, de Blasio zu besänftigen. 

Was den Bürgermeister des Big Apple und Millionen Einwohner der Stadt besonders aufwühlt, ist, dass schlimme Vorwürfe einen Mann treffen, der geschworen hatte, die Stadt und ihre Bürger zu schützen. Der 40 Jahre alte Michael V., ein verdienter und anerkannter Beamter des New York Police Departments (NYPD), tat aber genau das nicht – und zwar ausgerechnet bei mindestens zweien seiner eigenen Kinder. Eines, den acht Jahre alten Thomas, genannt Tommy, sperrte der Polizist in einer eisigen Nacht in der Garage seines Hauses ein. Der Junge starb schließlich an Unterkühlung. Michael V. und seine zwei Jahre ältere Verlobte Angelina P. sind nun wegen "Mordes zweiten Grades" angeklagt, im US-Recht versteht man darunter einen Mord ohne Heimtücke. Und wie sich immer mehr zeigt: Der Junge hätte niemals in der Obhut des 40-Jährigen bleiben dürfen, doch die Justiz war offenbar blind und Hilferufe wurden überhört.

Michael V.: Hinweise können nicht stimmen

Der Fall bewegt die New Yorker seit Wochen. Er begann mit einem Notruf am Morgen des 17. Januar, wie die "New York Post" berichtete. Michael V. hatte ihn selbst abgesetzt. Der Polizist, der inzwischen vom Dienst suspendiert wurde, berichtete, sein Sohn Thomas sei in der Einfahrt seines Hauses in Center Moriches auf Long Island gestürzt, während er auf den Schulbus gewartet habe. Dabei habe er das Bewusstsein verloren. Als die Helfer vor Ort eintrafen, hatte V. den Jungen in den Keller des Hauses gebracht und versuchte, den Achtjährigen wiederzubeleben. In aller Eile wurde Tommy in ein Krankenhaus gebracht. Dort konnten die Ärzte nur noch den Tod durch Unterkühlung feststellen. Die Körpertemperatur des Kleinen zu diesem Zeitpunkt: gerade einmal 24 Grad.

Weitere Ermittlungen ergaben, so berichten US-Medien übereinstimmend, dass die Angaben V.s nicht stimmen konnten. Einer Ersthelferin fiel auf, dass der Junge Kopf- und Gesichtsverletzungen hatte, "die nicht zu den Angaben passten", wie Geraldine Hart, Kommissarin bei der zuständigen Suffolk County Polizei, während einer Pressekonferenz sagte. Laut der Helferin habe Tommy Schleifspuren im Gesicht gehabt, "so als sei er über Straßenpflaster geschleift worden", berichtete sie dem New Yorker TV-Sender Pix11. Er habe nur eine Jogginghose getragen, sein Körper sei eiskalt gewesen. Zudem fand die Polizei heraus, dass der Junge am fraglichen Morgen gar nicht in der Einfahrt des Hauses gewesen sein konnte. "Wir sind sicher, dass Thomas vor seinem Tod über Nacht in der Garage festgehalten wurde", so Kommissarin Hart. Michael V. und seine Verlobte wurden festgenommen.

"Sie flehten buchstäblich um Essen"

"Ich verstehe nicht, wie ein Mensch einem so etwas Kind antun kann", zeigte sich de Blasio schockiert. Dabei wusste der Bürgermeister zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass der kleine Tommy und sein zehn Jahre alter Bruder Anthony – zwei von insgesamt sechs Kindern der Patchworkfamilie – vor dem Kältetod des Kleinen ein Leben voller Entbehrungen und Misshandlungen erdulden mussten. Sie wurden "auf eine Weise behandelt, die geradezu grausam, gefühllos, mutwillig und böse war", sagte Staatsanwältin Kerriann Kelly während der ersten gerichtlichen Anhörung zu dem Fall. 

Nach Angaben Kellys wurde bereits 2017 offensichtlich, dass die Jungen vernachlässigt und misshandelt wurden. "Sie aßen die Krümel von den Tischen, aßen Essensreste aus dem Müll und suchten sogar unter der Tribüne der Turnhalle nach Nahrung." Und weiter: "Sie bettelten buchstäblich um Essen in der Schule." Den Jungen wurde offenbar regelmäßig das Frühstück verweigert. Wie es heißt, hätten sie hungern müssen, weil sie nicht dazu bereit gewesen seien, die neue Geliebte ihres Vaters "Mama" zu nennen.

Angeklagte machten sich auch noch lustig

Doch damit nicht genug: Zeitweise erschienen die Jungen nach Urin und Kot stinkend in der Schule; an einem Tag seien sie dermaßen verwahrlost gewesen, dass Tommys Turnschuhe bei jedem Schritt quietschten – feucht vor Urin. Zudem wiesen beide Jungen häufiger blaue Flecken und Schnittwunden auf, so die Staatsanwältin. Immer wieder hätten es die Brüder abgelehnt, in den Pausen nach draußen zu gehen, weil sie durchgefroren waren. Staatsanwältin Kelly: "Ihre Hände und Wangen waren leuchtend rot und fühlten sich eiskalt an." Das Schulpersonal habe den Jungen Kleidung zugesteckt – "im Geheimen, um weitere Bestrafungen zu vermeiden."

