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Weihnachtsmärkte: Glühwein on the rocks

Der Advent naht, die Weihnachtsmärkte eröffnen. Aber wer will bei strahlendem Sonnenschein Glühwein trinken? Die Budenbesitzer retten sich in Galgenhumor - und hoffen auf schlechteres Wetter.

Von Lutz Kinkel

Eine Schneekanone. Das wär's. Christoph Neuert, 31, hat sich schon mal im Internet umgeschaut und die Mietkosten abgefragt. "Die Kanone müsste von hinten über den Stand hinweg blasen. Vorne würde es dann schneien", sagt Neuert, der auf der Hamburger Fleetinsel einen Glühwein-Stand betreibt. Aber bei diesen Außentemperaturen - am Dienstag hat es in Hamburg gefühlte 15 Grad, man kann bequem in T-Shirt und Pulli auf die Straße - ähneln solche Ideen einer Fata Morgana. Die Realität sieht so aus: Die Sonne scheint, der Glühwein verdampft, Weihnachten scheint unendlich weit weg. Würstchen kann man derzeit verkaufen. "Und die Leute suchen nach Bier", sagt Neuert. "Aber hier gibt's keins".

Willkommen am Ballermann

Eine schöne Bescherung für die Händler und Schausteller, die diese Woche auf den deutschen Weihnachtsmärkten ihre Buden eröffnen. In Braunschweig geht es am Mittwoch los, in Augsburg am Donnerstag, der berühmte Nürnberger Christkindlmarkt startet am Freitag, spätestens am Samstag riecht es in der gesamten Republik nach Zimt, Nelke und Bratapfel. In Dortmund, wo einer der größten Märkte zuhause ist, sind die Holzfensterchen schon aufgeklappt. "Nun ja", sagt Sprecher Thomas Winkler, "es gibt Leute, die sagen, wir hätten statt des größten Weihnachtsbaumes der Welt die größte Palme der Welt aufstellen sollen". Und statt Glühwein sollte dann konsequenterweise Sangria ausgeschenkt werden. Willkommen am Dortmunder Ballermann.

Was sagen die Wetterfrösche? "Es wird knackenkalt", sagt Ansgar Engel, Meteorologe des Deutschen Wetterdienstes. "Aber nicht bei uns. Das ist das Problem." In Nordamerika, Kanada und Sibirien gäbe es bereits bestes Glühweinwetter, aber eben nicht in Deutschland. Für das erste Adventwochenende prognostiziert Engel ein bisschen Hochnebel, Sonne und Temperaturen zwischen sieben und zwölf Grad. Anfang kommender Woche könnte es etwas zugiger werden, muss aber nicht. Der Nikolaus kann dieses Jahr wohl im Hawaii-Hemd antanzen. Und wie das Wetter nach dem 6. Dezember wird - niemand weiß es.

Kein Absatz für heiße Getränke

"Die nächsten zwei Wochen sind entscheidend", sagt Stefanie Gerstacker, Geschäftsführerin eines großen Glühwein-Produzenten in Nürnberg. "Wenn es da nicht kalt wird, wird es schwierig." Noch hat sie keinen Umsatzeinbruch zu verbuchen, weil die Händler und Standbetreiber auf Vorrat gekauft haben. Aber die Saison ist kurz, schon an Weihnachten gehen im Glühweingeschäft die Lichter aus. Alternativen zum Glühwein hat Gerstacker nicht im Programm und neue Darreichungsformen treffen nicht jeden Geschmack. Eine Lieferung ihres Glühweins, erzählt Gerstacker, sei vor ein paar Jahren versehentlich in Texas gelandet. Dort wussten die Empfänger wenig mit dem Gebräu anzufangen - und tranken es ungerührt auf Eis.

P.S.: stern.de hat Glühwein on the rocks probiert. Es ist nur Hartgesottenen zu empfehlen.