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Entführung, Mord, Drogen Nach Anschlag in Amsterdam: Daran hat der Kriminalreporter Peter de Vries gearbeitet

Amsterdam: Kriminalreporter Peter R. de Vries (links) wurde auf offener Straße in den Kopf geschossen.
Sehen Sie im Video: Kriminalreporter in Amsterdam in den Kopf geschossen – drei Festnahmen.




Ein Mordanschlag auf den prominenten niederländischen Kriminalreporter Peter R. de Vries hat das Land erschüttert. De Vries war am Dienstagabend beim Verlassen eines Fernseh-Studios im Zentrum von Amsterdam auf offener Straße niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt worden. Der 64-Jährige sei mit einem Kopfschuss ins Krankenhaus gebracht worden, teilte die Polizei mit. Er soll um sein Leben kämpfen, hieß es. Laut Augenzeugen wurden mehrere Schüsse auf de Vries abgegeben. Die Polizei nahm eigenen Angaben zufolge drei Verdächtige fest, darunter auch den mutmaßlichen Schützen. Über die Hintergründe der Tat teilten die Behörden noch nichts mit. Eine Sonderkommission wurde eingesetzt. Die Polizei forderte mögliche Zeuginnen und Zeugen der Tat auf, sich zu melden. Der 64-jährige De Vries ist der bekannteste Kriminalreporter der Niederlande und tritt regelmäßig auch als Sprecher von Opfern oder Zeuginnen und Zeugen bei Prozessen auf. Er hatte in der Vergangenheit im Zusammenhang mit mehreren Fällen Drohungen aus der kriminellen Unterwelt erhalten. Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sprach in der Nacht zum Mittwoch von einem Anschlag auf den freien Journalismus. Politikerinnen und Politiker mehrerer Parteien sowie die Journalistengewerkschaft reagierten entsetzt.
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Investigative Journalisten sind nur selten Stars, anders Peter de Vries. Der niederländische Reporter schrieb Bestseller und war Dauergast im Fernsehen. Nun wurde er auf offener Straße angeschossen – stand er einem gefährlichen Drogendealer im Weg? 

Peter de Vries war überall, wo es nicht mit rechten Dingen zuging: Über die Entführung des niederländischen Bierbrauers Freddy Heineken schrieb er einen Bestseller, der später mit Anthony Hopkins verfilmt wurde. Für seine Berichte über die 2005 auf der niederländischen Karibikinsel Aruba verschwundene 18-jährige Natalee Holloway bekam er einen Emmy Award. Auch sein aktueller Fall hat es in sich, ein Prozess gegen einen Drogenboss. De Vries ist die Vertrauensperson von Nabil B., dem Kronzeugen. Nun ist er das zweite Opfer in diesem Zusammenhang, nachdem B.'s Anwalt vor zwei Jahren erschossen wurde.

Bekanntester Kriminalreporter der Niederlande

Peter Rudolf de Vries, 64, ist der bekannteste Kriminalreporter der Niederlande. Berühmt wurde er durch zahllose Reportagen, deckte Fälle von Polizeikorruption auf, drehte sogar eine Dokumentation über die Ermordung John F. Kennedys. Er war als Experte gern gesehener Gast im Fernsehen, betrieb eine Art Anwalts-Detektivbüro und vertritt Opfer und Zeugen von Verbrechen. Der Mordanschlag von Dienstag, war der "gezielte Versuch, Journalistinnen und Journalisten einzuschüchtern, die über organisierte Kriminalität berichten", sagte der Chef des Deutschen Journalistenverbandes, Frank Überall.

Die Schüsse fielen gegen 19.30 Uhr in der Lange Leidsedwarsstraat in Amsterdam, mitten im Zentrum der Stadt. Augenzeugen zufolge feuerte ein Unbekannter mehrfach auf den Journalisten. Die Rede ist von vier oder fünf Schüssen, de Vries hatte nach dem Auftritt einer Talkshow gerade ein TV-Studio verlassen. Auf Fotos und Videos in den sozialen Medien ist zu sehen, wie er schwer verletzt am Boden lag. Eine Anwohnerin berichtete, sie habe de Vries mit blutüberströmtem Gesicht auf dem Boden liegen sehen. Er habe nicht mehr sprechen können, sei aber noch am Leben gewesen. Bis zum Eintreffen der Rettungskräfte hat sie seine Hand gehalten.

