Ausnahme-Bergsteiger "Karl hat nie Kompromisse gemacht"


Seine Partnerin lernte er nach einem Bergunfall in einer Felsnische kennen. Sie wusste, welche Risiken er einging. Auf einer waghalsigen Route wollte Karl Unterkircher den Nanga Parbat bezwingen und kam dabei ums Leben. Der stern sprach mit seiner Familie und seinen Freunden in Südtirol.
Von Martin Knobbe

Die Galerie der Toten ist eine holzgetäfelte Wand im Gemeinschaftsraum der "Catores", der "Steinhühner", wie der größte Bergrettungsverein in den Dolomiten heißt. Franz Stuflesser, 46, von einem Steinbrocken getroffen. Carlo Großrubatscher, 29, im Himalaya abgestürzt. Vittorino Deluca, 18, beim Abstieg ausgerutscht. 20 Kameraden haben die "Catores" verloren, und in den nächsten Tagen, wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, werden sie Bild Nummer 21 an die Wand nageln. Karl Unterkircher, 37, abgestürzt in eine Gletscherspalte. "Immerhin", sagt Adam Holzknecht, sein bester Freund, "liegt er nun da, wo er am liebsten war: in unberührtem Gebiet."

Es ist nicht so, dass sie sich an den plötzlichen Tod gewöhnt hätten, im Grödnertal in Südtirol, 50 Kilometer von Bozen entfernt, wo jeder einen kennt, der irgendwann einen Freund oder Verwandten am Berg verloren hat. Es ist nur so, dass sie wissen, es könnte jederzeit wieder einen von ihnen treffen, so unberechenbar ist der Berg. Vielleicht haben sie sich deshalb eine pragmatische Art der Trauer angeeignet. Und vielleicht versucht Adam Holzknecht, 41 Jahre alt, Bergführer, Bergretter, Extremkletterer, fröhliche Augen und wirres Haar, deshalb der Tragödie irgendetwas Positives abzugewinnen. "Der Karl hat ein Leben lang das gemacht, was ihm gefallen hat, ganz ohne Kompromisse. Wer kann das schon von sich behaupten?"

Man kann vermuten, dass er schnell starb

Karl Unterkircher starb am 15. Juli, als er zusammen mit Simon Kehrer, 29, und Walter Nones, 36, die Rakhiot-Wand des Nanga Parbat im Himalaya erkletterte. Auf rund 6400 Meter Höhe ging er voran, setzte die Spuren in einem beschneiten Feld, als sich wahrscheinlich ein Schneebrett löste, ihn in die Tiefe riss und unter sich begrub. Man kann vermuten, dass er im Schnee erstickte und schnell starb.

Es hatte lange gedauert, bis sich Karl Unterkircher einen Namen gemacht hatte, den man auch außerhalb von Wolkenstein kannte, seinem Heimatort. Er war schon 20 Jahre alt, als er sich fürs Klettern begeisterte. Er hatte zuvor Fußball gespielt und den Schein fürs Segelfliegen gemacht. "Irgendwann ist ihm eingefallen: Fliegen kann ich auch, wenn ich 60 bin. Also sind wir trainieren gegangen", sagt Holzknecht. In Karl hatte er jemanden gefunden, der alle Eigenschaften für einen guten Kletterpartner mitbrachte: "Ehrgeizig, entscheidungsfroh, in sich ruhend, mutig." Sie bestiegen als Erstes die 2500 Meter hohe Brogles-Rotwand, später dann den Zahnkofel, ihre Route tauften sie "Karies", das war ihr Humor. Mehr als 40 Erstbesteigungen in den Dolomiten sollten es für jeden von beiden noch werden, die Zahl ist wie eine Währung unter den Extremkletterern, und wenn einer von ihnen wieder eine mehr hatte, feierten sie das bei Bier und Schnaps und Zigaretten in "La Stua", der Kneipe von Zico, ihrem ältesten Kumpel.

Sie reisten nach Patagonien und erklommen die Torres de Paine, sie arbeiteten zusammen als Bergführer und machten ehrenamtlich bei den "Catores" mit, wo sie beide für ihre "alpinistischen Leistungen" mit dem "Cator d'Or", dem "Steinhuhn in Gold", ausgezeichnet wurden, was nicht oft geschieht, dreimal nur bislang. Und als zum 50. Jubiläumsjahr der Erstbesteigung des K2, des zweithöchsten Berges der Welt, die Einladung kam, an einer Expedition teilzunehmen, "da war eigentlich klar, dass der Karl das macht", sagt Holzknecht. Er ahnte nicht, dass sein Freund mit einem Weltrekord zurückkehren würde.

