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Timo Tasche, der Demonstrant: "Da muss ich ein markantes Zeichen setzen!"

Ob Kindsmord oder Werksschließung. Kein deutsches Drama kommt ohne ihn aus: Timo Tasche. Er ist der Mann mit den Kerzen und dem Plakat mit der Aufschrift "Warum?". Der Arbeitslose erzählte nun stern.de, dass ihn die Ungerechtigkeiten antrieben, an jedem Katastrophenort zu demonstrieren.

Timo Tasche, 28, ist immer dort, wo etwas Schreckliches im Land passiert. Egal, ob eine Mutter ihre fünf Kinder tötet, wie im schleswig-holsteinischen Dörfchen Darry geschehen, beim Prozess gegen Peter Hartz in Münster, oder eben gestern vor dem Werkstor von Nokia in Bochum. Der arbeitslose Mann aus Marl reist seit 2001 immer dorthin, wohin sich die Kameras der Republik richten. Legendär sind seine selbst gebastelten Schilder. Markenzeichen: das mit roter Farbe gemalte Wort "Warum?".

Tasche hat sich zum Phänomen hochgearbeitet, seine Schilder kennen Millionen Bürger. Doch warum fährt der 28-Jährige immer zum wichtigsten Tatort des Tages? Was treibt ihn an? Gestern stand Tasche den ganzen Tag über, mit weißem T-Shirt, schwarzer Jacke, weißem Stirnband und blauer Hose vor dem Nokia-Werkseingang. Begonnen hatte alles 2001. Damals wurde Ulrike Brandt in Eberswalde ermordet. Und Timo Tasche begann zu demonstrieren. stern.de hat ihn in Bochum zu seinen Motiven befragt.

Guten Tag Herr Tasche: Was hat Nokia gemeinsam mit den toten Kindern von Darry?

Da gibt es eine Gemeinsamkeit. Ich finde, dass es Erstens zunächst eine Katastrophe ist. Und Zweitens eine Katastrophe für die Mitarbeiter des Mobilfunk-Herstellers Nokia. Das Werk ist quasi schon totgesagt. Das Werk stirbt. Und deshalb gibt es eine Gemeinsamkeit. Dort gab es auch eine Katastrophe, mit einem fünffachen Mord. Und hier ist es eine Katastrophe, sozusagen mit Betriebs-Mord.

Sind Sie ein Katastrophen-Tourist?

Nein, man könnte es eher so formulieren: dem Unheil hinterher! Ich bin ja nicht nur bei Katastrophen, sondern auch bei anderen Sachen. Das würde mir zu einseitig klingen.

Was treibt sie an?

Mich treiben die Ungerechtigkeiten an. Diese maßlose Gemeinheit. Denn ich wollte nach Darry eigentlich aufhören zu demonstrieren. Was sollte ich noch erreichen? Dann hörte ich das gestern von der Werksschließung bei Nokia in Bochum im Radio. Da habe ich mir gedacht "Mensch, verdammt noch mal, was ist denn da los?" Und dann habe ich mir gedacht: "Da muss ich doch jetzt ein neues, markantes Zeichen setzen!" Also mit Schildern. Nicht, dass der Betrieb aufgegeben wird. Wenn ich die Hilflosigkeit von anderen Menschen sehe, wie die rausgeschmissen werden. Und die können sich nicht dagegen wehren. Diese Menschen stehen dann auf der Straße. Das ist so eine Gemeinheit. Das regt mich auf. Das treibt mich an!

Haben Sie heute andere Schilder gemalt

Diese vier Schilder habe ich heute entworfen. Auf meinem ersten Schild steht "Demonstrieren, wie damals bei Opel."

Darf ich sie kurz korrigieren: da fehlt der Buchstabe "T" im Wort Demonstrieren.

Oh!

Tasche greift jetzt zu einem Pinsel, dunkelroter Farbe, und ergänzt den fehlenden Buchstaben.

Herr Tasche, da stehen auch Kerzen. Stellen Sie immer Kerzen vor den Tatorten auf?

Ja, Kerzen sind immer dabei, dort, wo etwas stirbt. Oder, wo etwas schon gestorben ist. Da kommen dann meine Kerzen ins Spiel.

Was ärgert Sie besonders?

Die Rücksichtslosigkeit. Die Menschen sind hilflos und die Bosse sind rücksichtslos.

Warum glauben Sie, wollen die Bosse von Nokia das Werk schließen?

Sie haben nur das Geld im Kopf. Ich habe gehört, dass sie in Rumänien 10 Mal billiger produzieren können, als hier in Bochum. Und das ist es. Die Mitarbeiter sind denen völlig egal. Mir geht der Zeitgeist auf den Zeiger. Alles dreht sich nur noch darum, günstig und billig zu produzieren! Und deshalb hat Nokia wohl diese Entscheidung getroffen. Die Entscheidung, hier weg zu gehen.

Glauben Sie, dass Nokia nun das Werk schließen wird?Ja, das glaube ich schon. Sie werden gehen.

Aber dann wäre ihr Protest doch sinnlos, Herr Tasche?

Ja, ich glaube die gehen, obwohl ich immer noch die leise Hoffnung habe, dass vielleicht, wenn demonstriert wird, wie bei Opel in Bochum, doch noch ein kleiner Funken Hoffnung besteht. Hoffnung, dass das Werk erhalten bleiben kann. Hoffnung wäre für mich, wenn dies hier genauso eine große Sache werden würde, wie damals bei Opel. Dass Menschen kommen, jeden Tag, um zu demonstrieren. Ich würde mich freuen, wenn sich andere Bürger mit den Mitarbeitern hier solidarisieren würden. Damals hatten sich bei Opel sogar die Opel-Auto-Clubs solidarisiert. Das war toll.

Besitzen Sie ein Mobiltelefon?

Ja, natürlich. Und das ist natürlich von Nokia.

Werden Sie in Zukunft keine Nokia Handys mehr kaufen?

Doch, wenn ich könnte, würde ich auch wieder ein Nokia-Handy kaufen. Wissen Sie auch, warum? Das ist gute Qualität, die aus Deutschland kommt und dieses Mobiltelefon ist mir schon ein paar Mal hin gefallen. Das hat bereits alles mitgemacht. Und dass hält immer noch.

Interview: Matthias Laurer