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Erdbeben-Helfer: "Leichengeruch vergisst man niemals wieder"

Nach der Erdbeben-Katastrophe in Mittelitalien sinken mit jeder Stunde die Überlebenschancen von Verschütteten. Im stern.de-Interview erklärt Erdbeben-Experte Peter Bytomski vom Technischen Hilfswerk, wie man Opfer ortet, aus den Trümmern befreit und ihnen in den ersten Minuten hilft.

Wie lange kann ein Mensch unter Trümmern überleben?

Statistisch gesehen liegt die Chance, lebend rauszukommen, nach fünf Tagen nur noch bei einem Prozent. Nach fünf Tagen ohne Wasser ist man völlig dehydriert und kann dem Koma nahe sein. Die Überlebenschance sinkt dabei proportional zum Zeitablauf. Manche Verschüttete überleben allerdings bis zu zehn Tage. Das kommt immmer wieder vor - die Regenbogenpresse spricht dann von einem Wunder. Entscheidend ist, dass der Verschüttete nicht schwer verletzt ist und dass er Zugang zu Trinkwasser hat.

Kommt es denn manchmal vor, dass Verschüttete Trinkwasser erreichen können?

Mit etwas Glück wird jemand in der Küche verschüttet. Dann gibt es bisweilen noch Flüssigkeit, die man zu sich nehmen kann. Die Verschütteten müssen dann aber psychisch sehr stark sein und nicht alles sofort austrinken, sondern sich die Flüssigkeit einteilen.

Wie werden die Verschütteten geortet?

Die Ortung verläuft immer zweiteilig. Bei der so genannten biologischen Ortung kommen Hunde zum Einsatz. Die Tiere haben eine spezielle zweijährige Ausbildung. Sie müssen genau unterscheiden können, ob der Verschüttete lebt oder tot ist. Die Hunde sollen nur dann bellen, wenn sie einen Lebenden riechen. Bei Leichen dürfen sie nicht anschlagen, damit wir unsere Zeit nicht mit der Suche nach Toten vertun. Anschließend müssen wir noch die richtige Position des Verschütteten und die Tiefe, in der er liegt, herausfinden. Dazu nutzen wir verschiedene akustische Messgeräte, manche reagieren zum Beispiel auf die Herzfrequenz oder die Atmung. Dann gibt es Suchkameras mit einem biegsamen Stahlrohr, einem kleinen Scheinwerfer und einer Endoskopkamera wie bei Darm- und Magenspiegelungen. Nur dass diese Geräte deutlich länger sind, bis zu 15 Meter. Die Kameras sind jedoch nicht immer einsetzbar. Oft stößt man auf ein großes Betonteil und kommt nicht weiter.

Was sagen sie den Verschütteten bei der Kontaktaufnahme?

Normalerweise versuchen wir erstmal, den Betroffenen ruhigzustellen. Wenn die Retter Kontakt aufnehmen, sind viele Verschüttete erst einmal euphorisch, glauben gleich gerettet zu sein. Man versucht, zu beruhigen und klarzumachen: Die Hilfe kommt, auch wenn es vielleicht noch etwas dauert.

Was passiert dann?

Nach der Ortung bestimmen die so genannten Schadensplatzberater, meist Bauingenieure mit einer Zusatzausbildung, welches der effektivste und sicherste Weg zum Verschütteten ist. Dann wird ein Startpunkt festgelegt, von dem aus es losgeht.

Wie dringen Sie zu dem Verschütteten vor?

Es wird ein Kriechgang gegraben - groß genug, dass darin jemand auf einer Rettungstrage herausgebracht werden kann. Aber auch nicht viel größer, schließlich besteht das Risiko von Druckveränderungen, die die Stabilität gefährden können. Der Kriechgang ist deshalb oft nicht breiter als 60 Zentimeter. Bei unserer Ausbildung üben wir das in engen Röhren. Besonders schwierig ist es, unter den beengten Bedingungen das Werkzeug einzusetzen.

