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Italien: Der Brückeneinsturz in Genua – und das Leben danach. Bericht aus einer versehrten Stadt

Die Tragödie von Genua hat die Stadt zerrissen und das Land erschüttert. Menschen, die unter der Ponte Morandi lebten, haben seit Jahren vor dem bröckelnden Betonriesen gewarnt. Jetzt ist ihr Zuhause Sperrgebiet.

Von Félice Gritti

Italien: Autobahnbrücke in Genua: Augenzeuge filmt Moment des Einsturzes

Der pensionierte Eisenbahner Ennio Guerci sitzt an seinem Computer im dritten Stock der Via Enrico Porro 10 in Genua, als sein Leben, wie er es kannte, endet. Ein dumpfes Krachen geht durch die Wohnung, der 68-Jährige stürzt ins Nebenzimmer, seine Frau Marina steht am Bügelbrett, starrt hinaus und sagt: "Oh Gott."

Es ist der Dienstag vergangener Woche, kurz vor zwölf am Mittag. Das Unglück hat Genua eine klaffende Wunde geschlagen, eine Lebensader gekappt. Und die schlimmsten Befürchtungen der Anwohner übertroffen. Denn es ist nicht so, dass es sie nicht gegeben hätte, die Ahnungen, die Warnungen vor dem Biest aus Beton, das über allem thronte.

"Ich bin tot, ich bin tot, ich bin tot."

Ennio Guerci schaut aus dem Fenster. Sein Blick sucht die Brücke, die sich ein Leben lang über seine Wohnung gespannt hat, die er liebte, als er mit ihr groß wurde, und die er hasste, als er mit ihr alt wurde. Doch wo einst 200 Meter Fahrbahn verliefen, hängt nur noch eine Wolke aus Staub in der Luft.

Guerci greift zum Handy und ruft seinen Sohn an. Corrado, 38, arbeitet als Telefontechniker und wohnt im Haus neben dem Vater. Er installiert gerade eine Leitung zwei Straßen weiter.

"Ein Stück der Brücke ist abgestürzt!"

"Das ist doch nicht das erste Mal."

"Du verstehst nicht – das ist die Apokalypse!"

Wenige Meter von Guerci entfernt liegt der Feuerwehrmann und ehemalige Serie-B-Torhüter Davide Capello in seinem zertrümmerten SUV, auf den Scheiben klebt der Staub. "Ich bin tot", sagt er sich. "Ich bin tot, ich bin tot, ich bin tot." Gerade eben noch ist er über die Ponte Morandi gefahren, auf der linken Fahrspur. Es hat so sehr geschüttet, dass Capello kaum etwas sehen konnte, als es krachte. Als die Fahrbahn unter ihm wegbrach, sein Wagen absackte und rund 40 Meter in die Tiefe stürzte.

Tagelang suchen die Retter in den Trümmern nach Überlebenden. Und Toten

Tagelang suchen die Retter in den Trümmern nach Überlebenden. Und Toten

Capello schafft es, die Feuerwehr anzurufen, ein Alarm von vielen in diesen Minuten. Er sieht kein Blut an sich, er kann durch die zerborstene Heckscheibe nach draußen klettern und stolpert über einen Schuttberg, vorbei an zerbeulten Autos. Er blickt nicht hinein, er wagt es nicht. Über den Trümmern liegt Stille.

Der Telefontechniker Corrado Guerci stürzt zu seinem Auto und rast zu seinen Eltern. Ennio Guerci und Marina Valdevit haben keine Zeit zu packen, sie wollen raus und weg aus ihrer Straße, schnell. Sie eilen die Treppe hinab, die Ennio seit 58 Jahren hoch- und runtergeht, und vielleicht ahnen sie schon jetzt, dass sie womöglich nie wieder hinaufsteigen werden.

