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Prozess um Mordkomplott: "Wie lange lebt denn diese Schlampe noch?"

Die junge Pferdewirtin Christin R. musste sterben, weil ihr Ex-Freund und dessen Mutter 2,5 Millionen Euro aus gefälschten Lebensversicherungen kassieren wollten. In Berlin hat der Prozess begonnen.

Von Werner Mathes, Berlin

Frühmorgens hatte eine Spaziergängerin die Leiche gefunden, im Gebüsch am Trampelpfad zwischen der Gartenkolonie Wiesenblick und dem Freibad Lübars. Die 21-jährige Christin R. war erdrosselt worden. Am Abend zuvor, so ihre Mutter, hatte sich die Pferdewirtin mit ihrem Freund Robin H. am Parkplatz des Freibads im Berliner Bezirk Reinickendorf treffen wollen, nur wenige hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt.

Robin H., der mit seiner Mutter Cornelia einen Pferdehof im brandenburgischen Havelland betrieb, geriet schnell in Verdacht, die junge Frau am Abend des 20. Juni des vergangenen Jahres umgebracht zu haben. Eine Beziehungstat, vermutete die Polizei zunächst. Und nahm den heute 24-jährigen Springreiter und Pferdewirt schon tags darauf fest – wegen des Verdachts auf Totschlag.

Doch Christin R. war nicht im Affekt getötet worden, nicht nach einem Streit, der unglücklich eskalierte. Das Mädchen fiel einem äußerst kaltblütig geplanten Mordkomplott zum Opfer. Auf Christins Namen waren nämlich acht Lebensversicherungen mit einem Gesamtwert von 2,5 Millionen Euro abgeschlossen gewesen. Einziger Begünstigter im Todesfall: Robin H., ihr Freund. Außer ihm und seiner 56-jährigen Mutter stehen nun drei weitere Personen wegen gemeinschaftlichen Mordes vor dem Berliner Landgericht: die 27-jährige Fleischverkäuferin Tanja L., die mit Robin H. liiert war, deren Bruder Sven L., 24, und der 22-jährige Steven Mc A., der die Pferdewirtin getötet haben soll.

Zwei Jahre vor der Tat kennen gelernt

Christin R., schon seit ihrer Kindheit eine Pferdenärrin, hatte Robin H. zwei Jahre vor der Tat kennen gelernt. Sie war Auszubildende, wollte Pferdewirtin werden; er hatte den Beruf bereits gelernt und reiste als Springreiter von Turnier zu Turnier. Nach dem Tod des Vaters war er nach Nordrhein-Westfalen umgezogen, wohnte mit seiner Mutter in Bocholt und ritt für den Reiterverein Rhede e. V. im Münsterland. Cornelia H. hatte offenbar vor, ihrem Sohn eine Existenz aufzubauen. Sie interessierten sich für Gestüte, ließen sich Kostenvoranschläge für Pferdeboxen und andere Anlagen schicken – und landeten schließlich im havelländischen Wutzetz.

"Die saßen hier am Tisch", sagt Dr. Karl Ziegler, Reitstall-Besitzer und Internist mit Praxis in Berlin, "Mutter und Sohn H. und Christin, die mir als Robins Verlobte vorgestellt wurde." Ziegler wollte das Gestüt nebenan verpachten, hatte es bundesweit inseriert. Es besteht aus den Stallungen mit kleiner Wohnung für den Pferdeknecht, einer Scheune, zwei Reitplätzen, drei Hektar Weideland und einem Haus mit drei Wohnungen. Das schmucke Anwesen am Wutzetzer Dorfring sollte monatlich 2500 Euro Pacht kosten, der Vertrag ab Mitte Oktober über fünf Jahre laufen.

In die Wohnung im Erdgeschoss zogen Robin H. und Christin R. mit ihren beiden Doggen ein. Das Apartment unterm Dach hatte sich Cornelia H. eher spartanisch eingerichtet. Und im Keller war das Büro der Firma "Sportpferde Cornelia H." untergebracht. Im Stall standen zeitweise acht Fohlen und acht erwachsene Pferde, die beritten wurden. Während Mutter Cornelia, die mal eine Versicherungsagentur unterhalten haben soll, unter der Woche als Baufinanzberaterin in einer Bank in Mecklenburg-Vorpommern arbeitete und Robin ständig als Springreiter unterwegs war, schuftete Christin von früh bis spät auf dem Hof.

Messerangriff auf Christin R.

Im November 2011 musste sie eingewilligt haben, eine Risikolebensversicherung über fast 250.000 Euro abzuschließen, weil auch Robin sie im Gegenzug so absichern wollte. Dafür ließ sie sich ärztlich untersuchen und unterschrieb am 1. Dezember. Was sie nicht wusste: Sieben weitere Lebensversicherungen liefen später auf ihren Namen, die letzte war wenige Wochen vor ihrem Tod unterzeichnet worden – allesamt mit gefälschten Unterschriften.

Karl Ziegler bemerkte im Frühjahr vergangenen Jahres erstmals, dass das Geld seiner Pächter offenbar knapp wurde. "Die Pferde sahen ausgehungert aus", erinnert er sich, "und das Mädchen war meist allein auf dem Hof und konnte sich noch nicht mal Lebensmittel leisten." Gelegentlich reiste dann Christins Mutter aus Berlin an und fuhr mit ihrer Tochter zum Einkauf nach Friesack in den "Norma"-Markt. Auch die monatlichen Pachtbeträge gingen nur noch unregelmäßig ein, bis sie gar nicht mehr überwiesen wurden.

