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Angehörige der AF-447-Opfer: "Ein Gericht muss die Schuldfrage klären"

Bei dem Absturz des Air-France-Flugs 447 starben 228 Menschen, darunter 28 Deutsche. Nun haben Familien der deutschen Opfer eine Vereinigung gegründet. Im stern.de-Interview kündigt ihr Sprecher Bernd Gans an, dass die Angehörigen gegen die Fluglinie klagen wollen. Er spricht über Betreuungsarbeit, die bisherige Entschädigung - und über die Trauer um seine Tochter.

Herr Gans, Sie haben mit 20 Familien von anderen Angehörigen deutscher Opfer des Absturzes von AF 447 eine Angehörigenvereinigung gegründet. Warum?

Es geht darum, den Hinterbliebenen eine gemeinsame Stimme zu geben. Die Fluggesellschaft Air France macht mittlerweile eine sehr aktive Öffentlichkeitsarbeit und stellt ihre Sicht der Dinge dar. Wir müssen zu diesen Angaben Stellung nehmen. Das geht nur, wenn wir uns zusammen schließen. Auch wollen wir damit ein Forum schaffen, in dem wir uns untereinander austauschen können.

Welche Ziele hat die Gruppe?

Neben der öffentlichen Darstellung unserer Sicht müssen wir uns untereinander klar werden, was wir in strafrechtlicher und zivilrechtlicher Hinsicht tun wollen.

Wollen Sie gegen Air France oder den Flugzeughersteller Airbus und dessen Zulieferer klagen?

Ich halte dies für unerlässlich. Die Schuldfrage muss geklärt werden. Und dies geschieht am besten vor Gericht.

Welche Versäumnisse werfen Sie Air France vor?

Vor allem den zu späten Austausch der Geschwindigkeitssensoren, deren Ausfall wahrscheinlich zu dem Unglück beigetragen hat. Wir Angehörige halten es für unverantwortlich, dass eine Maschine eingesetzt wurde, bei der dies zwar geplant war, aber noch nicht geschehen ist. Die Verantwortlichkeit dafür liegt beim Hersteller, also Airbus. Aber auch Air France trägt eine Mitschuld, denn man hätte dieses Flugzeug bis zu dem Austausch am Boden lassen müssen. Hätte man dies getan, wären unsere Angehörigen noch am Leben.

Welche weiteren Fehler wurden Ihrer Ansicht nach gemacht?

Ich glaube, dass die Flugvorbereitung mangelhaft war. Das schlechte Wetter auf der Strecke war bekannt. Es gab scheinbar keine Alternativplanung. Das muss überprüft werden. Welchen Kraftstoffverbrauch hat der Pilot eingeplant? Es könnte sein, dass er mit viel zu wenig Kraftstoff losgeflogen ist und kaum noch eine Möglichkeit hatte, das Unwetter zu umfliegen.

Sind Ihre Tochter und die anderen Fluggäste also einem Sparprogramm zum Opfer gefallen?

Es könnte sein. Es könnte aber auch sein, dass sich die Piloten blind auf die Technik verlassen haben, weil es bisher immer gut gegangen ist.

Wie empfinden Sie die Betreuung durch die Air France seit dem Unfall?

Am Anfang war sie katastrophal und man hat uns völlig im Stich gelassen. Sie ist in den letzten Wochen etwas professioneller geworden. Uns wird jetzt mitgeteilt, wenn etwas an die Presse gehen soll oder wie wir Zugang zu dem Unfall-Zwischenbericht bekommen können. Aber optimal sind auch diese Informationen nicht. Denn Air France hat uns geraten, wir sollten uns um eine Todesfallbescheinigung in Frankreich bemühen. Zum Glück haben wir dies nicht getan. Das deutsche Justizministerium hat dringend davon abgeraten, denn nicht für alle Rechtsgeschäfte ist die französische Bescheinigung ausreichend.

Sind Sie sonst mit der Betreuung zufrieden?

Nein, im Gegenteil. Die Betreuung ist völlig unzureichend. Air France beschränkt sich auf das formal Notwendige. Vor allem wie sich der Chef von Air France, Herr Gourgeon, in den Medien äußert, ist für uns Hinterbliebene schmerzhaft und eiskalt. Selbst seine eigenen Piloten werfen ihm mittlerweile vor, nicht wirklich an einer Aufklärung interessiert zu sein.

