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Badeunfall in Leer: Ertrinken passiert leise

Der mysteriöse Badeunfall in Leer: Wie konnten eine Mutter und ihre drei Kinder in einer Schwimmhalle verunglücken? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Staatsanwaltschaft, sondern auch den Badbetreiber. Erst vor einem Jahr wäre an gleicher Stelle beinahe ein Achtjähriger ertrunken.

Von Niels Kruse

10,20 Sekunden habe die Schwimmmeisterin gebraucht, um den Wasserschlauch einzurollen. Dabei soll sie in unmittelbarer Nähe der vietnamesischen Frau und ihrer drei Kinder gewesen sein, die jüngst in einem Schwimmbad in Leer tragisch verunglückt sind. "Ein Badegast hat gemerkt, dass die Familie Probleme hat, sofort ist die Kollegin ins Wasser gesprungen und hat begonnen, die Ertrinkenden zu retten - einen nach dem anderen." So schildert Norbert Averdung, Chef des Schwimmbads, die Ereignisse am Abend des 19. April. Nachdem die Schwimmmeisterin die Kinder und ihre Mutter aus dem Wasser hervorgezogen hatte, hätten drei Umstehende, darunter auch der Bistrobetreiber des Bads, sofort Wiedebelebungsmaßnahmen eingeleitet, so Averdung. Für die achtjährige Tochter kam allerdings jede Hilfe zu spät - sie starb einen Tag darauf an den Folgen des Sauerstoffsmangels.

"Das ist alles sehr mysteriös"

Nun fragen sich der Schwimmbadchef sowie der Staatsanwalt, wieso die 41-Jährige mit ihren Kindern verunglücken konnte. Auch Averdung kann sich den Unfall nicht erklären. "Das ist alles sehr mysteriös", sagt er. Nach dem aktuellen Stand der Dinge deutet alles auf ein tragisches Unglück hin. Zuletzt wurde die Frau mit ihrem Nachwuchs im Nichtschwimmerbereich des Bads gesehen, der vom Schwimmerbereich mit einem roten Seil auf dem Wasser getrennt wird. Wieso die Familie plötzlich die Absperrung überquert hat, wie lange sie dort war und was genau dort geschehen ist - niemand weiß es bislang. Auch die Mutter nicht. Laut Staatsanwalt Werner Kramer sei sie mittlerweile aus dem Koma erwacht, könne sich aber an nichts erinnern. "Körperlich geht es ihr etwas besser, und sie weiß auch, dass ihre Tochter tot ist", so der Ermittler.

Auch die Obduktion des verstorbenen Mädchens hat keine Hinweise auf den Hergang des Unfalls gebracht. Zunächst wurde der Verdacht geäußert, das Kind könnte Beruhigungsmittel geschluckt haben, doch weder die noch sonstige Spuren wurden entdeckt. "Es war ein typischer Tod durch Ertrinken", so Werner Kramer. Ermittelt wird nun gegen die Bademeisterin wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Es werde geprüft, ob die 33-Jährige das Unglück durch früheres Einschreiten hätte verhindern können. Für Badbetreiber Norbert Averdung eine unverständliche Maßnahme: Selbst wenn sie kurz abgelenkt gewesen sei, um einen Schlauch einzurollen, so habe sie doch immerhin direkt in der Nähe des Unglücksorts gestanden und konnte entsprechend schnell eingreifen. "Ich hoffe, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren schnell wieder einstellt."

Bei der DLRG, der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, sind durchaus Unglücke bekannt, bei denen Menschen das Seil, das den Nichtschwimmer- vom Schwimmerbereich trennt, versehentlich überquert haben. "Das ist selten, passiert aber immer wieder", so Henning Bock von der DLRG. Rund 20 Badegäste waren zum Zeitpunkt des Unfalls noch im oder am Wasser, der Großteil laut Averdung Kinder. Dass nur wenige das Unglück mitbekommen haben, erklärt Bock mit einer Lebensretter-Weisheit: "Ertrinken passiert leise", lautet die und erklärt sich daraus, dass diejenigen, die die Kraft haben, über Wasser zu bleiben oder um Hilfe zu rufen, im Allgemeinen gerettet werden. "Doch, die, die sie nicht haben, gehen lautlos unter." Das könne vor allem bei Kindern passieren. Die Kinder der 41 Jahre alten Frau waren fünf, sieben und acht Jahre alt.

"Leidenschaftliches Interesse an schneller Aufklärung"

"Was mich wundert, ist, dass vier Personen untergehen und nicht einer auf sich aufmerksam macht", sagt der Schwimmbad-Geschäftsführer. "Ich habe nicht nur deshalb ein leidenschaftliches Interesse an einer schnellen Aufklärung." Sondern auch weil es vor einem Jahr schon einmal einen schweren Unfall in seiner Schwimmanstalt gegeben hat. Damals wurde ein achtjähriger Junge von einem Freund ins Schwimmerbecken gestoßen. Der Junge konnte gerettet werden, lag eine Zeitlang im Koma. Mittlerweile gehe es ihm wieder gut, so Averdung.

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