Am 9. April 2012 kommt es zu einem dramatischen Zwischenfall im Wutzetzer Wohnhaus. Da greift Cornelia H. unvermittelt Christin mit einem Messer an, stößt es ihr in den Rücken. Als sich die junge Frau verzweifelt wehrt und um Hilfe schreit, lässt Cornelia H. von ihr ab. Und sie simuliert einen Nervenzusammenbruch: "Wo bin ich? Wer bist du? Was ist passiert?" Robin, der kurz darauf eintrifft, rast mit der verletzten Christin in ein Krankenhaus, wo sie mehrere Tage auf der Intensivstation verbringen muss.

Knastbruder tötet für 1000 Euro

Danach zieht Christin in Wutzetz aus und bei ihren Eltern in Lübars wieder ein. Robin hält weiterhin Kontakt zu ihr, telefoniert viel, besucht sie häufig. Gegen seine Mutter wird wegen Körperverletzung ermittelt, weil Christin Anzeige erstattet hat. Cornelia H., die psychotherapeutisch behandelt worden sein soll, habe die Tat, so vermutete damals die Polizei, womöglich unter dem Eindruck einer psychischen Angststörung begangen. Aber die Ermittler gehen schließlich davon aus, dass die Messer-Attacke ein Mordversuch war, damit Robin endlich an das Geld aus den Lebensversicherungen kommt.

Der hat mittlerweile eine neue Verehrerin, Tanja L. aus Dorsten in Nordrhein-Westfalen, wie Christin eine begeisterte Reiterin. Christin kennt Tanja, denkt aber, sie sei nur eine Kollegin von Robin. Aber auch Tanja träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit Robin auf dem Gestüt in Wutzetz. Und nimmt dafür sogar in Kauf, zur Mörderin zu werden.

Unter dem Vorwand, ein Pferd kaufen zu wollen, trifft sich Tanja mit Christin auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Glienicke. Die Frauen trinken Sekt aus Plastikbechern. In Christins Becher hat Tanja heimlich Kaliumchlorid geschüttet. Robin hat ihr dafür 50.000 Euro in Aussicht gestellt. Doch der Anschlag misslingt, weil das Gift nur tödlich wirkt, wenn es gespritzt wird. Sie schaltet ihren Bruder Sven ein, einen Kleinkriminellen, der in Dortmund wohnt, fragt ihn, ob er jemanden weiß, der für Geld töten würde. Sven L. hört sich um und schlägt seinen Kumpel Steven Mc A. vor, den er aus dem Knast kennt. Der ist einverstanden und soll dafür 500 Euro bekommen – noch mehr, wenn die Versicherungen gezahlt haben. Auch Tanjas Bruder kriegt 500 Euro.

Mord bei einer Flasche Sekt

Am Nachmittag des 20. Juni ruft Robin H. Christin an, verabredet sich mit ihr am Parkplatz des Freibades. Dort hat sich auch Steven Mc A. versteckt und wartet auf seinen Einsatz. Doch Christin kommt mit einer Freundin. Sie will ihren Ex-Freund offenbar nicht allein treffen. Nach einer kurzen Unterhaltung mit Robin gehen die beiden Frauen wieder. Wenig später ruft Robin erneut an, sagt, er habe ein Pferd verkauft und wolle ihr einen Scheck geben. Christin hat nämlich noch Lohn zu bekommen für ihre Arbeit auf dem Wutzetzer Hof. Tanja sei auch da, sie freue sich, Christin wiederzusehen. Gegen 22 Uhr ist Christin wieder am Parkplatz, diesmal ohne Begleitung ihrer Freundin. Robin und Tanja haben eine Flasche Sekt geöffnet, unterhalten sich mit der arglosen Christin – bis Steven Mc A. plötzlich auftaucht und das Mädchen angreift. Robin und Tanja müssen zugesehen haben, wie Steven Mc A. Christin mit einem Seil würgte, bis sie schließlich leblos zusammensackte. Es dauerte laut Anklage noch einige Minuten, bis Christin tot war. Als der mutmaßliche Mörder auf ihr kniete, soll er gebrüllt haben: "Wie lange lebt denn diese Schlampe noch?"

Auch Tanjas Bruder Sven hatte sich offenbar am Tatort aufgehalten. Auf die Spur der Geschwister und des Auftragsmörders Steven M. waren die Ermittler nämlich durch die Auswertung von Funkdaten gekommen – in der nächst gelegenen Funkzelle waren zum Tatzeitpunkt nicht nur Christins und Robins Mobiltelefone eingeloggt, sondern auch die Handys der drei Komplizen aus Nordrhein-Westfalen.

Angeklagte schweigen vor Gericht

Nach ihrer Festnahme gestand Tanja L. ihre Tatbeteiligung. Sie will auch im Prozess aussagen, der am 8. April fortgesetzt und voraussichtlich bis Juni dauern wird. Die anderen Angeklagten schweigen am ersten Verhandlungstag zu den Vorwürfen. Ihnen drohen lebenslange Haftstrafen. Wenn Robin H. verurteilt wird, werden die Versicherungen natürlich keinen einzigen Euro an ihn zahlen müssen.