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Emanzitiert: Der Fall Susanna: Die große Show

Sie haben ihn! Bei der Rückführung des mutmaßlichen Mörders Ali B. setzten Polizei und Boulevard auf die Macht der Bilder. Mit Erfolg – doch ein ungutes Gefühl bleibt.

Ali B., der Tatverdächtige im Todesfall Susanna, wird von Polizisten zu einem Polizeihubschrauber gebracht

Ali B., der Tatverdächtige im Todesfall Susanna, wird von Beamten einer Spezialeinheit aus dem Justizzentrum in Wiesbaden zu einem Polizeihubschrauber gebracht und in eine Justizvollzugsanstalt geflogen

DPA

Es sind beeindruckende Bilder, die wir da vorgeführt bekamen. Der mutmaßliche Täter im weißen Sicherheitsoverall. Er trägt Hand- und Fußfesseln, wird von zwei kräftigen Polizisten mit Gesichtsmaske mehr über den Platz geschleppt als geführt, auf einen Hubschrauber zu, dessen drehender Propeller die perfekte Kulisse abgibt, der Flug geht in die JVA I in Frankfurt-Preungesheim.

Damit nicht genug, stehen rundherum Spezialkräfte, die Waffe im Anschlag – wohl für den Fall, dass der schmächtige Tatverdächtige sich erst von den Fuß-, dann von den Handfesseln befreien, die beiden Polizisten k. o. schlagen und anschließend den Hubschrauber entführen könnte. Keine Sorge, liebes Deutschland, sollen diese Bilder uns vermitteln, die Gerechtigkeit hat gesiegt.

Deutschland hat einen neuen Helden

Für die 40-minütige Fahrt in die Haftanstalt hätte es auch ein Transporter, vielleicht noch mit Polizeischutz, getan. Aber beim mutmaßlichen Mörder von Susanna F. setzte die Polizei in allen Details auf die ganz, ganz große Show. Der Chef der Bundespolizei persönlich flog nach Erbil in der Autonomen Region Kurdistan, um den Mörder zu übernehmen, der Boulevard berichtete förmlich im Stundentakt von der Verhaftung und Rückführung von Ali B.: "Hier wurde er verhaftet!" – "Unter diesem Rosenbusch hat er geschlafen!" – Hier eine Nahaufnahme, bitte sehr! – "So wird sein Knast-Alltag".  Den Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, zeigt "Bild" als jungen "Rominator" beim Karatekampf. Deutschland hat einen neuen Helden.

Das Vorgehen des Chefs der Bundespolizei war engagiert. Aber ihm war wohl auch klar, dass er schnell Ergebnisse liefern musste. Der Fall Susanna ist heikel. Es ist der eine Mord durch einen Asylwerber, der die öffentliche Stimmung zum Kippen bringen könnte, was wahrscheinlich den Ausbruch neuer Gewalt, diesmal gegen Asylwerber, zur Folge hätte. Nein, das wütende Volk musste schnell wieder milde gestimmt werden. Als Profi wusste Romann, dass gute Krisen-PR nicht ohne schneidige Bilder auskommt. Die kriegt man mit maskierten Spezialeinheiten und dem filmreifen Abführen zum Hubschrauber.

Die Übung ist gelungen. "Der Polizei-Chef hat das Vertrauen wiederhergestellt", erklärt der Unions-Fraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer, die Aufregung in den sozialen Netzwerken ist merklich zurückgegangen, der Mob zieht zufrieden weiter.

Der Pöbel soll ruhig gestellt werden – heute wie damals

Wir merken oft vor lauter Technik nicht, wie mittelalterlich wir immer noch agieren. Im Grunde besteht kein großer Unterschied zu der Sitte, einen endlich ergriffenen Verbrecher erst mal dem Pöbel zu präsentieren, wenn möglich in einem von der Decke hängenden Käfig, bevor er – ebenso öffentlich – seiner gerechten Strafe zugeführt wird.

Zugegeben, heutzutage ist das Prozedere nicht mehr so drastisch. Der Pöbel nennt sich jetzt "Öffentlichkeit" und kommentiert das Geschehen nicht vor Ort, sondern aus der Sicherheit der eigenen vier Wände, statt faulem Obst fliegen die Finger über Tastatur und Touchscreen. Den "Käfig" stellt die Boulevardpresse zur Verfügung, indem sie das Gesicht des mutmaßlichen Mörders zeigt und ihn bei seinem (immerhin vielleicht nicht richtigen) vollen Namen nennt – seht her, so heißt er, so sieht er aus, der "Mädchen-Killer"!

Dass selbst ein Mörder Rechte hat, etwa auf die Wahrung seiner Persönlichkeitsrechte, dass man ihm mit dieser marktschreierischen Begleitmusik zudem ein übermenschliches Format verleiht, was eher schadet als nützt – egal. Man spekulierte wohl darauf, dass sich die Beschwerden über ein unverpixeltes Gesicht in Grenzen halten werden bei so einem Monster. Und man behielt recht: Das Volk applaudiert seinem Helden und ist’s vorerst zufrieden.

Dass der Fall Susanna das Potenzial hat – noch mehr als der Bamf-Skandal – einen Wendepunkt im öffentlichen Umgang mit den Schwachpunkten des Asyl- und Justizsystems einzuleiten, war vielen schon vor dem Wochenende klar. Und hat nicht auch die Bundeskanzlerin gestern im Fernsehen gesagt, jetzt müsse man nachjustieren? Diese Wende ist wichtig, besonders im Sinne der Asylwerber, die als erste die Wut des Pöbels – Pardon: der Öffentlichkeit – zu spüren bekommen. Es bleibt bloß ein seltsames Gefühl zurück, wenn jene, die vorgeben die Zivilisation gegen mittelalterlich denkende Eindringlinge zu verteidigen, selbst ziemlich mittelalterliche Mittel ergreifen, um dies zu kommunizieren.

Zum Shitstorm? Zur Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post.