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Explosion in Oslo, Schießerei auf Utøya: Norweger soll Doppelattentat verübt haben

Das Motiv für die Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya ist unklar. Ein Norweger soll für die tödlichen Explosionen im Regierungsviertel und für die Schießerei im Jugendcamp verantwortlich sein.

Die Bilder aus der norwegischen Hauptstadt gleichen denen aus einem Kriegsgebiet. Die Bilder von der Insel Utøya sind diegleichen wie nach einem Amoklauf. Zwei Anschläge haben am Freitagnachmittag Norwegen erschüttert: Eine Explosion im Osloer Regierungsviertel und eine Schießerei in einem Jugendcamp auf einer Insel außerhalb der norwegischen Hauptstadt. Für beide Attentate soll ein und derselbe Mann verantwortlich sein.

Bei der Explosion im Regierungsviertel kamen mindestens sieben Menschen ums Leben, bei der Schießerei zehn Menschen. Die Polizei befürchtet, dass die Zahl der Opfer noch weiter steigen wird. Bei beiden Anschlägen wurden zudem zahlreiche Menschen verletzt. Die Polizei nahm einen Verdächtigen fest. Er soll 32 Jahre alt sein und in der Nacht zu Samstag vernommen werden.

Dieser Verdächtige soll Norweger sein, daher vermutet die Polizei die Drahtzieher der Anschläge im Inland und hatte zunächst keine Hinweise auf Verbindungen zum internationalen Terrorismus. Wahrscheinlicher sei eine lokale Variante, die sich gegen das politische System wende, meldete die Nachrichtenagentur NTB. Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama verurteilten die Tat.

Explosion oder Erdbeben?

Gegen 15.30 Uhr hatte ein großer Knall die Bürger Oslos aufgeschreckt. "Das ganze Gebäude wurde erschüttert, wir glaubten, es sei ein Erdbeben", sagte ein Reporter des Fernsehsenders NRK, der sich neben dem 17 Stockwerke hohen Regierungsgebäude befand. Das Fernsehen zeigte Bilder von einer völlig zerstörten Hausfassade, aus der Rauch aufstieg. Der Boden war mit Glassplittern zerstörter Fensterscheiben und Trümmerteilen übersät.

Mitarbeiter der Tageszeitung "Aftenposten" berichteten von Opfern, die blutend auf der Straße lagen. Bilder der NRK-Homepage zeigten, wie sich Sanitäter um Verletzte auf dem Bürgersteig kümmerten. Rettungskräfte brachten eine Frau in Sicherheit, deren blondes Haar blutverschmiert war. Passanten beugten sich über Verletzte und leisteten ebenfalls Erste Hilfe.

Büro des Ministerpräsidenten verwüstet

Die Wucht der Detonation im Zentrum Oslos verwüstete mehrere Gebäude, darunter den Sitz von Ministerpräsident Jens Stoltenberg. Der Regierungschef wurde jedoch nicht verletzt. Laut Stoltenberg waren auch alle anderen Regierungsmitglieder wohlauf. Aus Sicherheitsgründen wurde sein Aufenthaltsort nach dem Anschlag zunächst geheim gehalten. Bislang war Norwegen von Terroranschlägen verschont geblieben.

Einige Augenzeugen sprachen von einer Autobombe in Oslo, andere von mehreren Explosionen. Die Ermittler bestätigten jedoch lediglich, dass es sich um einen Sprengsatz gehandelt habe. Auch die Zentrale der Boulevardzeitung "VG" wurde durch die Explosion teilweise zerstört und dann evakuiert. Später wurde der Hauptbahnhof geräumt. Auch zwei Einkaufszentren sowie die Büros einiger Medien. Die Polizei rief auch dazu auf, die Mobiltelefone nicht zu benutzen, weil das Netz überlastet sei.

Die Zeitung "Dagbladet" berichtete online, die Ermittler gingen davon aus, dass das Öl- und Energieministerium (OED) das Ziel des Attentats gewesen sei. "Es sieht aus, als ob es direkt vor unseren Büros passierte", sagt Håkon Smith-Isaksen vom OED.

Blutbad im Jugendcamp

Wenige Stunden nach dem Attentat in Oslo kam es zu dem Blutbad auf der Insel Utøya, die in einem See, rund eine Autostunde von der Hauptstadt entfernt, liegt. Bei dem fünftägigen Camp sollte auch Ministerpräsident Stoltenberg einen Gastauftritt haben.

Die Lage in dem von 560 Mitgliedern der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF besuchten Lager war zuvor als "chaotisch" beschrieben worden. Polizisten einer Anti-Terror-Einheit mit schusssicheren Westen eilten zum Tatort. Laut Medienberichten brach unter den Jugendlichen in dem Lager Panik aus. Mehrere Mädchen und Jungen seien von der Insel aus ins Wasser gesprungen und an Land geschwommen. Auf der Insel sei auch nicht detonierter Sprengstoff gefunden worden.

Unklares Motiv

Zu den möglichen Motiven des festgenommenen Norwegers stand noch nichts fest. Der Mann wurde verhört. Er soll vor den Schüssen auf der Insel in Oslo gesehen worden sein. Es sei noch nicht sicher, welche Waffen er benutzt oder ob er bei den Anschlägen alleine gehandelt habe, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur NTB.

Am späten Abend trat Stoltenberg vor die Presse und beschwor den Zusammenhalt im Land. Die Bevölkerung solle auf die Polizei hören, das Zentrum von Oslo meiden. Er habe eine Botschaft an die Täter: "Ihr werdet unsere Demokratie und unser Engagement für eine bessere Welt nicht zerstören." Niemand könne Norwegen "zum Schweigen schießen", das Land werde nicht aufhören, zu seinen Werten zu stehen. Stoltenberg kündigte eine entschlossene Reaktion der Behörden an. "Wir werden alle verfügbaren Kräfte einsetzen, um uns zu schützen."

Merkel und Obama kondolieren

Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich erschüttert: "Mit Entsetzen habe ich von dem schweren Anschlag im Regierungsviertel von Oslo erfahren", hieß es in einer in Berlin veröffentlichten Erklärung. "Die Hintergründe dieser menschenverachtenden Tat sind zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Klar ist, dass wir alle, die an Demokratie und friedliches Zusammenleben glauben, solchen Terrorismus, womit auch immer er begründet wird, scharf verurteilen müssen."

US-Präsident Obama rief zu einer stärkeren Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror auf. "Es ist eine Mahnung, dass die gesamte internationale Gemeinschaft dazu beitragen muss, dass solch ein Terrorakt nicht passiert", sagte Obama in Washington.

swd/DPA/Reuters / DPA / Reuters