"Artnapping" Millionendeals mit Meisterwerken


Wegen der hohen Preise auf dem Kunstmarkt haben Diebstähle aus Museen wie jetzt in Oslo in den vergangenen Jahren stark zugenommen. In der Regel sind die Auftraggeber keine besessenen Sammler, sondern Erpresser.

Sie sind Ikonen der Kunstgeschichte, Millionen wert und gelten als unverkäuflich. Kaum ein Händler würde sich an den gestohlenen Meisterwerken, nach denen weltweit gefahndet wird, die Finger verbrennen wollen. Und dennoch geraten Objekte dieser Größenordnung wie zuletzt die zwei Bilder von Edvard Munch in Oslo immer häufiger ins Visier des internationalen Kunstraubs. Die Auftraggeber sind fast nie besessene Sammler, sondern Erpresser: Sie versuchen von Museen oder Versicherungen Lösegeld zu bekommen. Von "Artnapping" spricht man inzwischen bei solchen Entführungen, deren Geiseln Kunstwerke sind - eine kriminelle Branche, bei der meist hinter den Kulissen Millionendeals zwischen Kunsträubern, Museen und Versicherungen laufen.

Motiv: Geld

Wegen der extrem hohen Preise auf dem Kunstmarkt hätten Diebstähle aus Museen in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagte Kunstdetektivin Ulli Seegers von der weltgrößten Datenbank Art Loss Register (ALR) in Köln in einem dpa-Gespräch. Ihr sei der berüchtigte pervertierte Sammler, der Bilderdiebstahl in Auftrag gibt, noch nie vorgekommen. Den Dieben gehe es immer um Geld, meinte Seegers in der "Financial Times Deutschland", und "Artnapping" hätten sie als eine Möglichkeit entdeckt, mit relativ wenig Risiko an ihr Ziel zu gelangen.

Der "irre Sammler" als Auftraggeber ist auch nach Ansicht von Kunsthistoriker und Publizist Stefan Koldehoff meist sicher auszuschließen. Kunstexperte Wolfgang Schönleber vom baden- württembergischen Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart, der im Munch-Fall fest mit einer baldigen Lösegeldforderung rechnet, betonte: Für den "Mythos des Kunstliebhabers", der den Raubzug in Auftrag gibt und die gestohlene Kunst dann im Keller aufbewahrt, fehle weltweit der Beleg - zumindest bisher. Allgemein sei die Aufklärungsquote bei namhaften Kunstdiebstählen niedrig, sagte der LKA-Beamte der dpa.

Gegenwärtig mehr als 100 000 Sammlerstücke vermisst

Joachim Leuther, Vorstand des renommierten internationalen Kunstversicherers Hiscox, sprach jüngst in einem Beitrag für das ZDF- Magazin "Aspekte" bei Kunstdiebstählen von inzwischen "60 bis 70 Prozent Artnapping". Pro Jahr würden im internationalen Kunstraubgeschäft mindestens sechs Milliarden Dollar umgesetzt, meinte er. Gegenwärtig seien mehr als 100 000 Sammlerstücke als vermisst gemeldet, darunter 569 Picassos, 262 Chagalls und 14 Kandinskys. Dass "Artnapping" meist erfolgreich ende, liege daran, dass die Museen ihre Werke zurück haben und die Versicherungen ihren Schaden begrenzen wollen. Die Versicherungen seien eher bereit, ein Lösegeld zu zahlen, wenn dieses - wie häufig der Fall - erheblich unter der Versicherungssumme liege.

Ob es beim bislang größten Kunstdiebstahl in Deutschland auch um "Artnapping" ging, ist bis heute offiziell nicht bekannt. Das vor zehn Jahren aus der Frankfurter Schirn geraubte Meisterwerk "Nebelschwaden" von Caspar David Friedrich - eine Leihgabe der Hamburger Kunsthalle - war vor fast genau einem Jahr wieder aufgetaucht. Das Hamburger Museum, dessen kaufmännischer Leiter über Monate mit dem Hehler telefonisch über die Rückgabe verhandelte, hat nach eigenen Angaben jedenfalls kein Geld dafür bezahlt. "Wir haben uns nicht erpressen lassen und sind auf keine Geldforderungen eingegangen", hatte Kunsthallen-Direktor Prof. Uwe Schneede immer wieder betont.

Dorit Koch/DPA DPA

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