Den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft zufolge hatten Michael V. und seine Verlobte vor allem für den kleinen Tommy nur Missachtung und Gehässigkeit übrig. So soll V. auf den Kältetod des Jungen im Krankenhaus lakonisch reagiert haben: "Ich habe schon stressigere Dinge erlebt als das." In einem Handy-Clip von Angelina P., den die Staatsanwältin vor Gericht zitierte, wird die gesamte Verachtung speziell für Tommy deutlich. Darin schreibt Angelina P. an ihren Lebensgefährten, sie wolle den Jungen nicht in die Schule schicken, weil: "Ich habe keine Kleidung für das Stück Scheiße, Thomas, der geht nirgendwohin." Als Antwort textete V. zurück: "Oh Gott, es scheint, als müsse er gehen. Schade, dass er kein Badezimmer hat." Offenbar war Tommy zu diesem Zeitpunkt einmal mehr über lange Zeit eingesperrt gewesen, ohne sich waschen zu können. "Ja, wirklich", schrieb Angelina P. sarkastisch zurück, "wenn er doch nur in ein Badezimmer könnte."

17 Notrufe, aber die Behörden reagierten nicht

Ein weiterer Aspekt, der die New Yorker umtreibt: An dem Tod des kleinen Tommy scheinen auch die Behörden nicht schuldlos zu sein. Die leibliche Mutter der misshandelten Brüder, Justyna Z.-V., erhob gegenüber der New Yorker Presse schwere Vorwürfe. Bei Polizisten und Sozialarbeitern, Anwälten und Richtern habe sie darauf aufmerksam gemacht, was ihre Söhne bei ihrem Ex-Ehemann Michael V. erdulden müssten. Von sexuellem Missbrauch, Hunger, Gehirnwäsche, Schlägen, womöglich gar Kinderpronografie habe sie berichtet, doch die besorgte Mutter fand offensichtlich kein Gehör. Im Gegenteil: Wie die "New York Post" berichtet, glaubte ihr nicht nur niemand, man stellte sie sogar als gekränkte Frau hin, die sich wegen der Scheidung nur habe rächen wollen. Laut Gerichtsakten bezeichnete sie ein Staatsanwalt am Familiengericht des Suffolk County gar als "psychisch krank" und als Frau, die "in Gewahrsam" gehöre. Ein Richter sprach schließlich Michael V. das Sorgerecht zu – ein fataler Fehler, wie sich herausgestellt hat.

Warum Justyna Z.-V. kein Gehör fand, ist für in die Sache involvierte Experten unklar. Eine Expertin für Autismus, die mit den an einer leichten Form der Krankheit leidenden Tommy und Anthony arbeitete, wird zitiert mit den Worten: "Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass er ein Polizist war. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass er mächtige Freunde an mächtigen Orten hatte. Das hat für mich keinen Sinn ergeben." Die staatliche Hotline für Kindesmisshandlungen soll nachweislich 17 Hinweise auf die Zustände im Haus von Michael V. erhalten haben, doch in lediglich vier Fällen seien diese Hinweise untersucht worden. Geschehen ist letztlich nichts. Warum nicht, bleibt vorerst unklar, interne Ermittlungen sollen angestrengt worden sein. "Unter dem Strich muss man sagen, sie war keine Verrückte", sagte eine Nachbarin aus Center Moriches gegenüber der Presse, "sie hatte absolut recht."

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Früheres Kindermädchen belastet Angelina P.

Ein ehemaliges Kindermädchen bestätigte vergangene Woche in einer TV-Sendung zusätzlich, dass die Kinder nichts zu lachen hatten. "Sie wurden alle beschimpft", sagte Amanda W. Ein Jahr lang habe sie von 2017 bis 2018 in dem Haus in Center Moriches gearbeitet und in dieser Zeit seien die drei Söhne von Michael V. sowie die drei Mädchen von Angelina P., alle Kinder stammen aus anderen Beziehungen der beiden, praktisch andauernd "verbal missbraucht" worden, drückte es die Nanny aus. Das ständige Traktieren der Kinder habe sie schließlich nicht mehr ausgehalten. "Jeden Tag kam ich weinend nach Hause, weil ich nichts dagegen tun konnte", berichtete Amanda W. in der Sendung. Deshalb habe sie den Job schließlich aufgegeben.

Vom Kältetod des kleinen Tommy abgesehen, könne sie nur hoffen, dass Michael V. und Angelina P. als Strafe dieselbe Tortur erleben müssten wie ihre Kinder, sagte W. in der Sendung. Sie bestand darauf, dass P. die Schlimmere der beiden sei. "Schon komisch, wie sie jetzt versucht, sich als Opfer von Mike darzustellen", sagte Amanda W. im TV, dabei sei sie in Wahrheit die treibende Kraft hinter den Misshandlungen und Erniedrigungen der Kinder gewesen. Sie habe den Ton vorgegeben und Michael V. sei ihr gefolgt.

Auch das Kindermädchen findet keine Erklärung, wieso die Kinderschutzdienste (CPS)  trotz wiederholter Meldungen nichts unternommen hätten. Den CPS sei schon vor einem Jahr gemeldet worden, dass Tommy in einer Garage schlafen müsse und die Jungen in Gefahr seien zu verhungern. Amanda W.: "Hätten die CPS ihren Job gemacht, wäre Thomas wahrscheinlich noch bei uns."

Für den 24. Februar ist der nächste Gerichtstermin in dem Fall anberaumt.

Quellen: "New York Post", CNN, Pix11, "True Crime OZ"