HOME

Borneo: Die unbarmherzige Jagd auf Orang-Utans

Mann gegen Menschenaffe: Auf der indonesischen Insel Borneo werden Orang-Utans gejagt, weil sie im Weg sind. Was passiert mit den Tätern?

Von Joachim Rienhardt

Borneo: Das Leiden der zu Tode gehetzten Orang-Utans

Ein Tierschützer des "Sumatran Orangutan Conservation Programme" kümmert sich um einen betäubten Orang-Utan auf Borneo, der in der Nähe einer Palmölplantage in die Falle ging

An jenem Montag, den Kaluhara II nur wenige Stunden überleben sollte, hatte ihm noch kein Mensch einen Namen gegeben. Der Orang-Utan saß 15 Meter hoch in der Krone eines Laubbaums am Rande des Kutai-Nationalparks im Osten von Borneo, auf Höhe des Äquators. Es war etwa elf Uhr morgens. Kaluhara II schrie, brach Äste ab und schleuderte sie nach unten. Er wollte so die fünf Angreifer vertreiben, die ihn mit ihren Luftgewehren ins Visier nahmen und unerbittlich auf ihn feuerten.

Kleinbauer Nazir, sein Sohn, Schwager und Neffe und ein Nachbar luden immer wieder nach, jeweils zehn Schuss, Kaliber 4,5 Millimeter. Vom Boden aus konnten sie nicht erkennen, dass das Tier ein noch junges Männchen war, 120 Zentimeter groß, am Anfang seines Lebens ohne Eltern. Kaluhara II – das würde später die Obduktion ergeben – war etwa sieben Jahre alt. Es ist das Alter, in dem Orang-Utans zum ersten Mal die Obhut der Mutter verlassen und versuchen, sich auf eigene Faust durchzukämpfen.

Borneo Futures

Dem jungen Menschenaffen gelang es, vom Baum zu klettern und trotz Dauerbeschusses bis zu einem kleinen See zu entkommen. Krokodile leben darin, mitunter fünf Meter lang und über 300 Kilo schwer. Orang-Utans können von Natur aus nicht schwimmen. Sie fürchten Wasser, Krokodile sowieso. Doch Kaluhara II flüchtete sich in Todesangst auf einen umgestürzten Baum, der mitten in den See hineinragt. An dessen Ende klammerte er sich an einen Ast, während seine Verfolger weiter auf ihn zielten. Einige Kugeln trafen ihn in die Augen. Er war bereits blind, als plötzlich Ruhe einkehrte.

Nazir und seinen Begleitern war nach 150 Schuss die Munition ausgegangen.

Opfer: Allein 74 Kugeln steckten im Kopf des Orang-Utans Kaluhara II. Tierärzte versuchten, sein Leben zu retten

Opfer: Allein 74 Kugeln steckten im Kopf des Orang-Utans Kaluhara II. Tierärzte versuchten, sein Leben zu retten

Kaluhara II ist einer von Zehntausenden Orang-Utans, die von Menschen gezielt gejagt werden. Allein in den vergangenen 16 Jahren wurden hunderttausend der Menschenaffen getötet, so eine Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Die meisten davon durch Brände und Rodungen. Aber eben auch viele direkt durch Menschenhand, erschossen, erstochen, von Auge zu Auge. Ein ungleicher Kampf, Mensch gegen Tier, das 97 Prozent der DNA mit seinen Jägern teilt.

Bauern wie Nazir verteidigen mit Gewehrkugeln ihre Felder. Für Wissenschaftler sind Orang-Utans eine aussterbende Spezies. Für Tierschützer bemitleidenswerte Lebewesen. Für die Bauern nichts als die Pest.

"Kein Mensch vermag zu sagen, welche Dramen sich da draußen tatsächlich abspielen", sagt Orang-Utan-Experte Erik Meijaard, Direktor von Borneo Futures, einer Naturschutzorganisation, die sich dem Erhalt der Spezies verschrieben hat. In seinem Auftrag führten Freiwillige von 20 Hilfsorganisationen über zwei Jahre in 5000 Dörfern Borneos Befragungen zur Jagd auf Orang-Utans durch. Demnach sterben in der Wildnis jährlich etwa 1500 Tiere eines gewaltsamen Todes – nahezu unbemerkt.

Auch im Fall Kaluhara II hätten Nazir und seine Familie normalerweise nichts zu befürchten gehabt. Keiner hätte seinen Tod bemerkt. Das schwer verletzte Tier wäre früher oder später zu den Krokodilen in den See gefallen. Und selbst wenn die grausame Jagd anderen zu Ohren gekommen wäre – kaum gibt es Fälle, in denen solche Tierquälerei verfolgt wird. Doch Kaluhara II klammerte sich noch einen Tag später an den Ast, als Nazirs Cousine Comaria zum See zum Fischen kam. Sie machte Fotos und Handy-Videos.

