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Abgestürzte Air-France-Maschine: Airbus soll mit falschem Tempo geflogen sein

Die in den Atlantik gestürzte Air-France-Maschine soll laut einem Medienbericht mit nicht angemessener Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein, als sie durch die Gewitterzone flog. Auch die These, der Airbus sei explodiert, wird neu genährt. Ein spanischer Pilot will über dem Atlantik einen grellen Lichtblitz gesehen haben.

Drei Tage nach dem Absturz der Air-France-Maschine über dem Atlantik gibt es immer neue Spekulationen über die mögliche Unglücksursache. Nach Informationen der französischen Tageszeitung "Le Monde" soll das Flugzeug mit 228 Menschen an Bord in der Gewitterzone über dem Meer nicht mit angemessener Geschwindigkeit geflogen sein. Der Airbus des Typs A330 sei mit falschem Tempo unterwegs gewesen, zitierte die Website des Blattes am Donnerstag einen nicht genannten Experten aus dem Umfeld der Ermittlungen.

Wie die Zeitung berichtete, wollte Airbus deshalb am Donnerstag in Abstimmung mit der französischen Luftfahrtaufsicht an alle Fluggesellschaften mit Maschinen des Typs A330 eine Empfehlung verschicken. Der europäische Flugzeugbauer werde die Besatzungen daran erinnern, dass sie "bei schwierigen Wetterbedingungen den Schub der Triebwerke beibehalten müssen". Airbus werde auch eine Geschwindigkeitsspanne nennen, die nötig sei, "um das Flugzeug auf Kurs zu halten", hieß es.

Das Unternehmen wollte den Bericht auf Anfrage nicht kommentieren und verwies auf die französische Luftfahrtaufsicht BEA, die mit den Ermittlungen zum Absturz der Maschine mit 228 Menschen an Bord betraut ist. In Airbus-Kreisen hieß es, bei solchen Unfällen sei es üblich, dass der Hersteller alle Nutzer einer Maschine über "spezifische Verfahren" oder Kontrollen informiere, die notwendig sein könnten.

Für Luftfahrtexperten ist die Empfehlung ein Hinweis auf einen möglichen Pilotenfehler. "Wenn das BEA eine Empfehlung so früh herausgibt, heißt das klar, dass sie wissen, was passiert ist", sagte der ehemalige Pilot Jean Serrat. "Und wenn sie wissen, was passiert ist, dann haben sie aus Sicherheitsgründen die Pflicht, eine Empfehlung zu geben, um zu vermeiden, dass das nochmal geschieht." Laut Serrat wird beim Flug durch Turbulenzen üblicherweise die Geschwindigkeit verringert. "Aber wenn man die Geschwindigkeit zu stark reduziert, stürzt man ab."

Nach Meinung eines deutschen Luftfahrtexperten sei die Variante mit dem falschen Tempo wenig glaubwürdig. "Der Spielraum für die Geschwindigkeit ist relativ schmal in dieser großen Höhe", sagte Heinrich Großbongardt. Fliege man zu langsam, reiße der Strömungsfluss ab, fliege man zu schnell, ebenso. "Das macht kein Pilot aus Versehen."

Ein weiterer möglicher Hinweis auf den Hergang der Katastrophe kommt von einem Piloten eines spanischen Linienflugzeugs: Er will beim Absturz der Air-France-Maschine über dem Atlantik einen Lichtblitz in der Nähe der Unglücksstelle gesehen haben. "Wir sahen plötzlich in der Ferne einen starken und intensiven Strahl von weißem Licht, der sich vertikal nach unten bewegte und sich dann in sechs Einzelteile auflöste", berichtete der Pilot nach Angaben der Madrider Zeitung "El Mundo" seiner Gesellschaft Air Comet.

"Nach sechs Sekunden war der Lichtschein verschwunden." Der Pilot hatte in der Nacht zum Montag eine Maschine auf der Route Lima-Madrid geflogen. Das Flugzeug befand sich nach Angaben der Zeitung zum Zeitpunkt des Absturzes der Air-France-Maschine im Gebiet rund um die Unglücksstelle. Der Flugkapitän berichtete, sein Co-Pilot und eine Passagierin hätten den Lichtblitz ebenfalls gesehen.

Nach Angaben der Zeitung könnte die Aussage des Piloten der Hypothese, wonach die Air-France-Maschine in der Luft explodierte, neue Nahrung geben. Airbus und Air France gaben zu den Beobachtungen keine Stellungnahmen ab.

Trotz intensiver Suche gibt es bislang keine Spur von den Opfern der Katastrophe. Die brasilianische Luftwaffe ortete zwar neue Wrackteile sowie eine lange Ölspur in dem Absturzgebiet etwa 1200 Kilometer nordöstlich von Brasiliens Festlandküste. "Es wurden (aber) keine Leichen und Überlebenden gefunden", sagte Verteidigungsminister Nelson Jobim am Mittwochabend (Ortszeit) in Brasília. Es gilt drei Tage nach dem Absturz des Airbus als nahezu unmöglich, dass jemand das Unglück überlebte.

Im Laufe des Donnerstags wurden weitere Schiffe der Marine in dem Seegebiet erwartet. Sie sollen eine Zone mit einem Radius von 230 Kilometer durchkämmen, die sich in der Nähe der Sankt-Peter-und-Pauls-Felsen, einer winzigen, kahlen und unbewohnten Inselgruppe im Atlantik, befindet. "Es gibt keinerlei Zweifel, dass die Absturzstelle an diesem Ort ist", sagte Jobim. Die Tageszeitung "Le Figaro" berichtete unter Bezug auf Ermittlungskreise, die Trümmer seien über mehr als 300 Kilometer verteilt. Dies spreche dafür, dass das Flugzeug in der Luft auseinandergerissen sein könnte. Grund könnten ein Bombenattentat, ein plötzlicher Druckabfall oder ein außergewöhnlich starkes Wetterphänomen sein. Das Amt für Unfallanalysen (BEA) in Paris hatte am Dienstag eindringlich vor Spekulationen über die Unglücksursache gewarnt.

Nach Informationen des Hamburger Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt sandte die Maschine vor dem Absturz eine ganze Reihe von Alarmmeldungen an die Air-France-Zentrale. Um 4.10 Uhr deutscher Zeit am Montagmorgen habe das System gemeldet, die Crew habe den Autopiloten abgeschaltet, um das Flugzeug von Hand zu steuern, sagte Großbongardt. "Dann gab es zwei bis drei Minuten lang eine Flut von Fehlermeldungen: Das Navigationsgerät fiel aus, die Bordbildschirme wurden schwarz und anderes." Die letzte Information kam demnach um 4.14 Uhr: "Der Kabinendruck fiel ab. Das war die letzte Meldung, die vom Flugzeug automatisch über Satellit an die Unternehmenszentrale gefunkt wurde", sagte Großbongardt. Somit habe sich die gefährliche Lage binnen Minuten zugespitzt. Er geht davon aus, dass eine starke Gewitterfront dem Flieger zum Verhängnis wurde.

Der Airbus vom Typ A330-200 war am Pfingstmontag auf dem Weg von Rio nach Paris abgestürzt. Die 228 Menschen an Bord kamen aus 32 Ländern, unter ihnen waren 72 Franzosen, 59 Brasilianer und 26 Deutsche.

AFP/DPA / DPA