Dieser Brücke traut niemand mehr

In den Trümmern unter der Brücke, über die Davide Capello stolpert, liegen Menschen. Es liegen dort Roberto Robbiano, 44, und Ersilia Piccinino, 41, die mit ihrem kleinen Sohn Samuele auf dem Weg waren zum Mittagessen bei Verwandten; es liegt dort Andrea Cerulli, 47, der auf dem Weg war zur Arbeit im Hafen; und es liegen dort auch Giovanni Battiloro, 29, Matteo Bertonati, 26, Gerardo Esposito, 26, und Antonio Stanzione, 29, die sich entschieden hatten, in den Urlaub nach Nizza zu fahren, statt zu fliegen.

Davide Capello ist wie durch ein Wunder fast unverletzt geblieben. Er hat ein Schleudertrauma und kommt ins Krankenhaus. "Der Herrgott", sagt er.

Der Einsturz der Morandi-Brücke in Genua hat 43 Menschen das Leben gekostet. Er hat neun Menschen schwer verletzt. Er hat eine bislang unbekannte Zahl von Menschen traumatisiert. Er hat eine Stadt entzweigerissen, die eingezwängt ist zwischen Bergen und Meer. Ein Gewirr von Gassen, dem die Genueser entwichen über diese Autobahnbrücke. Über diese wichtigste Ost-West-Verbindung, die nun fehlt und deren Fehlen die Stadt zu lähmen droht, den Hafen, den Tourismus, die Bürger. Vor Genua liegen anstrengende Zeiten.

Vor Ennio Guerci, seiner Frau Marina Valdevit und dem Sohn Corrado liegt die Ungewissheit.

Denn mit der Brücke stürzte auch das Leben von mehr als 600 Menschen ein, die evakuiert wurden. Sie wohnten in Certosa, einem Arbeiterviertel am Ostufer des Polcevera, und sie können wohl nie wieder zurück in ihre bescheidenen Wohnungen, denn niemand traut mehr der Brücke über den Dächern. Manche haben jahrzehntelang unter dem Ungetüm aus Beton gelebt. Und manche haben jahrelang gegen das Ungetüm gekämpft.

Schon Ennio Guerci ist hier aufgewachsen, seine Söhne wurden in dem Viertel unter der Brücke geboren. Jetzt darf er nicht mehr in seine Wohnung

Schon Ennio Guerci ist hier aufgewachsen, seine Söhne wurden in dem Viertel unter der Brücke geboren. Jetzt darf er nicht mehr in seine Wohnung

Ennio Guerci ist einer von ihnen.

Zwei Tage nach der Katastrophe steht Guerci an einem Absperrgitter in seinem Viertel und versucht zu verstehen. Er ist der Sprecher der Bürgerinitiative Via Porro. "600 Nachbarn haben sich zusammengeschlossen", sagt Ennio Guerci. Seit 2006 fordern sie mehr Kontrollen der Brücke. Teile seien abgebröckelt, schon lange. Aber das jetzt? Hätten sie gedacht, dass es so weit kommen kann? "Nein", sagt er und schüttelt heftig den Kopf. "Nein, nein."

Sein kariertes Kurzarmhemd hat Ennio Guerci in die blaue Hose gesteckt, er trägt eine Sonnenbrille auf der großen Nase, Portemonnaie und Handy in der Hosentasche. Sein Sohn Corrado hat ein blaues Polohemd an und Jeans, auch er hat Portemonnaie und Handy bei sich. Das ist alles. Der Rest liegt in den Wohnungen, die sie vor langer Zeit gekauft haben.

Wie versteinert

Hier, unter einer niedrigen, rostigen Eisenbahnbrücke am Rand der geräumten Zone, hat die Feuerwehr Gartenstühle aufgestellt und ein Zelt. Zweihundert Evakuierte warten, viele seit Stunden. Hausfrauen, Bauarbeiter, Stahlarbeiter, manche haben den Kredit für ihre Wohnung erst vor Kurzem abbezahlt. Unzählige Male sind sie über die Brücke gefahren. Sie reden, rauchen, fächern sich Luft zu, und sie lachen zusammen, denn wer lacht, der weint nicht und vergisst seine Wut.