Täter: Dem Kleinbauern Nazir fraß Kaluhara II hier die Ananasernte von vier Monaten weg. Daraufhin ging Nazir auf Jagd

Täter: Dem Kleinbauern Nazir fraß Kaluhara II hier die Ananasernte von vier Monaten weg. Daraufhin ging Nazir auf Jagd

Freiwillige der Hilfsorganisation Centre for Orangutan Protection (COP) eilten zu Hilfe. Sie stellten die Bilder des sterbenden Menschenaffen ins Netz und nannten ihn Kaluhara II, um an den Artgenossen zu erinnern, der zwei Jahre zuvor in der Nähe tot im Fluss getrieben war. Den hatten sie Kaluhara getauft, Feuerameise. Damals fehlte – wie fast in allen Fällen – vom Täter jede Spur. Diesmal war es anders.

Mordshunger

Nazir war erschrocken, als Kaluhara II im vergangenen Jahr zum ersten Mal auftauchte. Zuvor habe er noch nie einen leibhaftigen Orang-Utan gesehen. Der riesige Affe saß in seinem Feld und ließ sich seine Ananas schmecken. "Er war rötlich, nicht schwarz, wie ich es immer im Fernsehen sah." Der Bauer fürchtete sich, weil das Tier so lange, schwarze Finger hatte. Er stellte Vogelscheuchen auf und malte Bäume an, um den Störenfried zu vertreiben. Doch der Orang-Utan kam immer wieder.

"Er hat einen Mordshunger gehabt", sagt Nazir, der vor neun Jahren begann, das Land hier zu bestellen. Er kam, weil er ein besseres Leben suchte. Da ihm anfangs das Geld für die teuren Setzlinge der Palmölbäume fehlte, hat er Gaharu-Bäume gepflanzt, deren Rinde er an die Parfümindustrie verkauft. Zum privaten Verzehr hat er Drachenfrucht, Auberginen und Zitronengras hochgezogen. Vor allem aber lebt er vom Verkauf seiner Ananas, die er auf rund zwei Hektar anbaut.

"Der Orang-Utan hat mir über 5000 Stück weggefressen", sagt der 63-Jährige. Die erntet er sonst über vier Monate. Er hat nicht lange überlegt, als sein Nachbar Muis ihn bat, ihm bei der Jagd auf den Eindringling zu helfen. Bei ihm hatte Kaluhara II Nester mitten in der Palmölplantage eingerichtet und täglich bis zu 40 Setzlinge gefressen. Im Verhör tat Muis später zunächst so, als spräche er kein Indonesisch. Er dachte, er könne sich so lästigen Fragen entziehen.

Ein junger Orang-Utan klammert sich an einen Helfer. Er wird im Transportkasten in ein Schutzgebiet gebracht und dort ausgewildert.

Ein junger Orang-Utan klammert sich an einen Helfer. Er wird im Transportkasten in ein Schutzgebiet gebracht und dort ausgewildert.

"Solch ein Fall ist viel schwieriger zu lösen als ein Mord an einem Menschen", sagt Hauptkommissar Yuliansyah Tita, 32, der Chefermittler, der jetzt in Anzughose und hautengem weißem Hemd im Polizeipräsidium von Bontang erfolgreiche Ermittlungen zelebriert. "Es gibt niemals brauchbare Zeugen. Affen können nicht reden. Und die Bauern lügen alle wie gedruckt, wenn es um Orang-Utans geht."

Der Druck auf ihn war immens. Palmöl ist das wichtigste Exportprodukt Indonesiens, etwa 17 Millionen Indonesier arbeiten in der Palmölindustrie. Die Frucht steckt bei uns geschätzt in jedem zweiten Artikel im Supermarkt. Ab 2030 soll Palmöl in der EU nicht mehr für Biokraftstoffe verwendet werden, weil vor allem für diese Plantagen Regenwald verschwindet. Die Regierung Indonesiens droht der EU im Gegenzug mit Handelsboykott und Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen.

Obduktion

Nun kursierten die Bilder des sterbenden Kaluhara II im Netz. Jetzt galt es, der Welt zu zeigen, dass in Indonesien alles getan wird, um Orang-Utans zu schützen. Der Chef der Nationalpolizei schickte hochrangige Beamte aus der Hauptstadt und drohte, dass Köpfe rollen, wenn der Fall nicht innerhalb von 14 Tagen geklärt sei. Hauptkommissar Tita ordnete drei Ermittlungsgruppen ab, 27 Mann, dreimal mehr als in einem normalen Mordfall.

