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Milben als Putzkolonne Nachts haben kleine Tiere Sex auf unseren Gesichtern – sie tun etwas Nützliches

Ein Mann mit Schlafbrille. Im Schlaf findet bei den meisten Menschen eine biologische Gesichtspflege statt
Teile unserer Haut sind Tummelplatz kleinster Lebewesen, die sogar nützlich für unsere Gesichtspflege sind
© Kay Blaschke/ / Picture Alliance
Gesichtspflege beim Menschen sind nicht nur Seife und Cremes – auf unserer Haut leben unzählige nützliche winzige Lebewesen. Nachts werden sie aktiv.

Hatten Sie heute schon Ihre Milben-Gesichtspflege? Die Antwort "nein" dürfte in den meisten Fällen falsch sein. Denn die winzigen Lebewesen, von denen hier die Rede ist, besiedeln schätzungsweise mehr als 90 Prozent der Menschen weltweit. Sie werden über die Muttermilch weitergegeben.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Winzlinge bei den meisten von uns in der vergangenen Nacht das getan haben, was sie so tun – Talg futtern und Sex haben, und das mitten in unseren Gesichtern, wenn wir schlafen.

Ein Milbenleben ist kurz, aber offenbar nicht freudlos. Etwa zwei Wochen werden die winzigen Achtbeiner alt, die jüngst zu einem vieldiskutierten Forschungsgegenstand geworden sind. Sie leben tief in der Haut, an den Haarfollikeln unserer Gesichter, Brustwarzen und Wimpern und ernähren sich von dem Talg, den unsere Poren absondern und von abgestorbenen Hautzellen. Die BBC schrieb in der vergangenen Woche eine wahre Lobrede auf die kleinen nützlichen Helfer bei der Gesichtsreinigung.

Haarbalgmilben sind kleine Helfer in unserer Gesichtspflege

Wissenschaftlich haben die 0,3 Millimeter kleinen Organismen den Namen Demodex folliculorum. Auf Deutsch nennt man sie Haarbalgmilben.

An der Universität Wien erschien Anfang vergangener Woche eine Studie über die kleinen Organismen. Alejandro Manzano Marín und sein Team schreiben in einem Artikel in "Molecular Biology and Evolution" über die seltsamen Eigenschaften der Mini-Lebewesen. Den Forschern gelang es, das Genom dieser Milben zu analysieren und zu sequenzieren.

Die Studie der Forscher legt nahe, so heißt es in mehreren Berichten dazu, dass Haarbalgmilben keine waschechten Parasiten mehr sind, sondern sich so entwickeln, dass sie eine Symbiose mit den Menschen eingehen. Will heißen: Sie sind nicht schädlich, sondern tun nützliche Dinge – etwa die erwähnten Reinigungsarbeiten bei Nacht.

Verursachen die kleinen Milben Hautirritationen?

Bislang wurde vermutet, dass ihre Tätigkeiten Hautirritationen auslösen können. Denn man ging davon aus, dass sich der Körper der kleinen Milben im Laufe ihres Lebens mit Kot füllt, weil sie keinen Anus hätten. Beim Tod der Tiere würde dann der gesammelte Kot auf einmal freigesetzt, was die Haut reizen würde.

Die aktuelle Studie legt jedoch nahe, dass die Tiere doch ein Ausscheidungsorgan besitzen und ihre Ausscheidungsprodukte regelmäßig abgeben. Der Anus ist wohl so winzig, dass er bei früheren Forschungsarbeiten schlicht nicht erkannt wurde. Die Gesichtsreinigung durch die Milben-Putzkolonne dürfte also ohne unerwünschte Folgen für den Menschen vonstatten gehen, so jedenfalls der aktuelle Stand der Forschung.

Nachts, wenn wir schlafen, werden die kleinen Milben fit, ihr Muntermacher ist das Schlafhormon Melatonin, das wir nachts ausschütten. Dann wandern die Haarbalgmilben zwischen den Haarfollikeln herum, suchen nach möglichen Paarungs-Partnern und haben Sex. Auf unserem Gesicht.

Die kleinen Milben sind lichtscheu, denn ihnen ging im Laufe ihrer Evolution der Schutz gegen das UV-Licht verloren, auch das zeigen die Untersuchungen. Milbensex im Gesicht findet also stets im Schutze der Dunkelheit statt.

Wer es jetzt genau wissen möchte, wie Milben es tun: Das Milben-Männchen muss stets eine Position unter dem Weibchen einnehmen, denn sein Penis ragt von der Vorderseite des Körpers nach oben. Milben-Weibchen liegen grundsätzlich oben.

Haarbalgmilben sind extrem angepasst an das Leben in der menschlichen Haut

Das alles klingt nach einem sorglosen Milben-Leben, zumal die kleinen Spinnentiere extrem gut an das Leben auf der menschlichen Haut angepasst sind, wie die Wissenschaftler beschreiben. Haarbalgmilben haben auch keine Nahrungskonkurrenten auf unserer Haut.

Ein Problem haben die Winzlinge dann aber doch: Im Verlauf ihrer Entwicklung und wegen ihrer isolierten Lebensweise hätten sie sich zwar optimal an das Leben auf der menschlichen Haut anpassen können, jedoch sei ihr Genpool gleichzeitig extrem geschrumpft. Deshalb könnten sie sogar in Gefahr geraten, eines Tages auszusterben, legt die neue Studie nahe.

Was schade wäre, leisten sie doch Nacht für Nacht einen wertvollen Beitrag zur Gesichtspflege.

Quellen: BBC, "Spektrum der Wissenschaft, "Molicular Biology and Evolution", "N-TV.de" "Berliner Zeitung"


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