Die Feuerwehr führt die Leute einzeln zu ihren Wohnungen. Sie haben ein paar Minuten Zeit, um ihr Leben in Tüten zu stopfen. Niemand hier weiß, ob er noch einmal zurückdarf. Die Feuerwehrleute rufen die Namen durch ein Megafon auf, es gibt eine Liste, und als Corrado und sein Bruder Daniele die Familie Guerci um zwölf Uhr eingetragen haben, standen bereits zweihundert Namen darauf.

Anwohner des Viertels warten an den Absperrungen. Corrado Guerci, Ennios Sohn, tröstet eine Nachbarin

Anwohner des Viertels warten an den Absperrungen. Corrado Guerci, Ennios Sohn, tröstet eine Nachbarin

Sie wissen nicht, wann sie an die Reihe kommen, sie wissen nicht, was die nächsten Wochen bringen, manchmal scheint es, als wüssten sie nicht, was das alles bedeutet. "In meinem Kopf ist Chaos", sagt Corrado und wischt sich den Schweiß von der Stirn, sein Blick fliegt hin und her, ohne Halt, ohne Ruhe. Fragt man Ennio Guerci, wie es weitergehen soll, dann schweigt er, hebt die Schultern und senkt die Mundwinkel. Seine Züge sehen aus wie versteinert.

Corrado ist bei seinem Bruder Daniele untergekommen, sein Vater beim Schwager. Es ist das erste Mal, dass sie nicht in der Via Enrico Porro leben.

Dort ist Ennio Guerci 1950 zur Welt gekommen, schon sein Vater arbeitete für die Bahn. Als er zehn war, zog die Familie ein paar Häuser weiter, in die Nummer 10, dritter Stock. Als er 13 war, standen die Baukräne vor seinem Fenster, vier Jahre später fuhren die Autos über die Brücke. Der mächtige Bau galt als Kunstwerk, die Genueser waren stolz, und Ennio war es auch, die Brücke gehörte zu ihm.

Alles verloren

Mit seiner Frau übernahm er die Wohnung. 1976 gebar Marina den ersten Sohn Daniele, vier Jahre später Corrado. Sie kamen zur Welt unter der Brücke, sie schlugen sich die Knie auf unter der Brücke. Wenn sie abends einschliefen, dann lauschten sie der Brücke und konnten sagen, ob ein Lastwagen über sie hinwegfuhr oder ein Kleinwagen, und wenn sie morgens aufwachten, dann blickten sie aus ihrem Fenster und sahen die Brücke.

Corrado und Daniele wurden unter der Brücke zu Männern. Die Brücke über ihnen wurde zum Greis.

Der Verkehr nahm zu, mehr und mehr Lkws kamen aus dem Hafen. Die Vibrationen, die Ennio Guerci in der Wohnung spürte, wurden stärker. Immer öfter bröckelten Teile des Brückenbetons ab. 2006 gründete er mit Nachbarn die Bürgerinitiative, sie forderten umfassende Inspektionen, grundlegende Reparaturen. Jeden Monat kamen sie zusammen, schrieben Briefe an Politiker und Autostrade, die Betreibergesellschaft. Manchmal ließ man sich auf ein Treffen ein, seit 2014 aber hat Ennio Guerci keinen Autostrade-Vertreter mehr gesehen. Dafür wurde immer öfter an der Brücke gearbeitet, doch es war Stückwerk, keine Sanierung, und noch immer bröckelten Teile ab, noch immer nahm das Vibrieren zu. Zuletzt brannten die Baustellenlichter fast jede Nacht, auch in jener vor dem Unglück. Das Kreischen und Hämmern raubte dem Viertel den Schlaf.

40 Meter fiel Davide Capello in seinem Auto in die Tiefe. Und hatte großes Glück: Er überlebte fast unverletzt

40 Meter fiel Davide Capello in seinem Auto in die Tiefe. Und hatte großes Glück: Er überlebte fast unverletzt

Sie lebten und litten unter der Brücke. Doch Autostrade, sagt Ennio Guerci, habe beschwichtigt. Die letzte Nachricht habe die Initiative im Juli erhalten. Man solle sich keine Sorgen machen.