Nazir schien ihm zunächst vollkommen unverdächtig. Er war sogar in den See gestiegen, um seinem erblindeten Opfer an Land zu helfen – über eine Brücke aus vier Bambusstämmen, die Ranger des Nationalparks gebaut hatten. Das Wasser stand ihm bis zum Hals. Aber er tat so, als sei er ein völlig Unbeteiligter. Er schien sogar betroffen, als tags darauf die Nachricht kam, dass der Versuch einer Tierärztin, Kaluhara II in einer Notoperation das Leben zu retten, gescheitert sei. Doch seinen 13-jährigen Neffen Henri, einen der Schützen, hatte er bei Nachbarn versteckt, damit er sich nicht verplapperte.

Der Adjutant des Kommissars holt Bilder von den sichergestellten Luftgewehren hervor, dazu farbige Ausdrucke von Tatortskizzen und Drohnenaufnahmen. Penibel ist darauf eingezeichnet, wie sich die Tat gemäß Spurenlage nach Meinung der Experten von COP ereignet hatte – allen voran Paulinus Kristianto, 27, Nachfahre der indigenen Urbevölkerung Dayak, der fast wie Mogli aus dem "Dschungelbuch" im Urwald aufwuchs.

Der Chef der Naturschutzbehörde beklagt, dass ihm die Mittel fehlen, um sich etwa gegen die Ausweitung der Kohleminen zu wehren

Der Chef der Naturschutzbehörde beklagt, dass ihm die Mittel fehlen, um sich etwa gegen die Ausweitung der Kohleminen zu wehren

"Ohne sein Wissen über das Verhalten der Tiere hätten wir den Fall nie gerichtsverwertbar zur Anklage bringen können", sagt Hauptkommissar Tita. Er hatte bereits angeordnet, Kaluharas Leiche umgehend zu verscharren, weil der Fall so große Wellen schlug. Er wollte Ruhe haben. Doch Kristianto überredete ihn, ein Röntgenbild machen zu lassen. Als Tita das sah, stimmte er einer Obduktion zu.

In der Leiche von Kaluhara II steckten 130 Kugeln, 74 davon im Kopf. Die Autopsie, durchgeführt im Betriebskrankenhaus einer Firma für Düngemittel, dauerte vier Stunden und förderte Ananas und Palmölnüsse aus Kaluharas Magen ans Tageslicht. Und sie dokumentierte ein Martyrium, das lange vor seinem Tod begann. Einige der 48 Kugeln, die man noch aus seinem Körper holen konnte, stammten – wie zahlreiche Verletzungen – von lang zurückliegenden Angriffen. Die unteren linken Eckzähne waren durch Beschuss gebrochen. Der rechte Hoden wies Schnittwunden auf. Die Fußsohle war abgetrennt, der Spurenlage nach durch den Hieb einer Machete. Vermutlich war es sein Glück, dass Kaluhara II seine Rettung nur kurze Zeit überlebte. Er starb früh um 1.55 Uhr, in der Abstellkammer der Nationalpark-Verwaltung.

Kurzer Prozess

Es war ein kurzer Prozess, der Nazir und seine Komplizen hinter Gitter brachte. Die Anklage stützte sich vor allem auf die Aussage von Nazirs 13-jährigem Neffen, der als Kronzeuge straffrei ausging. Nazir war geständig. Er hatte keinen Anwalt. Die Ausrede, er habe nicht gewusst, dass Orang-Utans geschützte Tiere sind, half ihm nicht viel. Indonesien ist 1979 dem Washingtoner Artenschutzabkommen beigetreten.

Auch in Indonesien ist es verboten, geschützte Arten zu fangen, zu verletzen oder zu töten. Die Höchststrafe liegt, ähnlich wie in Deutschland, bei fünf Jahren. Nazir wurde zu neun Monaten Haft verurteilt. Landesweit ging er als Orang-Utan-Mörder durch die Medien. Die Regierung feierte das Urteil als Erfolg des Rechtsstaats. In Wahrheit gab es zwischen 2007 und 2017 weniger als zehn Verurteilungen zum Artenschutzgesetz, obwohl wissenschaftlichen Erhebungen zufolge im Schnitt vier Orang-Utans pro Tag Angriffe von Bauern wie Nazir nicht überleben.