Welche Geräte kommen zum Einsatz?

Es wird niemand mit dem Bagger kommen und Trümmerteile bewegen, das wäre viel zu gefährlich. Vorrangig ist immer noch die klassische Handarbeit mit Eimer und Schaufel. Daneben haben wir natürlich spezielle Geräte: Betonkettensägen und hydraulische Bohrhammer, die verhältnismäßig wenig Vibrationen auslösen. Außerdem Plasmaschneidegeräte mit kleinen, ultraheißen Flammen, die problemlos Stahl durchtrennen können, ohne dass es dabei zu großer Rauch- und Hitzeentwicklung kommt. Schließlich soll die Gesundheit des Überlebenden nicht durch giftige Dämpfe gefährdet werden. Daneben benutzen wir spezielle Scheren, die auch die Feuerwehr bei Massenunfällen einsetzt, wenn Menschen in Autos gefangen sind, um Metall zu durchtrennen.

Woher kommt die Sauerstoffzufuhr?

Mit Ventilatoren bringen wir Luft in den Gang, auch für unsere eigenen Leute. Wir tragen nur einen normalen Mundschutz und eine Schutzbrille gegen den Staub, aber wir haben kein Atemgerät dabei - das würde unser Körpervolumen noch weiter vergrößern. Daneben benutzen wir natürlich noch Detektoren, um gefährliche Gase und Chemikalien zu prüfen.

Was geschieht, wenn Sie zum Verschütteten durchbrechen?

Das Team hat immer einen ausgebildeten Rettungsassistenten oder einen Notarzt dabei, der mit hineingeht. Wenn wir durchbrechen, leitet der Arzt stabilisierende Maßnahmen ein. Der Verschüttete bekommt gegebenenfalls starke Schmerzmittel, damit er den Transport besser übersteht. Oft haben die Leute ein gebrochenes Becken oder Schlüsselbeinbrüche, so dass man sie fast nicht mehr bewegen kann. Dann werden sie in einen Rettungskorb gelegt und herausgezogen. Das sind Schleifkörbe mit einer speziellen Metalllegierung, die man auch über scharfkantige Metallteile ziehen oder schieben kann.

Wie lange dauert eine Rettung im Schnitt von der Ortung bis zur Bergung?

In extremen Fällen kann es von der Ortung bis zur Bergung 20 Stunden dauern. Als Retter muss man oft auf halbem Weg umkehren, weil es nicht weitergeht, und neu anfangen.

Wie hoch ist die Überlebenschance für Verschüttete, die von einem Rettungsteam geortet wurden?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Wir hatten Fälle, in denen wir Verschüttete nur noch tot bergen konnten. Manche sterben bei der Bergung an einem Schock, an Dehydration, an Sauerstoffmangel oder an inneren Verletzungen. So etwas ist nie auszuschließen. Oft passiert es auch, dass wir die Trümmer verlassen müssen, wenn ein Nachbeben kommt. Bisweilen sacken dann Trümmer nach. Wir tun alles, um die Verschütteten so schnell wie möglich rauszuholen. Äußere Umstände wie Nachbeben können wir natürlich nicht beeinflussen.

Wovor haben die Rettungskräfte selbst Angst?

Die größte Angst aller Bergungskräfte ist sicherlich, dass sie selber verschüttet werden. Wir arbeiten zwar immer im Doppelteam - zwei arbeiten und zwei sichern draußen. Aber man weiß ja nie, wie die Vertrümmerung ausfällt und ob es Nachbeben gibt. Daneben ist die Verarbeitung der Erlebnisse natürlich sehr schwer - es gibt das klassische posttraumatische Stresssyndrom. Jeder hat einen bestimmten Faktor, der bei ihm starken Stress auslöst. Bei mir ist das der Geruch von Leichen. Das vergisst man nie wieder.

Interview: Torben Waleczek