"Peter bedeutet mir viel, ich bin ein Fan von ihm"

Das Attentat hat die Niederlande in tiefes Entsetzen gestürzt. Ministerpräsident Mark Rutte sprach von einem "Anschlag auf den freien Journalismus." König Willem-Alexander und seine Frau Máxima, die gerade Berlin besuchen, schrieben auf Facebook: "Wir sind tief geschockt. Journalisten müssen ohne Bedrohung und frei ihre wichtige Arbeit tun können." "Peter bedeutet mir wirklich viel, ich bin ein Fan von ihm. Ich hoffe so sehr, dass er überlebt", zitiert die Zeitung "De Telegraaf" eine Amsterdamerin. Am Ort des Unglücks haben zahllose Menschen Blumen hinterlegt.

Drei Verdächtige wurden nach Angaben der Polizei festgenommen, darunter auch der vermutliche Schütze. Offenbar haben sie versucht, mit dem Auto zu fliehen. Der Wagen mit zwei Verdächtigen wurde in der Nähe von Den Haag angehalten, einen dritten Mann hat die Polizei im Osten Amsterdams festgenommen. Zwei der Männer, ein Pole und ein Rotterdamer, sitzen in Untersuchungshaft, sie sollen der Polizei zufolge am Freitag angeklagt werden.

Die Hintergründe der Tat liegen noch im Dunkeln, eine Sonderkommission ermittelt. Ein Zusammenhang mit de Vries aktueller Vertretung des Kronzeugen B. ist aber nicht auszuschließen. Der Journalist selbst sagte, dass er seit 2019 auf der Todesliste von Ridouan Taghi stehe, angeklagt wegen Mordes und Drogenhandels. Er und sein Helfershelfer Said Razzouki waren Mitglieder der sogenannten Mocro Mafia, einer marrokanisch-holländischen Verbrecherbande. Razzouki werden diverse Morde zur Last gelegt. Darunter die Tötung sowohl von Derk Wiersum, Anwalt des Kronzeugen Nabil B. als auch dessen Bruder Ridouan B..

Größter Prozess in der Geschichte

Taghi ist seit rund zehn Jahren eine Größe im Drogenhandel, es geht vor allem um Kokain, Ecstasy, Marihuana. Der Prozess, der aktuell gegen ihn läuft, ist der größte und aufwändigste in der Geschichte der Niederlande. Er zeigt das besorgniserregende Ausmaß des organisierten Verbrechens im Land. "Das wichtigste Gesetz für alle, die mit Taghi zu tun haben, so heißt es: 'Wie praat, die gaat – wer redet, geht', schreibt die "Frankfurter Allgemeine" über die Erkenntnisse aus dem gigantischen Verfahren. So soll Taghi mehrfach Morde an "Geschäftspartnern" angeordnet haben. Oder der Fall des Bloggers Martin Kok, der Taghis Namen und Netzwerk erstmals öffentlich gemacht hatte. An seinem Auto wurde eine Bombe gefunden und entschärft. Ende 2016 wird Kok erschossen.

Das ist die Welt, in der sich Peter de Vries wegen seines Klienten Nabil B. zurechtfinden muss. Ob der Anschlag mitten in Amsterdam mit dem Prozess oder überhaupt mit Ridouan Taghi in Verbindung steht, muss die Polizei nun ermitteln. Der Journalist selbst jedenfalls scheint wegen seiner Arbeit nie Angst um sich selbst gehabt zu haben. Seine Sicherheit sei für ihn nie eine Option gewesen, heißt es im "De Telegraaf".

Quellen: "Het Parool", DPA, AFP, "De Telegraaf", "FAZ",  "Forbes", "The Guardian"


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