Als er das erzählt, vor dem Gitter, das ihm den Weg zu seinem Zuhause versperrt, drückt Ennio Guerci den Rücken durch und erklärt: "Ich möchte jetzt einen starken Satz sagen." Er presst die Lippen aufeinander. "Ihr Deutschen", sagt er, "hattet die Kriminellen zu einer anderen Zeit. Wir Italiener haben sie jetzt." Er meint Autostrade. "Das kommt von Herzen. Ich habe alles verloren."

Ein Sündenbock ist schnell gefunden

Davide Capello, der mit seinem Auto in die Tiefe gestürzt ist, sagt: "Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in einer modernen Gesellschaft passiert. Das ist eine der meistbefahrenen Straßen Italiens!"

Wie die Teile von der Brücke bröckelten, so bröckelt das Vertrauen der Italiener in ihren Staat, und die Ponte Morandi hat daran einen beträchtlichen Anteil.

Fast die Hälfte der Hinterbliebenen boykottierte die offizielle Trauerfeier am vergangenen Samstag in Genua. Sie machen den Staat für die Katastrophe verantwortlich. Die Vertreter der Regierung ernteten dennoch Applaus, allen voran die Vize-Ministerpräsidenten Matteo Salvini von der rechtsnationalen Lega und Luigi di Maio von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung.

Die Koalitionäre hatten schnell einen Sündenbock gefunden: Schon am Tag nach der Tragödie forderte der Fünf-Sterne-Verkehrsminister Danilo Toninelli eine Strafe von bis zu 150 Millionen Euro für Autostrade. Am Freitag drohte er dem Unternehmen, die Regierung werde ihm die Lizenz entziehen. Autostrade betreibt mit etwa 3000 Kilometern rund die Hälfte des italienischen Autobahnnetzes.

Die Feuerwehr begleitet zwei Genueserinnen zu ihren Wohnungen. Die Evakuierungen werden immer wieder unterbrochen – aus Angst vor einem weiteren Einsturz

Die Feuerwehr begleitet zwei Genueserinnen zu ihren Wohnungen. Die Evakuierungen werden immer wieder unterbrochen – aus Angst vor einem weiteren Einsturz

Warum die Brücke einstürzte und wer tatsächlich die Verantwortung trägt, ist unklar. Experten vermuten ein gerissenes Tragseil, aber das ist nur eine Hypothese. Der Oberstaatsanwalt von Genua ermittelt unter anderem wegen fahrlässiger Tötung.

Autostrade beteuert, man habe alle Vorschriften erfüllt. Ob das stimmt, kann bislang niemand sagen. In jedem Falle fällt es Populisten leicht, Autostrade an den Pranger zu stellen: Die Mautgebühren gelten als die höchsten in Europa, das Unternehmen erwirtschaftet Milliardengewinne und ist in der Hand der Atlantia-Holding, hinter der die Benettons stehen. Der Unternehmer-Clan gelangte mit der Modemarke "United Colors of Benetton" zu Geld und Macht.

Und die Überlastung der Brücke war bekannt. Seit den 60er Jahren hat sich der Verkehr vervielfacht, zuletzt fuhren jährlich rund 25 Millionen Autos über die Ponte Morandi. Ein neues Autobahnprojekt, die "Gronda", sollte die Strecke entlasten, wurde aber von der Fünf-Sterne-Bewegung bekämpft. Warnungen vor einem Einsturz bezeichnete ein Stadtrat der Bewegung als "Märchen".

Genua ist eine verunsicherte Stadt

2015 schob Autostrade die Sanierung zweier Pfeiler an, einer von ihnen ist nun eingestürzt. Die Kommission im Verkehrsministerium, die Autostrade kontrolliert, beschloss das Projekt erst im vergangenen Mai, wie "La Repubblica" berichtet. Der Leiter der Kommission beklagte in der Vergangenheit mangelnde Mittel, die Kontrollen hätten sich zwischen 2011 und 2015 halbiert. Der "Corriere della Sera" schrieb: Die Firma Autostrade "verdient übermäßig, ohne zu reinvestieren, weil niemand sich die Mühe macht, sie zu kontrollieren".

