Afrika Höllenritt am Himmel


Ein Drittel aller tödlichen Luftfahrtunfälle weltweit entfällt auf Afrika. Moderne Navigationsanlagen sind Mangelware, die Flugzeuge Veteranen des Jet-Zeitalters. Und oft müssen die Büffel erst von den Landepisten verjagten werden.

Das hässliche Geräusch am Fahrwerk verhieß nichts Gutes. Ein schrammendes Kratzen, ein kurzer Stoß, das war’s. Als der Pilot die Triebwerke der Boeing 727 abstellte und sich den Schaden besah, waren die Reisepläne von gleich vier afrikanischen Ministern erst einmal beendet. Auf dem Flugplatz Goma, an der Grenze zwischen Kongo und Ruanda, hatte der Jet Anfang Mai beim Rollen zur Startbahn einen Zaun getroffen. Ein kleines Missgeschick, spielte der Sprecher von Südafrikas Verteidigungsminister Mosiuoa Lekota die Angelegenheit herunter. Doch Lekotas oberster Dienstherr, Präsident Thabo Mbeki, prangerte nur wenige Tage später die Zustände auf Afrikas Flughäfen öffentlich an.

Tödliche Luftfahrtunfälle in Serie

"Der schlimme Zustand der Luftfahrtindustrie lässt eine Menge zu wünschen übrig", kritisierte er auf einer internationalen Konferenz vor rund zwei Dutzend afrikanischen Fachministern. In der Tat: An Afrikas Himmel lauert Gefahr. Mit 27 Prozent entfällt weltweit knapp ein Drittel aller tödlichen Luftfahrtunfälle auf den Kontinent. Und das, obwohl der Kontinent kaum drei Prozent zum Weltluftverkehr beiträgt. Offen wetterte Mbeki, der sich selbst vor kurzem einen modernen neuen Geschäftsreise-Jet zugelegt hat, auch gegen veraltete Flieger wie den seines Ministers.

Denn die Boeing 727 ist ein Veteran des Jet-Zeitalters, der in den USA oder Europa längst als Spritfresser und Umweltzerstörer vom Himmel verbannt wurde. Einige wenige Exemplare wurden mit viel Geld und Aufwand umgerüstet - der Rest oft günstig nach Afrika verkauft. Dort droht den fliegenden Oldtimern bei minimaler Wartung maximaler Einsatz unter rauen Bedingungen. Ein Großteil der gut 4000 Flugplätze und Landestreifen des Kontinents hat kaum mehr als einigermaßen ebene Schotterpisten. Oft muss der Pilot vor der Landung erst einmal Antilopen, Elefanten oder Büffel per Tiefflug verjagen. Moderne Navigationsanlagen sind Mangelware, meist vermeiden die Piloten Zwischenfälle durch eigene Positionsmeldungen im Funk.

"Mir ist klar, dass wir uns verpflichtet haben, die Unfallzahlen bis 2015 zu halbieren, doch das macht schnelle Beschlüsse bei der Verwaltung des oberen Luftraums und der Operationen am Boden nötig", mahnte Mbeki gerade mit Blick auf die Ausrichtung der Fußball-WM 2010 in Südafrika an. Denn die Zeit drängt. Während der Kap-Staat mit einer der modernsten Luftflotten des Kontinents Akzente setzt und seine Flugplätze für den neuen Mega-Airbus A380 vorbereitet, ist die Masse der afrikanischen Airlines - bis auf Ausnahmen in Kenia oder Äthiopien - noch nicht auf das Großereignis vorbereitet.

Flugnetze aus Kolonialzeiten

Zudem behindert Bürokratie die Neuordnung. Denn obwohl die 53 afrikanischen Staaten Ende 1999 die Liberalisierung des Luftraums bis 2002 beschlossen haben, ist bis heute kaum was geschehen. Die teils noch aus Kolonialzeiten bestehenden Flugnetze blieben zum Leidwesen der Reisenden meist unverändert. Ergebnis: Viele Wege führen zwar von Afrika aus nach Paris oder London, aber nur wenige von einem Punkt des Kontinents zum anderen. "Eine Flugreise von Niamey (Niger) nach Khartum (Sudan) kann bis zu drei Tage dauern, sofern man nicht über Europa reist", klagte der Vorsitzende des Verbands der afrikanischen Fluggesellschaften, Christian Folly-Kossi.

Anfang Januar dieses Jahres kamen beim Absturz eines Frachtflugzeugs in Uganda alle sechs Menschen an Bord ums Leben. Die Maschine vom Typ Antonow 24 stürzte rund zehn Kilometer vom Flughafen Entebbe im Südosten des Landes ab. Das Flugzeug gehörte der im Kongo registrierten Service Air. Nach Polizeiangaben war die Maschine mit Bohnen und T-Shirts auf dem Weg in den Kongo. Am 23. Mai war ein Flugzeug des russischen Typs Antonow 12 mit 21 kongolesischen Passagieren, einem russischen Piloten und vier ukrainischen Besatzungsmitgliedern in der Nähe der Stadt Bunyakiri im Osten der Demokratischen Republik Kongo gegen eine Klippe geprallt - alle Insassen kamen dabei ums Leben. Einer der skurrilsten Luftfahrtunfälle ereignete sich vor zwei Jahren ebenfalls über dem Kongo, als vermutlich 130 Passagiere aus einer Frachtmaschine vom Typ "Iljushin IL 76" gefallen waren. Eine Tür hatte sich in der Luft plötzlich geöffnet, lediglich die Besatzung des Cockpits überlebte das Unglück.

Bis Ende 2006 versprechen die Minister nun Abhilfe. Bis dahin sollen die Luftfahrtgesetze und -bestimmungen des Kontinents harmonisiert sein - zumindest ansatzweise.

Ralf E. Krüger/DPA DPA

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