Ein Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde

Keiner aus dem Grödnertal hatte bis dahin einen Gipfel erklommen, der höher als 8000 Meter lag. Karl Unterkircher schaffte gleich zwei: den Mount Everest, 8848 Meter, im Mai 2004, und zwei Monate später den K2, 8611 Meter, beide Male ohne Sauerstoff aus der Flasche, den er als "gesetzlich erlaubtes Doping" schmähte. Er wurde ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen und war nun ein Star weit über Wolkenstein hinaus. Die Gemeinde organisierte eine Feier, die Regierung der Provinz sicherte ihm für drei Jahre finanzielle Unterstützung zu, der Tourismusverein stellte ihm ein Büro zur Verfügung, und Herbert Mussner wurde sein Koordinator.

Sie hatten sich auf einer Trekkingtour durch Tibet kennengelernt. "25 Tage unterwegs mit fünf Frauen, danach waren wir Freunde", sagt Mussner, der in Wolkenstein ein Hotel besitzt. Er kümmerte sich um die Sponsoren, betreute die Internetseite. Er regelte den Vertrieb für eine erste DVD von Unterkircher. Irgendwann kam dann auch Prinz Albert von Monaco ins Spiel, es ging um ein Charity-Projekt. Karl Unterkircher war mittlerweile ein professioneller Abenteurer, mindestens eine Expedition im Jahr musste es jetzt sein. 2005 Jasemba, Nepal, 7350 Meter, wegen schlechten Wetters abgebrochen, 2006 Genyen-Nordwand, China, 6204 Meter, 2007 Jasemba, erfolgreich nun, im selben Jahr noch Gasherbrum II, 8035 Meter, von China nach Pakistan.

Eine "bella persona" sei er gewesen, sagt Herbert Mussner, ein großartiger Mensch. Ruhig, gelassen und doch ein Getriebener. Je unbekannter der Berg, desto besser, je schwieriger das Gelände, desto reizvoller. In diesem Jahr nun sollte es der Nanga Parbat sein, 8125 Meter, 64 Todesopfer, Reinhold Messner hat hier seinen Bruder verloren. Karl Unterkircher hatte den Berg schon lange im Kopf, am 7. Juni reiste er mit seinen zwei Partnern von Mailand aus nach Pakistan.

Unterkircher äußerte zum ersten Mal Angst

Herbert Mussner bekam das erste Mal ein komisches Gefühl, als er den fünften Bericht las, den ihm Unterkircher aus dem Basislager gemailt hatte. "Es ist der 13. Juli, ich liege in meinem Zelt und versuche ein Buch zu lesen. Aber ich kann mich nicht konzentrieren, denn wie besessen haftet der Gedanke an diese Wand, diese Rakhiot-Wand. Diese verwunschene, zerklüftete Eiswand mit den vielen Gletscherspalten. Sie liegt genau in der Mitte und hindert unseren Aufstieg. In meinem Verantwortungsbewusstsein empfinde ich so etwas wie Furcht, ich denke oft an zu Hause, an meine Lieben. Das Beste, um sicherzugehen und Unvorhergesehenes zu verhindern, wäre natürlich, von diesem Projekt auszusteigen." Es war das erste Mal, dass Karl Unterkircher Angst vor einem Berg äußerte.

Silke Perathoner, 35, sitzt an einem Küchentisch aus hellem Holz vor einer Wand, an der Kinderhände lange grüne Striche gezogen haben. Ein Blumenstrauß mit gelben Rosen steht auf dem Tisch, eine der vielen Beileidsbekundungen. "Ich habe ihn noch nie so erlebt, als ich mit ihm telefonierte, so zögerlich, so ängstlich, aber als wir am nächsten Tag noch mal gesprochen haben, klang er schon wieder zuversichtlich, und darauf habe ich vertraut. Ich habe ihm nur gesagt, du musst wissen, was du zu tun hast." Das waren ihre letzten Worte an Karl, den sie liebte und der der Vater ihrer drei Kinder war. Am Mittwoch vergangener Woche klingelte es um sieben Uhr an der Tür. Sie war noch im Bett und dachte, es sei das Kind der Nachbarn. Als sie die Tür öffnete und in Herbert Mussners verweintes Gesicht blickte, wusste sie, was geschehen war.

Silke und Karl kannten sich, seit sie Jugendliche waren. Sie gingen zusammen auf Skitouren und trafen sich im Klettergarten. Vor zwölf Jahren, als sie in einer Wand ausrutschte, sich den Knöchel brach und den anderen Fuß verstauchte, er sie am Seil wieder nach oben zog und sie zu zweit in einer Felsnische neun Stunden auf den Rettungshubschrauber warten mussten, verliebten sie sich. Ein halbes Jahr später waren sie ein Paar. "Ich mochte seine ruhige Art, seinen trockenen Humor und auch seinen Mut."