In den Häusern bleibt den Anwohnern wenig Zeit. Sie dürfen nur mitnehmen, was sie tragen können

In den Häusern bleibt den Anwohnern wenig Zeit. Sie dürfen nur mitnehmen, was sie tragen können

Am Nachmittag harrt Ennio Guerci noch immer an der Absperrung aus, tigert durch die drückende Hitze, nippt an einer Wasserflasche. Er hat hier eigentlich nichts zu tun, seine Söhne werden die Sachen aus der Wohnung holen, aber wo soll er sein, wenn nicht hier? Er spricht mit einem Nachbarn, kurz nur, dann irrt er weiter, setzt sich auf eine Stufe, steht wieder auf, spricht mit dem nächsten.

Corrado tritt heran und legt seinem Vater die Hände auf die Schultern. Mehrmals schon haben sie besprochen, was sie aus der Wohnung holen, sie besprechen es noch einmal. Sandalen, Unterwäsche, Medizin, Dokumente, Computer-Passwörter, vor allem aber möchte Ennio Guerci seine Lesebrille haben. Lesen, sagt er, vielleicht verschaffe ihm das Ruhe. Dann zieht eine kühle Brise durch die Straße, für einen Augenblick verfliegt die Hitze über dem Asphalt, aber Corrado blickt hoch zur Brücke und sagt: "Der Wind macht mir Angst."

Genua ist in diesen Tagen eine verunsicherte Stadt, eine versehrte Stadt. Wer hier unterwegs ist, der trifft Taxifahrer, die ratlos die Hände heben, von "Desaster" reden und Hilfe aus dem Ausland fordern; der trifft ein Ehepaar aus der Via Enrico Porro, dessen neunjährige Tochter im Bürgerzentrum die kaputte Brücke malt; und der trifft den freiwilligen Helfer, der als einer der Ersten in den Trümmern war und mit leerem Blick abwinkt, nein, er könne sich nicht erinnern, wie viele Leichen er hinausgezerrt habe. Sie alle haben ein Leben vor und ein Leben nach dem Einsturz, und es wird dauern, bis sie sich in dem Leben danach zurechtfinden.

Vater Ennio (Mitte) bespricht mit seinen Söhnen Corrado (links) und Daniele (rechts), was sie aus der Wohnung holen sollen

Vater Ennio (Mitte) bespricht mit seinen Söhnen Corrado (links) und Daniele (rechts), was sie aus der Wohnung holen sollen

Um 18.47 Uhr am Donnerstagabend tut die Familie Guerci einen kleinen Schritt in dieses Leben. "Corrado Guerci!", krächzt das Megafon. Corrado und Daniele stürzen hinter das Absperrgitter, die Feuerwehrleute reichen ihnen gelbe Sicherheitshelme. Auf der anderen Seite der Absperrung konnten sie kaum still sitzen, aber jetzt, auf dieser Seite, werden ihre Bewegungen langsam. Zögernd ziehen sie den Gurt am Hinterkopf fest und greifen sich einen Einkaufswagen. Dann trotten sie unter den Platanen davon, vorbei an Graffiti und einer verlassenen Tankstelle, die leere Straße ihrer Kindheit entlang.

Ruhe finden

Eine Stunde später kehren sie ächzend zurück, den Einkaufswagen voller Kleidung, darauf ein Computer, eine Gitarre. Das Haar klebt den Brüdern an den Schläfen, der Mund steht offen, der Blick ist leer. Um 19.48 Uhr schließt sich das Gitter hinter ihnen, ihre Heimat ist wieder Sperrgebiet. "Anstrengend", sagt Corrado, doch er lacht, wirkt befreit.

Davide Capello, der Überlebende, hat kurz zuvor das Krankenhaus verlassen. Sein Körper ist gesund, seine Seele braucht Hilfe. Bald beginnt seine Traumatherapie.

Ennio Guerci, der Verlorene, ist zurück zu seinem Schwager gefahren. Die Söhne haben alle seine Sachen gefunden. Morgen, an Tag drei seines neuen Lebens, wird Ennio Guerci zumindest seine Lesebrille wiederhaben. Und vielleicht ein wenig Ruhe finden.

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