Haben Sie denn mittlerweile den Vorschuss auf die Entschädigung in Höhe von rund 17.500 Euro bekommen.

Ich habe diesen Vorschuss angenommen. Aber hier war offensichtlich eine Fußangel eingebaut. Denn in einem Bestätigungsschreiben, das ich unterschreiben sollte, hieß es, dass diese Zahlung auf alle Entschädigungszahlungen angerechnet werden muss. Aber die EG-Verordnung bezieht sich ausschließlich auf die Zahlung der Fluggesellschaft, nicht auf eventuelle Entschädigungen, etwa von Airbus.

Man wollte Ihnen etwas unterjubeln?

Diesen Eindruck habe ich schon. Deshalb haben ich und die anderen Betroffenen diesen Passus in dem Schreiben geändert und erst dann unterschrieben.

Der Air France-Chef bezeichnete den Vorschuss als "Geste des Mitgefühls". War es das?

Das ist zynisch. Die Fluggesellschaften müssen es zahlen, völlig egal, wer am Ende Schuld hat. Sie sind dazu verpflichtet rund 115.000 Euro zu zahlen, als Vorschuss sind ungefähr 17.500 Euro vorgeschrieben. Sich damit in den Medien als gönnerhaft darzustellen, empfinden wir als geschmacklos.

Wollen Sie und die anderen Angehörigen eine höhere Entschädigung?

Ja. Da unserer Ansicht nach von Air France, Airbus und Thales als Zulieferer der mangelhaften Geschwindigkeitsmesser entscheidende Fehler gemacht wurden, ist zu erwarten, dass die beteiligten Kanzleien in den betroffenen 32 Ländern wesentlich höhere Entschädigungszahlungen fordern werden. Deshalb ist es eine Zielsetzung unserer Interessengemeinschaft, gemeinsam mit den bereits bestehenden Angehörigengruppen in Brasilien und Frankreich gegen die französische Einheitsfront vorzugehen.

Warum?

Wir wollen ein gemeinsames Vorgehen erreichen. Die beteiligten Kanzleien müssen eine übergeordnete Strategie ausarbeiten. Denn die gesetzlichen Regelungen sind in den verschiedenen Ländern eben ganz unterschiedlich.

Sie wollen also in Brasilien oder Frankreich klagen?

Um solche Fragen zu klären, haben wir erfahrene Anwälte eingeschaltet. Diese haben etwa aus dem fürchterlichen Concorde-Unfall reichlich Erfahrung mit Air France und ihren Versicherern.

Wie gut werden Sie über den Ermittlungstand und die Suche nach den Leichen informiert?

Hier leisten die Stellen der Bundesregierung und der Kriminalpolizei gute Arbeit. Die Suche nach den Leichen liegt bei den Brasilianern. Der Informationsfluss war schleppend, aber insgesamt gut. Leider ist nicht mehr damit zu rechnen, dass weitere Leichen gefunden werden.

Wie schlimm ist es für Sie persönlich, dass man ihre Tochter wohl nie finden wird?

Es ist für jeden Angehörigen in unserem Kulturkreis üblich, dass er in irgendeiner Form Abschied von seinen Liebsten nehmen kann. Man muss aber einsehen, dass es bei diesem Unglück in den meisten Fällen nicht mehr möglich sein wird. Man muss sich also einen Ersatz suchen.

Welchen Ersatz haben Sie denn gefunden?

Wir haben einige Tage nach dem Absturz ein Requiem für unsere Tochter abgehalten. Wir finden Trost im Gebet und im Freundeskreis. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir besser aufgefangen wurden als andere. Es wird jetzt überlegt, noch eine Gedenkveranstaltung zu organisieren. Entweder in Rio de Janeiro, wo die Maschine abgeflogen ist, oder an der Absturzstelle im Meer auf einem Schiff. Ich persönlich fände eine Veranstaltung auf dem Schiff eine besondere Geste.

Wie wichtig ist die Ursachenfindung für die Trauerarbeit?

Sie ist sehr wichtig. Alle Betroffenen wollen wissen, was passiert ist und wer schuld an diesem Unglück ist, bei dem ich meine Tochter verloren habe. Und wir wollen, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Interview: Malte Arnsperger