Die Schutzzentren sind oft überfüllt, wie hier nahe Palangka Raya im Süden Borneos

Die Schutzzentren sind oft überfüllt, wie hier nahe Palangka Raya im Süden Borneos

Es gibt Zeiten, da vergeht keine Woche, in der nicht verwaiste Säuglinge aufgegriffen werden. "Jedes dieser Babys bedeutet, dass eine Mutter gestorben ist", sagt Maria Voigt, die Autorin der Max-Planck-Studie. "Eine Orang-Utan-Mutter würde nie ihr Kind im Stich lassen." Häufig enden die Babys als Haustiere bei Einheimischen, wo sie lernen, Reis zu essen, Türen zu schließen und Toiletten zu spülen. Die toten Mütter und Väter werden in den Fluss geworfen oder im Dschungel verscharrt. Manchmal kommen nur noch ihre Knochen zum Vorschein.

"Ich habe ein Zertifikat, hier pflanzen zu dürfen", sagt Nazir, vor Kurzem erst aus der Haft entlassen. Wie immer ist er barfuß hinausgezogen auf das kleine Feld hinter seinem Holzhaus, das er zum Schutz vor wilden Tieren auf Stelzen gebaut hat. Schweiß läuft dem kleinen Mann mit dem lichten, schwarzen Haar in schmalen Strömen übers Gesicht. Mit der bloßen rechten Hand verteilt er im Gehen Dünger über zart sprießende Auberginen und Ananassetzlinge.

"Ich war ja neun Monate weg. Ich muss alles wieder auf Vordermann bringen", sagt Nazir. Nur vereinzelte Baumstümpfe von einst immergrünen, mächtigen Pazifischen Walnussbäumen erinnern daran, dass hier einmal tropischer Regenwald stand. Der ehemalige Tagelöhner reibt sich die Schläfen. "Das Gefängnis war die Hölle. Und jetzt muss ich fast von vorn beginnen."

Abholzung stoppen

Hinter ihm erstrecken sich Palmölplantagen, so weit man blicken kann. Bauern auf kleinen Mopeds knattern vorbei. Sie bringen Setzlinge zu neu angelegten Feldern. Nazir vermutet, dass manche davon den Nationalpark-Rangern gehören. Sie sollen Motorsägen an Kleinbauern verleihen. Nazir selbst bestellt ein Feld für Polizisten des nächsten Reviers. Das ist sein Beitrag, um unbehelligt zu bleiben. Sie hätten ihn auch zwei Monate früher aus der Haft entlassen, doch er konnte das dafür eingeforderte Geld nicht aufbringen. "Die Polizisten", sagt Nazir, "sind gieriger als die Krokodile."

Nahezu täglich hört er die Kettensägen, die Platz für neue Plantagen schaffen. Und das dumpfe Knallen der Sprengungen in den Kohleminen, die an den Park grenzen. In den Minen, das berichten Polizisten, haben sich die Orang-Utans häuslich eingerichtet. Auf Streife sehen sie sie dort über Asphaltstraßen laufen und in den Abfallcontainern der Kantinen nach Essen suchen. Orang-Utans gelten als extrem anpassungsfähig. "Wenn es knallt", sagt Nazir, "dann flüchten sie sich zu uns." Erst vor zwei Wochen war das wieder so. "Der Orang-Utan kam direkt bis an mein Haus", sagt Nazir, der sich nun mit seiner Machete daranmacht, reife Ananas zu ernten.

Selbst im Kutai-Nationalpark stehen nur noch 30 Prozent des Regenwalds, der hier seit 140 Millionen Jahren wächst. Man muss in den nördlichsten Zipfel schippern, um Orang-Utans in freier Wildbahn zu sehen. Kanadische Wissenschaftler bezahlen 30 Ranger, um den Wald zu schützen. Sogar hier hat COP-Experte Paulinus Kristianto im vergangenen Jahr den Kadaver eines Orang-Utans aus dem braunen Fluss gezogen, der sich bis zur Forschungsstation schlängelt.

Umweltaktivist Paulinus Kristianto (u.) kämpft für den Regenwald, um Tiere zu schützen. Mit seiner Umweltschutzorganisation CAN Borneo schult er Kleinbauern, pflanzt neue Bäume und ist dringend auf Spenden angewiesen (canborneo.id).

Umweltaktivist Paulinus Kristianto (u.) kämpft für den Regenwald, um Tiere zu schützen. Mit seiner Umweltschutzorganisation CAN Borneo schult er Kleinbauern, pflanzt neue Bäume und ist dringend auf Spenden angewiesen (canborneo.id).

