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Anders Behring Breiviks Opfer: Die Toten von Utøya

Die Schicksale der 76 Toten rühren Norwegen, denn quasi jeder in dem Land kennt jemanden, der eines der Opfer kennt. Vier traurige Geschichten aus einer trauernden Nation.

Von Swantje Dake

Unter den 76 Menschen, die bei der Bombenexplosion im Regierungsviertel von Oslo und bei dem Massaker auf der Insel Utøya starben, waren vor allem junge Menschen. Schüler, Studenten und Auszubildene, die sich in ihrer Freizeit politisch engagierten.

Die Polizei wird sämtliche Namen der Opfer von Anders Behring Breivik nennen, nachdem ihre Angehörigen informiert und sie identifiziert wurden. Bis jetzt wurden erst vier bekannt: Ein junger Mann, der auf der Insel angeschossen und später seinen Verletzungen erlag sowie zwei Frauen und ein Mann, die in Oslo starben. Alle weiteren Opfer gelten offiziell als vermisst. Einige Schicksale kursieren dennoch bereits. Die Geschichten von Gunnar, Even und Ismail erschüttern Norwegen. Sie waren beliebt bei Freunden, Lehrern und Nachbarn. Abrupt und plötzlich wurden ihre Leben beendet.

Der Torwart

Even Flugstad Malmedal stammt aus Gjøvik, im Südosten von Norwegen. "Even ist ein netter Kerl, immer positiv und nett zu allen", sagt sein Freund Thomas Erichsen Weddegjerde. Er hat eine Facebookseite im Andenken an Even eingerichtet. "Gib ein Zeichen von dir, Even Flugstad Malmedal! Alle denken an dich, komm nach Hause!" Thomas spricht noch immer im Präsens von seinem Freund. Er hofft, ihn lebend wiederzusehen.

Sport war das Wichtigste im Leben des 18-Jährigen. Er hat selbst Fußball gespielt, jüngere Mannschaften trainiert und lief als Schiedsrichter auf. Im Winter fuhr er Ski. Seit einigen Monaten engagierte er sich in der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF. "Even war sehr beliebt", erzählt der Vorsitzende des Sportklubs Vardre, Anders Motrøen in der Zeitung Aftonposten. "Wenn Even Schiedsrichter war, wurde er stets von den Kindern umringt, die sich freuten, dass er da war." In der Fußballmannschaft war er der Torwart. "Niemand wollte im Tor stehen, also machte Even es. Das war typisch für ihn", erzählt sein Freund Ørjan Wettermark bei der Gedenkstunde, die der Sportverein für Even abhielt. 200 Menschen kamen dabei im Vereinsheim zusammen.

Magnus Håkson ist wohl einer der letzten, die Even lebend gesehen habe. Er war zusammen mit seinem Freund auf Utøya. Magnus wollte am Freitagnachmittag aus dem Jugendcamp abreisen, erzählt er in der norwegischen Tageszeitung "Dagbladet". "Even wollte mir dabei helfen, mein Zelt abzubauen. Doch ihm fiel ein, dass er sein Handy und sein Portemonnaie vergessen hatte und ging zum Hauptgebäude zurück. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe." Auf seinem Weg zu den Gebäuden muss Even dem Attenäter begegnet sein.

Der Bär

Gunnar Linaker ist eines der vier Opfer, dessen Tod von der Polizei bestätigt wurde. Der 23-Jährige starb im Krankenhaus an seinen Schussverletzungen. "Gunnar war ein guter Sohn", erzählt sein Vater Roald Linaker dem Dagbladet. Der Militärpfarrer möchte der nur schwer zu verstehenden Tragödie ein Gesicht geben, in dem er von Gunnar erzählt. "Gunnar war ein Bär von einem Kerl, so liebevoll, wie er pummelig war. Er dachte stets an seine Freunde." Bilder von Gunnar zeigen einen pausbäckigen, jungen Mann in Pullunder und Cordjackett. Die rötlichen Haare kurz und strubbelig. Die hellblauen Augen gucken keck in die Kamera.

Nach dem Bombenattentat in Oslo meldete sich Gunnar per Telefon bei seinem Vater. Während des Telefonats waren die ersten Schüsse auf der Insel zu hören. Von einer Kugel wurde auch Gunnar getroffen. Bewusstlos wurde er ins Krankenhaus eingeliefert, künstlich am Leben gehalten bis die Familie Abschied nehmen konnte. "Dass das ganze Land Anteil nimmt, hilft uns ungemein", sagt der Vater. Gunnars Schwester Hanne überlebte, weil sie sich im Wald verstecken konnte.

Der Tänzer

Ismail Haji Ahmed war unter Norwegens Jugendlichen bekannt. Er trat als Tänzer in der Show "Norske Talenter" (Norwegens Talente) auf. Dort nannte sich der 19-Jährige Isma Brown. In Workshops brachte er Jugendlichen HipHop bei. Auch Isma starb durch die Kugeln von Anders Behring Breivik.

Sein Brudder Khalid war ebenfalls auf Utøya und musste mit ansehen, wie Anders Behring Breivik Jugendliche erschoss. Ein Mädchen neben Khalid wurde erst in der Brust, dann am Kopf getroffen. "Ich rief noch: ,Er ist kein Polizist.'" Ein Mädchen habe den Attentäter angeschrien, was zum Teufel er treibe. Daraufhin habe sich Behring Breivik zu ihr umgedreht und sie angeschrien: "Du bist auch noch an der Reihe." Khalid konnte sich in einem Gebüsch verstecken und lief zum Strand als die ersten Boote die Insel erreichten. Dort sah er die Leiche seines Bruders liegen. Sein Engagement in der Politik wird Khalid nicht aufgeben: "Das bin ich meinem Bruder schuldig."

Die Mutter von Utøya

"Mama war Utøya, Utøya war meine Mutter." Diese Worte sprach Helene Bøsei Olsen auf der Trauerfeier für ihre Mutter. Und sie sprach damit vielen norwegischen Sozialdemokraten aus dem Herzen. Monica Bøsei leitete seit 20 Jahren das Jugendcamp auf der kleinen Insel im Fjord. Der Juli wäre ihr letzter Monat auf der Insel gewesen, im Herbst sollte sie mit einem großen Fest verabschiedet werden. Die 45-Jährige sorgte dafür, dass in den Ferienlagern mit mehreren hundert Mitgliedern alles seinen geordneten Gang ging. Bis zu ihrem Tod war sie Geschäftsführerin im Norwegischen Maritimen Museum. Ab dem 1. August wäre sie zur Direktorin aufgestiegen.

Als Anders Behring Breivik mit der kleinen Fähre zur Insel kam, ging sie zusammen mit einem Wachmann zum Bootsanleger, um den vermeintlichen Polizisten zu begrüßen. Sie unterhielt sich mit ihm, wollte über die Explosion in Oslo reden. "Der Mann wirkte teilnahmslos und steif", berichtet ein Jugendlicher. Monica Bøsei und der Wachmann waren unter den ersten Opfern. Ihr Mann wie auch ihre beiden Töchter überlebten das Massaker.

Ministerpräsident Jens Stoltenberg würdigte die zweifache Mutter. "Für viele von uns war sie Utøya. Nun ist sie tot. Erschossen als sie Jugendlichen aus dem ganzen Land eine schöne Zeit ermöglichen wollte."