Wenn er zurückkam, sprach er nicht viel

Sie wusste, dass es einen großen Teil in seinem Leben geben würde, an dem sie nur wenig Anteil haben würde. Wenn er von den Expeditionen zurückkam, sprach Karl meist nicht viel. "Wovon er aber immer erzählte, waren die Menschen, denen er begegnet ist." Vom Bauern in Nepal, der ihm Kartoffeln briet und ihn an sich drückte, voller Dankbarkeit, dass seine Yaks das Gepäck für die Bergsteiger aus Europa tragen durften. Von den Sherpas, die so einfach lebten und wenig besaßen. Karl Unterkircher war dann sehr nachdenklich.

"Natürlich ist man sich bewusst, wenn man mit solch einem Mann zusammen ist, dass es immer passieren kann", sagt Silke Perathoner. "Komischerweise habe ich mir aber erst am Abend vor seinem Tod das allererste Mal konkret Gedanken darüber gemacht. Ich habe überlegt, wie das gehen soll, wenn Karl mal nicht mehr da sein sollte. Mit den Versicherungen, den Autos. Und wie es ist, wenn die Kinder ohne Vater aufwachsen."

Sie liest nun in den Internetforen die vielen Beiträge, die nach Karls Tod eingestellt wurden. Sahen sich anfangs nur 80 bis 100 am Tag seine Homepage an, waren es nach dem Unglück 36.000. Und immer dieselbe Frage: wie man so ein Risiko eingehen könne, wenn man drei Kinder zu Hause habe. "Soll ich ihm verbieten, seinen Beruf auszuüben? Soll ich dem Menschen, den ich liebe, seine größte Leidenschaft nehmen?", sagt Silke Perathoner. Sie hat Alex, dem Ältesten, zuerst von dem Unfall erzählt. Der Sechsjährige kann seither nicht mehr gut schlafen und hat Angst, dass auch seiner Mutter etwas passiert. Der Kleinste, Marco, ist erst anderthalb. Miriam, der Dreijährigen, hat sie gesagt, dass Papa nicht mehr zurückkommen wird. Miriam hat gefragt: "Warum? Hat Papa kein Auto dabei?"

"Es bleibt nur das Gefährliche"

Der Gedanke an seine Tochter hat Hans Kammerlander ruhiger werden lassen. Viereinhalb Monate ist seine Zara nun alt. Der 51-Jährige ist nach Reinhold Messner der in Deutschland bekannteste Alpinist. 13 Achttausender hat er bestiegen. In seiner Heimatgemeinde Sand in Taufers ist bereits ein Platz nach ihm benannt. Noch vergangenes Jahr war er mit Karl Unterkircher im Himalaya unterwegs. Kammerlander schätzt, dass heute die Hälfte aller Höhenbergsteiger ihre aktive Zeit nicht überlebt. "Das Problem ist, dass es nicht mehr viele Herausforderungen gibt. So viele Berge sind schon begangen. Es bleibt eigentlich nur das Gefährliche übrig."

Er selbst hat an die 20 Freunde verloren. Irgendwann hat er aufgehört zu zählen. Kammerlander steht in seinem Büro vor einem großen Tisch, auf dem Gegenstände liegen, die Geschichten erzählen. Ein Haken mit einer abgerissenen Fahne daran, in den der Blitz eingeschlagen war und das Eisen völlig verformt hatte. Er nahm ihn am Nanga Parbat mit, vor 18 Jahren. Oder die Schleife aus blauem Seil. Er fand sie an jenem Tag vor zwei Jahren, als sein Partner Luis Brugger 15 Meter unter ihm in den Tod gestürzt war. Kammerlander hatte davon nichts bemerkt, er war kurz vor dem Gipfel am Jasemba umgekehrt, um zu Brugger hinunterzuklettern. Doch die Schleife und der leere Sicherungshaken am festen Seil waren alles, was er fand. "In diesem Moment musst du vergessen, dass du einen Freund verloren hast. Du musst dich nur auf dich und deinen Abstieg konzentrieren."

Mit Unterkircher wagte er 2007 am Jasemba einen neuen Versuch, zusammen bezwangen sie den Gipfel an der tibetisch-nepalesischen Grenze. Kammerlander mochte den 14 Jahre jüngeren Kollegen. Er erinnerte ihn daran, wie er selbst einmal gewesen war, als er immer bis an die Grenze wollte und Reinhold Messner, sein erfahrener Partner, ihn bremsen musste.

Unterkircher schlug vor, ohne Zelt zu klettern, nur mit einem Biwaksack, um Gewicht zu sparen. Hans Kammerlander sagte, es gehe in der Kälte zu viel Energie verloren. Am Ende waren sie froh, ein Zelt dabeizuhaben. "Vielleicht hätte ich noch öfter mit ihm gehen müssen", sagt Kammerlander. "Vielleicht hätte er noch mehr Erfahrung sammeln müssen." Vielleicht hätte aber auch das nichts geholfen. "Die Berge haben ihre eigenen Gesetze", sagt Kammerlander. Und ihre Macht ist manchmal unberechenbar.

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