Kristianto hat sich mit dem Rücken auf den Waldboden gelegt und schaut einer spielenden Orang-Utan-Familie zu. "Nazir tut mir leid, auch wenn ich geholfen habe, ihn ins Gefängnis zu bringen", sagt er. Seine Verurteilung mag Aufmerksamkeit geweckt haben. "Aber es hilft nur eines, und das ist: Abholzung stoppen."

Offiziell gilt ein Moratorium, das Rodungen für Neuplantagen verhindern soll. Doch nach wie vor klappern Mitarbeiter der Palmölindustrie abgelegene Urwalddörfer ab, um den Chiefs ihr Land abzuschwatzen. Kristiantos Ahnen hätten die Urwaldriesen nie gefällt – aus Angst, es würden böse Geister austreten. Die Angst ist der Verlockung des Geldes gewichen. Das Abholzen geht munter weiter, das Sterben der Orang-Utans ebenso – auch wenn die indonesische Regierung vor Kurzem Ergebnisse von Zählungen vorgelegt hat, die belegen sollen, dass die Population wieder wächst. Gezählt wurde in Schutzgebieten, wo Tiere zuvor ausgewildert worden waren.

"Harmonie zwischen Mensch und Tier"

Zumindest scheinen die Zeiten vorbei, in denen Plantagenbesitzer ihren Arbeitern Prämien für jedes erlegte Tier zahlten. Manche lassen sich inzwischen von Forstingenieur Yaya Rayadin beraten. Er fordert, dass Plantagen künftig "multifunktionale Landschaften" sein sollen mit Waldkorridoren, in denen sich die Tiere bewegen und ernähren könnten. Vielleicht sogar in eigens angelegten Fruchtplan tagen, wie es sich der Chef des Kutai-Nationalparks wünscht, der den Waldschwund dem Klimawandel zuschreibt.

Für die Fälle, in denen Orang-Utans der Landwirtschaftsindustrie trotzdem in die Quere kommen, hat der Forstingenieur einen florierenden Rettungsservice eingerichtet. Der transportiert die Störenfriede gebührenpflichtig ab – wie ein Abschleppdienst. Sie landen in Rettungszentren von Hilfsorganisationen, oft überfüllt, mitunter mitfinanziert von Palmölfirmen, die sich ein gutes Image erkaufen wollen. Viele könnten in freier Wildbahn niemals überleben, weil ihnen Augen, Arme oder Beine fehlen. Für jene, die noch ausgewildert werden könnten, wird es schwieriger, überhaupt noch ein Plätzchen zu finden.

Waisenkinder werden mit Milchflaschen großgezogen. Ihre Mütter sind meist brutal getötet worden – sie lassen Säuglinge sonst nicht im Stich.

Waisenkinder werden mit Milchflaschen großgezogen. Ihre Mütter sind meist brutal getötet worden – sie lassen Säuglinge sonst nicht im Stich.

Noch leben etwa 50.000 Orang-Utans. Es gibt Berechnungen, wonach sie spätestens in 40 Jahren vollkommen ausgerottet sein könnten. Dass die Maßnahmen der Regierung etwas ändern, ist zu bezweifeln. Ein "Strategiepapier" über "Harmonie zwischen Mensch und Tier" soll erarbeitet worden sein. "Da fehlt nur noch die Unterschrift", sagt Ingenieur Sunandar, 56, der Chef der Naturschutzbehörde BKSDA auf Borneo, beim Gespräch in seinem Büro in der Hauptstadt Samarinda. Er klagt auch über die chronische Unterbesetzung seiner Behörde und macht keinen Hehl daraus, dass er sich freut, bald in Rente zu gehen.

Heißer Fall

Draußen auf dem Fluss Mahakam reiht sich Frachtschiff an Frachtschiff. Voll beladen mit Kohle ziehen sie in Richtung Seehafen vorbei. Über Kaluhara II möchte der staatliche Naturschützer am liebsten gar nicht reden. "Das war ein heißer Fall." Er wisse nicht, was mit dem Leichnam geschehen sei.

Dabei liegt Kaluhara II ein Stockwerk tiefer, im Innenhof seiner Behörde, direkt hinter dem Parkplatz. Bedienstete schießen dort mit Pfeil und Bogen aus 20 Meter Distanz auf große Scheiben, um sich die Zeit zu vertreiben. Kaluhara II ruht daneben, unter schlammiger Erde, in einem rechteckigen Grab, eingefasst mit Schalbeton. Direkt zwischen einem Delfin und einem Krokodil.

Orang Utan im Wasser: Eindrucksvolles Bild zeigt, warum wir auf die Inhalte unserer Lebensmittel achten sollten